Josef Gredler

19  Wenn Wegschauen und Schweigen zur Sünde wird (14.05.2012)

 

   Was passiert da nicht alles auf der großen hell erleuchteten Bühne des Weltgeschehens, aber auch abseits der großen öffentlichen Aufmerksamkeit, an den Rändern des medialen Interesses, in den dunklen Nischen und in den nicht einsehbaren Winkeln des täglichen Lebens, weil: Menschen einfach wegschauen, Dinge einfach geschehen lassen, sich nicht einmischen wollen, sich unbedingt heraus halten wollen, lieber den Mund halten, sich nicht die Finger verbrennen wollen... Da mische ich mich nicht ein. Das ist nicht meine Angelegenheit. Das sollen die selber klären. Ich sage nichts. Ich weiß nichts. Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. So oder ähnlich stehlen sich Menschen aus ihrer Verantwortung, aber auch Organisationen und Regierungen haben das auf ihre Fahnen geschrieben.

   Da wird ein behinderter Mann von seinen Eltern wie ein Tier gehalten und eines Tages durch Zufall in einem erschütternden Zustand aufgefunden. Niemand von den Nachbarn hat etwas gehört, gesehen, bemerkt - achtundzwanzig Jahre lang. Richtig ist, niemand will etwas gesehen, gehört oder bemerkt haben. Da wird das Leben für einen Menschen zur unbeschreiblichen Qual, weil alle wegschauen und alle schweigen. Kein Einzelfall leider, so oder so ähnlich auch anderswo geschehen… Eine Frau wird auf offener Straße am helllichten Tag in der Stadt überfallen und bleibt schwerst verletzt am Boden liegen. Leute gehen an ihr vorbei, Passanten im wahrsten Sinn des Wortes. Niemand bleibt stehen, niemand kommt ihr zu Hilfe. Als würden sie die Frau gar nicht sehen. Sie wollen damit nichts zu tun haben. Die Frau verstirbt noch an Ort und Stelle... Ein Kind wird von seinem Stiefvater immer wieder körperlich misshandelt. Die Mutter des Kindes und Lebensgefährtin des Peinigers weiß es, aber schweigt, tut nichts. Offenbar wissen auch andere aus der nächsten Umgebung Bescheid. Das Kind stirbt an den Folgen dieser Misshandlungen. Wie ist so etwas nur möglich?  Im Gerichtssaal sind alle entsetzt…Ein Krankenpfleger überquert nach getaner Arbeit, es ist schon dunkel, eine Straße der Innenstadt. Plötzlich wird er von einem Pärchen attackiert, das es auf seine Geldtasche abgesehen hat. Er wehrt sich. Ein anderer Mann beobachtet den Vorfall. Die Polizei kommt. Zwei Monate später steht der Krankenpfleger vor Gericht, weil dieses Pärchen ihn beschuldigt, er habe sie beide attackiert, außerdem sei die Frau schwanger. Ein Zeuge, der ihn entlasten könnte, er hat aus sicherer Entfernung alles beobachtet, will nichts gesehen haben, ist nicht zur Zeugenaussage bereit. Er will nichts damit zu tun haben, will da nicht hineingezogen werden... Als Versuch wird auf einer Landstraße ein Unfallopfer vorgetäuscht, das am Straßenrand liegt. Man möchte wissen, wie lange es dauert, bis jemand anhält und sich um das vermeintliche Unfallopfer kümmert. Unglaublich, aber da ist lange Zeit niemand stehen geblieben… Solche oder ähnliche Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Man möchte sich weigern zu glauben, dass das möglich ist. Es ist nicht nur möglich, sondern Realität – in einem unglaublichen Ausmaß, von dem nur die Spitze des Eisberges publik wird.

   In Tibet hat sich die Menschenrechtslage dramatisch verschlechtert. Das große China kennt da kein Pardon mit den Autonomiebestrebungen der Tibeter. Diese versuchen verzweifelt, sich gegen das totalitäre China zu behaupten und zu wehren. Mit Selbstverbrennung versuchen Tibeter, die Weltöffentlichkeit auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Aber die Weltpolitik schaut ganz einfach weg. Kaum jemand wagt es, bei Staatsbesuchen im Reich der Mitte auf die Menschenrechtskatastrophe in Tibet hinzuweisen. Man weiß ja, dass das große China darauf ganz indigniert reagiert und unmissverständlich klarstellt, Tibet sei eine innerstaatliche Angelegenheit Chinas. Und man will es sich mit dem wirtschaftlich mächtigen China nicht verderben. Daher scheint es den meisten Regenten bei einem Staatsbesuch in China ratsam, Tibet gar nicht erst zu erwähnen und wenn, dann nur Alibi halber, um den „Erfolg“ des Staatsbesuches und die mit dem Staatsbesuch verbundenen eigenen Interessen nicht zu gefährden. Wenn der Dalai Lahma nach Österreich kommt und über Weltfrieden, universelle Verantwortung und menschliche Werte in der heutigen Gesellschaft redet, dann wäre interessant festzustellen, wer von den führenden Vertretern Österreichs traut sich hinzugehen.

