Josef Gredler

23  „Kompetenzorientierung“ und das Gefühl, „Amerika“ entdeckt zu haben (01.08.2012)

 

   Was muss das früher für eine armselige Schule gewesen sein, als Lehrerinnen und Lehrer um acht Uhr früh nicht mit einem „kompetenzorientierten Unterricht“ begonnen haben. Haben sie da in pädagogischer  Unwissenheit  auf das Wichtigste vergessen? Diese Frage musste ich mir tatsächlich stellen, als ich an einem fortbildenden Seminar über Anforderungen an einen effizienten Unterricht teilgenommen habe. Der Referent gebraucht „Kompetenz“ und „kompetenzorientierten Unterricht“ in fast unerträglicher  Häufigkeit. Würde man diese Vokabeln streichen, müsste sein Skriptum um ein Drittel schrumpfen. Zugegeben, ein Drittel ist schon etwas übertrieben, aber einigermaßen abgemagert würde das Skriptum  schon ausschauen. Die Ausführungen des Referenten klingen vor allem dank dieser „Kompetenz“ und „Kompetenzorientierung“ überaus intellektuell. Zweifelnde im Publikum wagen es nicht, anzufragen, nachzufragen oder gar in Frage zu stellen, zumindest nicht laut. So nimmt also dieses Referat, in dem  jeder dritte Satz mit „Kompetenz“ ausgestattet ist, weiter seinen Lauf. Diese „Kompetenzorientierung“ gebraucht der Referent jedes Mal mit sichtbarer Genugtuung. Das muss ich bei der zigfachen Verwendung dieses Begriffes aus seinem Gesichtsausdruck schließen Als hätte der das Amerika der Schule entdeckt. Eigentlich war Kolumbus ja der Meinung, Indien entdeckt zu haben, aber was soll’s, Hauptsache, was Neues. 

   „Kompetenzorientierter Unterricht“ ist  zu einem höchst strapazierten und unverzichtbarem Begriff geworden, wenn von der Schule die Rede ist. Wer nach Höherem strebt, darf in seinen Auftritten und Ausführungen auf die regelmäßig wiederkehrende Verwendung dieser Vokabel nicht vergessen. Man könnte fast meinen, als habe sich die Schule „vor der Kompetenzorientierung“ in pädagogischer Umnachtung befunden. Wenn das Österreichische Wörterbuch in Übereinstimmung mit dem Duden „Kompetenz“ mit „Zuständigkeit“ und „Befugnis“ übersetzt, dann darf kein Zweifel darüber aufkommen, dass schulische Bildung unverzichtbar das Ziel haben muss, dass ihre Schülerinnen und Schüler möglichst viele Zuständigkeiten und Befugnisse für ihr berufliches und persönliches Leben erwerben. Aber hat das die Schule nicht schon vor der Entdeckung der „Kompetenzorientierung“ getan bzw. sich darum bemüht. Natürlich muss Schule in diesem Bemühen immer offen bleiben und bereit sein, das Lernen und die Lernbedingungen ständig zu verbessern. Auf meine immer wieder gestellte Frage, was denn genau das spezifisch Neue am „kompetenzorientierten Unterricht“ sei bzw. was diesen vom bisherigen (nicht als „kompetenzorientiert“ bezeichneten) Unterricht konkret unterscheidet, habe ich bis heute keine befriedigende und klare Antwort bekommen, auch von jenen nicht, die mit dieser Vokabel nur so herumwerfen. Haben gute Lehrerinnen und Lehrer das, was mit „kompetenzorientiertem Lernen“ gemeint ist, nicht schon vor der Erfindung dieses Begriffes getan?

   Natürlich war und ist Lernen in der Schule ständig verbesserungsbedürftig. Lehrerinnen und Lehrern und allen, die leitend bzw. politisch dafür Verantwortung tragen, muss das täglich bewusst sein. Aber haben wir mit der „Kompetenzorientierung“ tatsächlich „Amerika“ für die Schule entdeckt? So wie Kleider nicht wirklich Leute machen, machen Begriffe auch nicht wirklich Schule. Oft habe ich den Eindruck, dass die „Kompetenz“ zu sehr auf den Lippen ihrer Protagonisten und Anhänger  klebt, Unterrichtsplanung und Klassenbücher voll von diesen Kompetenzen sind, aber die tatsächliche Veränderung bzw. Verbesserung des Unterrichtes schwer auszumachen ist. Diesseits und jenseits aller „Kompetenzorientierung“ muss allen, die für Schule Verantwortung tragen, bewusst sein, dass Neuerungen in der Schule  immer daran zu messen sind, ob sie die Schule auch tatsächlich verbessern. Diese Verbesserung muss sich in Evaluierungen, z. B. PISA, bestätigen. Der Stachel von PISA sitzt in Österreich sehr tief. Wenn dann der kompetenzorientierten österreichischen Schule bei künftigen PISA-Tests keine Verbesserung im Ranking bestätigt wird, dann war die „Kompetenzorientierung“ nur heiße Luft und wir werden nach einem anderen „Stein der Weisen“ suchen.

 

© Josef Gredler