Josef Gredler

22  Hintergründige Nachlese zur EURO 2012 (03.07.2012)

 

    Ein Fußball und 22 Spieler haben die Politik und, was sonst noch so in der Welt passiert ist, für ein paar Wochen vergessen lassen, zumindest in den Schatten gestellt. Ein nahezu magischer Spektakel ist seit gestern Geschichte.

    Ein Land ist als großer Sieger und Champion hervorgegangen, das wirtschaftlich am Abgrund tanzt, und seine europäischen Nachbarn müssen ihm zu Hilfe kommen, damit dieser Absturz verhindert wird. Im finanziell völlig maroden Spanien werden die höchsten Spielergehälter bezahlt; die Sieger dieser EURO verdienen bei ihren Clubs an einem einzigen Tag ein Vielfaches von dem, was die meisten Menschen in Spanien und auch bei uns pro Jahr verdienen. Ähnliches gilt für den Verlierer des Finales, Italien, das - nebenbei erwähnt - auch den Rettungsschirm der EU benötigt. Zwei Länder, die wirtschaftlich und finanzpolitisch unter akuter Atemnot leiden, sind für Fußballheroen jedoch ein wahres Schlaraffenland, in dem sie astronomische Gehalter bekommen. Da stimmt doch etwas nicht!

    Eigentlich müssten die „kleinen“ Leute dort, die sich das Geld, das sie zum notwendigen Lebensunterhalt mühsam verdienen oder auch das nicht mehr können, aufschreien und auf die Barrikaden steigen.  Sie haben jedoch großteils in den frenetischen Jubel über die Erfolge ihrer Fußballgötter eingestimmt, bereit zur Ekstase. So als hätten sie persönlich gewonnen, und heute und morgen erleben sie das auch so. Die Siege ihrer Überirdischen haben sie ihre Not vergessen lassen – für ein paar Stunden sind sie einmal selber groß, für ein paar Stunden sind sie selber diese Götter. Dann schrumpfen sie wieder auf ihr vormaliges Maß, müssen wieder zur Normalität zurückkehren und ihre Einkaufswägelchen bescheidener füllen. Aber für kurze Zeit hat der Fußball ihre Not verdrängt und die Grautöne ihrer Realität wie eine Droge in leuchtendes Rot, Orange, Gelb oder Blau getaucht, entsprechend den Fußballdressen ihrer Helden.

    Eine der beiden Bühnen für die Spiele dieser EURO 2012 wurde in einem Land errichtet, das dafür alle politischen, ökologischen und humanitären Hindernisse mit Baggern und Kränen aus dem Weg geräumt hat. Diejenigen, die diese EURO diesem Land übertragen haben, darf man nicht aus der Verantwortung entlassen. Sie wussten, was sie taten und warum sie es taten. Ob derartige Megaevents mit so hoher internationaler Reputation und wirtschaftlicher Anziehungskraft immer sauber und ohne Geldinjektionen vergeben werden?

    Die Botschaften gegen Gewalt und Rassismus, für Toleranz und Humanität, die von den Mannschaftskapitänen vor jedem Spiel im Stadion über große Lautsprecheranlagen verlesen wurden, hatten nicht einmal auf der Rasenfläche für die Dauer des Spieles ihre Gültigkeit.

    Wenn man das Fenster zur Welt so weit aufmacht, dass alle hereinschauen können, dann muss man das, was die Welt nicht sehen soll, verstecken oder verschwinden lassen. So hat man mit den streunenden Hunden kurzen Prozess gemacht. Und politische Proteste wurden im Keim erstickt. Man will ja kein schlechtes Bild, keinen schlechten Eindruck machen. Ganz nach dem Grundsatz, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf.

   Tribünen sind bei einem solchen Ereignis nicht nur zum Zuschauen da, sondern auch, um sich der Welt zu zeigen, um von ihr gesehen zu werden. Die Granden oder VIPs, wie man sie jetzt nennt, kamen bei jedem Spiel ins Bild und wussten,  das sind hoch dotierte und unbezahlbare Werbeeinschaltungen für ihr Gesicht und ihren Namen.

    Beim Abspielen der Hymnen der beiden Mannschaften sah man Spieler, die leidenschaftlich mitsangen, andere taten das eher als halbherzige Lippenbeweger  und wieder andere brachten den Mund überhaupt nicht auf. Wetten, dass einige nicht einmal den Text der Hymne ihres Landes kennen, für das sie spielen? Da wäre eine außerordentliche Stunde Staatsbürgerkunde verbunden mit Gesangstraining für die Bundeshymne angebracht. Ein Torhüter war da allerdings eine ganz rühmliche Ausnahme, als er jedes Mal mit sichtbarer Überzeugung und Leidenschaft aus Leibeskräften die Hymne sang. Man hat gespürt, dass das kein Theater war.

    Die Fußbälle, um die sich alles dreht, werden von Menschen, vor allem Frauen in Asien unter unmenschlichen Bedingungen und bei ausbeuterischer, menschenverachtender  Entlohnung produziert. Aber wen interessiert das schon, wenn Zigtausende im Stadion und Zigmillionen vor den Fernsehschirmen in ekstatischer Begeisterung sich die Seele aus dem Leib schreien, wenn dieser Ball im gegnerischen Tor zappelt? Da fragt doch niemand mehr, wer, wo, wie und von wem dieser Ball hergestellt worden ist.

    Den Protesten im Vorfeld gegen eines der beiden Veranstalterländer hielten viele die Feststellung entgegen, Sport habe nichts mit Politik zu tun. Das ist entweder grenzenlose Dummheit,  heuchlerische Ausrede oder unverschämte Lüge. Wenn Fußball wirklich nur ein Spiel wäre, wie einer der großen Stars in einem Interview gemeint hat – das wäre zu schön, um wahr zu sein, denn Fußball ist, solange er ein Spiel bleibt, eine faszinierende Nebensache - für Spieler und Zuschauer.

 

© Josef Gredler