Da wird diskutiert, ob die Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine angesichts der menschenverachtenden und skrupellosen Justiz durch den ukrainischen Staatspräsidenten, der seine politische Gegnerin und ehemalige Ministerpräsidentin  in einem politisch motivierten Prozess aus dem Weg räumen lässt, indem er sie ins Gefängnis steckt. Die sportlichen Verbände des Fußballs, viele Fußballer und Funktionäre des Fußballs bedauern zwar das Schicksal der inhaftierten Ex-Regierungschefin und verurteilen den Menschenwürde und Menschenrecht verletzenden Präsidenten, werden aber gleichzeitig nicht müde zu betonen, dass man Sport und Politik trennen muss. So einfach stiehlt man sich aus der Verantwortung. Das Fußballspektakel Europameisterschaft in der Ukraine wird mit Sicherheit dort stattfinden. Die Gründe, die zur Rechtfertigung angeführt werden, sind billige, verantwortungslose Ausreden, die in der Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht und Unmenchlichkeit ihre eigentliche Ursache haben. Weil man den Spektakel mit viel Geld, großem medialen Interesse nicht absagen will, werden Rechtfertigungen konstruiert wie, der Boykott würde niemandem helfen, Sport kann keine Politik machen… Unglaubliche Gleichgültigkeit gegenüber einem menschlichen Schicksal ist die eigentliche Ursache, dass der Fußball der Euopameisterschaft in der Ukraine rollen wird.

Vor Wochen stellte sich die Frage, ob das Formel 1-Rennen in Bahrein angesichts der Unterdrückung der Bevölkerung und der daraus entstandenen Unruhen dort stattfinden soll. Natürlich hat es stattgefunden, weil der ganze Formel 1-Zirkus doch nie ernsthaft daran gedacht hat, wegen Unterdrückung der Menschen in diesem Land auf das Rennen dort zu verzichten. Nur Gefahr für Rennfahrer und Funktionäre hätte sie abhalten können, aber nicht das Schicksal der Menschen in diesem Land. Der ganze Formel 1-Zirkus schaut einfach weg. Die Argumente der Formel 1-Dompteure für das Rennen waren schlichtweg dumme und verantwortungslose Ausreden und verdienen es gar nicht, wiedergegeben zu werden. Da hätten Regimegegner auf der Rennbahn exekutiert werden müssen, dass sie zu einer Absage des Rennens bereit gewesen wären. 

Das Internationale Olympische Komitee hat zur Verwunderung vieler kritischer Menschen und Organisationen die Olympischen Sommerspiele an Peking bzw. China vergeben, obwohl in diesem Land Würde und Recht seiner mehr als 1000 Millionen Menschen missachtet und verletzt werden und die Spiele nur unter massiven ökologischen Eingriffen und Übergriffen auf Menschen organisiert werden konnten. Der Sport hat sich zur Prostituierten eines totalitären Systems gemacht und hat die Mächtigen Chinas dabei unterstützt, die ganze Welt zu belügen. Noch nie hat sich Sport in seiner angeblich Völker verbindenden Aufgabe dermaßen von seiner Verantwortung losgesagt und zur Farce gemacht.

   Wenn das politische Tagesgeschäft es opportun erscheinen lässt, dann werden Menschenrechtsverletzungen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einem Land einfach zur inneren Angelegenheit dieses Staates erklärt. Dann ist man die Verantwortung los, kann den Mund halten, verbrennt sich nicht die Finger. Die politischen Vertreter eines so genannten Rechtsstaaten mit demokratischer Verfassung ignorieren politisch motivierte Gewalt und Verfolgung, schauen einfach weg, schweigen darüber, damit ihr Staatsbesuch bzw. ihre politische Mission ein Erfolg und die derzeitige politische Konstellation nicht „unnötig“ belastet wird. Da werden Hände geschüttelt, die man wegen der Gewalt, die sie zufügen, einfach nicht schütteln darf. Da wird gute Miene zum bösen Spiel der Gewalt und Unterdrückung gemacht.

   Ganze Bibliotheken könnte man füllen mit den Fällen, in denen Wegschauen, Schweigen, sich nicht Einmischen zur Sünde wird. Die moralische Maxime darf nicht mehr lauten: „Sag das, was dir nützt! Sag nichts, was dir schadet!“ Die moralische Direktive kann nur sein: „Sag die Wahrheit, unabhängig davon, ob sie dir nützt oder nicht!“ Die Wahrheit ist nicht dazu da, dass es mir besser geht. Die Wahrheit ist ein Wert, dem wir alle verpflichtet sind.

 

© Josef Gredler