Josef Gredler

18 Denkfehler in der Bildungspolitik (20.04.2018)

 

   Die Veröffentlichung der Ergebnisse der jüngsten PISA-Tests wird aller Voraussicht nach Österreich keine Verbesserung im Ranking bescheren. Daher werden unmittelbar danach wieder das mediale Gezetter und die medialen Prügel für die Lehrerschaft losgehen - mit dem entsetzten Hinweis, dass sogar Länder wie… vor uns sind - und unsere Politiker ganz ordentlich unter Druck setzen. Erste Erkenntnis wird nach altösterreichischem Brauch die erleuchtende Devise sein  „da muss etwas geschehen“. So sicher wie das Amen im Gebet wird man wieder die Forderung erheben „die Lehrer/innen müssen mehr in der Klasse sein“. Und genau da liegt der grundsätzliche Denkfehler. Man ist mit den Lernergebnissen der österreichischen Schule nicht zufrieden und kennt auch schon die notwendige Gegenmaßnahme: Die Lehrer/innen müssen mehr in der Klasse sein! Das heißt, wenn 21 bzw. 22 Wochenstunden, die ein/e österreichischer Pflichtschullehrer/in derzeit in der Woche unterrichten muss, nicht die gewünschten Ergebnisse bringen, dann sollte das durch Erhöhung der wöchentlichen Lehrverpflichtung  passieren. Tatsächlich werden in dieser Forderung zwei voneinander völlig unabhängige Fragen miteinander wie ein Rührei verquirlt:

Die Frage 1  lautet: Arbeiten unsere Lehrer/innen zu wenig?

   Wenn man das meint, dann soll man das und genau das sagen. Wenn man zum Ergebnis kommt, dass österreichische Lehrer/innen  nicht das Jahrespensum eines österreichischen Beamten erreichen, dann muss man die Dienstzeit so weit verändern, dass sie mit der Jahresnorm eines Beamten übereinstimmt. Man darf dabei aber Dienstzeit nicht mit Lehrverpflichtung gleichsetzen. In weiten Teilen der Öffentlichkeit ist das immer noch üblich. Daran sind einige schwarze Schafe unter den Lehrer/innen nicht ganz unbeteiligt. Gute Lehrer/innen brauchen für die Planung ihres Unterrichtes und für andere mit ihrer Tätigkeit verbundenen Pflichten ganz bestimmt so viel Zeit, dass sie auf das Jahr bezogen gewiss nicht weniger arbeiten als ein Beamter. Weil Lehrer/innen die Planung ihres Unterrichtes großteils zu Hause machen, gibt es offensichtlich den Verdacht, dass nicht alle Lehrer/innen das zu Hause auch (ausreichend) tun. Wenn man das glaubt, dann sollte man auch diese Vermutung offen auf den Tisch legen. Dann muss man diese Frage objektiv, fair und emotionslos prüfen. Wenn sich dieser Verdacht nicht bestätigen lässt, hat sich diese Frage erledigt. Wenn sich der Verdacht als begründet erweist, dann muss man eine Lösung suchen, bei der sichergestellt ist, dass alle Lehrer/innen ihr wöchentliches Arbeitspensum erfüllen. Eine Möglichkeit wäre, dass Lehrer/innen ihre gesamte Dienstzeit in der Schule verbringen, dass sie dort auch ihr gesamte Unterrichtsplanung machen (können). Dazu muss man ihnen aber in der Schule auch einen entsprechenden Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Diesen Arbeitsplatz haben sie sich ja bisher zu Hause selber eingerichtet oder einrichten müssen. Ein Schreibtisch, ein Sessel, ein Ablagefach werden zu wenig sein. Auch muss anständiger und fairer Weise gesagt sein, der am Nachmittag freie Klassenraum ist dieser Arbeitsplatz nicht. Wer das meint, kennt Vorbereitung zu wenig oder nimmt sie nicht ausreichend ernst.

Die Frage 2 lautet: Was können wir tun, um die Schule zu verbessern?

   Mit besserer Schule meint man natürlich einen besseren Unterricht. Nur ein verbesserter Unterricht kann zu besseren Lernergebnissen führen. Wenn eine Schule mit der wöchentlichen Lehrverpflichtung von 21 bzw. 22 Unterrichtsstunden keine besseren Lernergebnisse erzielen konnte (laut PISA), dann ist eigentlich nicht nachzuvollziehen, warum sich das ändern sollte, wenn deren Lehrer/innen  wöchentlich zwei Stunden mehr unterrichten. Man kann ein qualitatives Problem nicht mit einer bloß quantitativen Maßnahme lösen. Die Erhöhung der wöchentlichen Lehrverpflichtung als Maßnahme zur Verbesserung der Schulqualität, das ist schlichtweg eine typisch österreichische Mogelpackung. Wenn man die Lernergebnisse verbessern will, dann muss man die Qualität des Unterrichtes verbessern. Eine qualitative Verbesserung verlangt qualitätsorientierte Maßnahmen - im Bereich des Ausbildung, der Fort- und Weiterbildung, der Lehrpläne, der Lernbedingungen, der Auswahl der Lehrer/innen…

   Die Erhöhung der wöchentlichen Lehrverpflichtung = „Lehrer/innen sollen mehr Zeit in der Klasse verbringen“ wird an der Qualität der Schule nichts ändern. Wenn ein Unterricht mit 21 bis 22 Wochenstunden Lehrverpflichtung nicht gut genug ist, wird er auch nicht besser, wenn es 24 Wochenstunden sind. Wenn es wirklich um Qualitätsverbesserung der Schule bzw. des Unterrichtes geht, dann muss man qualitätsorientierte Möglichkeiten suchen. Wenn man glaubt, Lehrer/innen würden zu wenig arbeiten, dann sollte man das auch so benennen und die Diskussion darüber führen. Wichtig ist jedoch, dass diese nicht emotional geführt und nicht von denen angeführt oder beeinflusst wird, die seit Jahren mit großer Vorliebe und Genugtuung sich der Lehrerschaft als Prügelknabe bedienen. Die Lehrverpflichtung zu erhöhen, ohne die Dienstzeit zu erhöhen, würde bedeuten, dass man innerhalb der bisherigen Dienstzeit, das Verhältnis Unterricht zu Unterrichtsplanung zuungunsten der Unterrichtsplanung verändert. Aber es kann doch niemand ernsthaft glauben, dass die Kürzung der Planung bzw. der Vorbereitung zu einer Verbesserung des Ergebnisses führt. Wenn man aber die Dienstzeit erhöht, heißt das nichts anderes als „ihr habt bisher zu wenig getan“. Das muss dann auch klar so sagen. Die Verantwortlichen werden sich also jeweils überlegen müssen, ob sie die Frage 1 oder die Frage 2 lösen wollen. Die Frage 1 verlangt andere Antworten und Lösungen als die Frage 2. Die Frage 2 vorschieben, aber in Wirklichkeit die Frage 1 meinen, ist feig und unanständig. Wenn beide Fragen miteinander vermengt werden, dann passiert das, was passiert, wenn man zwei unabhängige Stromkreise kurzschließt. Die Lichter gehen aus. Oder um es in einem bodenständigen Bild zu sagen: Man darf nicht auf den Hirschbock zielen und die Hirschkuh treffen wollen.

 

© Josef Gredler