Josef Gredler

17  Von der Diversität zur Inklusion (20.04.2018)

 

   Würde man bei einem Elternabend in der Schule die Eltern  fragen, ob sie dieses Wortgebilde der Überschrift verstehen oder zumindest mit der Schule in Zusammenhang bringen können, würden die Antworten wohl ausbleiben (müssen), obwohl es in dieser Überschrift um die schulische Zukunft ihrer Kinder geht. Viele Eltern würden aber annehmen, dass es etwas sehr Gescheites sein muss, wenn man dafür so gescheite – wenn auch für „normal Sterbliche“ so unverständliche – Worte gebraucht.  Aber das ist in der heutigen Sprache über Schule und Bildung ja durchaus üblich, dass sie sich eines „aufgespriteten“ Vokabulars bedient, das oft nicht mehr verstanden wird und einen Großteil der Eltern ausschließt. Leicht Verständliches, Einfaches, Gewöhnliches, manchmal auch ganz Banales wird in Respekt einflößende Vokabeln verpackt. Hätte es da keine Bezeichnung gegeben, die verständlicher, erklärender gewesen wäre? Worum geht es dabei eigentlich? „Diversität“ meint „Verschiedenheit, Vielfalt“ und  „Inklusion“ bedeutet „einschließen, einfügen“ im Gegensatz zu „ausschließen, ausgrenzen“. Klingt eigentlich gut. Was verbirgt sich aber hinter diesen kryptischen Begriffen?

   Mit „Inklusion“ liegt wieder einmal eine neue Vokabel auf dem Bildungstisch. Was damit genau gemeint ist, wohin das letztendlich führen soll, darüber gibt es noch keine einheitliche und verbindliche Interpretation. Da gehen die Meinungen unter den Befürwortern ziemlich weit auseinander. Auf alle Fälle soll die bisherige Integration ausgeweitet werden. Ein vehementer „Inklusionist“ erklärte mir, dass alle Schüler/innen am Ende dieser Entwicklung ohne Rücksicht auf Unterschiede in eine „Inklusionsklasse“ gehen sollen. Nach seiner Vision dürfen deren Schüler/innen nicht mehr nur einer Schulstufe angehören, alle differenzierenden Kriterien zur Bildung von Klassen, wie zum Beispiel Schulstufe, Begabung, Lernfähigkeit… würden abgelehnt. In ihrer Lernfähigkeit besonders beeinträchtigte und behinderte Schüler/innen in einer Sonderschulklasse bzw. Sonderschule oder in einem sonderpädagogischen Zentrum zu unterrichten sei Diskriminierung und Stigmatisierung. Dass solche Klassen oder Schulen Bedingungen schaffen, in denen diese Schüler/innen besser gefördert werden können, sei aus der Sicht der „Inklusion“ völlig falsch. „Inklusion“ solle nicht nur ein schulisches Angebot sein, sondern als das einzig Richtige die verbindliche schulische Lösung der bestehenden „schulischen Ungleichheit“ werden. . Daher müsse die Schule im Sinne der „Inklusion“ umgestaltet werden. Wenn das wirklich das Ziel der Inklusionsbestrebungen ist, dann will man hier wieder einmal, ideologisch motiviert, „das Kind mit dem Bad ausschütten“.

   Würde man „Inklusion“, eine „inklusive“ Pädagogik, als Gegenbewegung verstehen, um die Mängel unserer oft übertriebenen organisatorischen Differenzierung auszugleichen, dann wäre sie ohne Zweifel eine im wahrsten Sinne des Wortes Not wendende Bereicherung für Unterricht und Schule. Wenn Lehrerinnen und Lehrer nur mehr in möglichst homogenen Lerngruppen oder Klassen glauben, sich pädagogisch verwirklichen und gut unterrichten zu können, braucht Schule dringend ein inkludierendes Gegensteuern. Übertriebene Homogenisierung von Lerngruppen richtet sich letztlich gegen die Realität des Lebens mit seinen natürlichen Verschiedenheiten und gewachsenen Unterschieden. Gelingendes miteinander Leben hat und braucht Unterschiede, Verschiedenheit, Vielfalt. Und wenn Schule mit dem Leben zu tun haben und das Leben widerspiegeln soll, dann darf sie diese Unterschiede und Verschiedenheiten nicht „weghomogenisieren“. Aber in unseren durchschnittlichen Schulstufenklassen gibt es ja deutliche Unterschiede und genug Verschiedenheit, sie sind wirklich keine homogenisierten „Gebilde“. Damit dort Lernen gelingt, in das alle Schüler/innen dieser Klasse (= dieser Schulstufe) einbezogen werden können, ist schon sehr viel innere Differenzierung im Unterricht erforderlich. Ob das immer und überall ausreichend geschieht, ist eine andere Frage.

   Aber das ist mit „Inklusion“ in der Schule ja nicht von allen gemeint. Ideologisch motivierte Inklusionsverfechter/innen wollen diese Unterschiede und Verschiedenheiten ganz bewusst in einer Klasse herstellen. „Inklusion“ wäre dann die künstlich organisierte Vielfalt als Lernvoraussetzung“. Krampfhaft Klassen konstruieren, in der alle nur denkbar möglichen Verschiedenheiten bestehen, und glauben, das sei die beste und einzig richtige, natürliche Lernsituation, ist die Verhinderung richtiger Denkansätze. Mittlerweile ist diese „Inklusion“ leider schon so weit verideologisiert, dass emotionale Mechanismen sachlich-kritisches Abwägen erschweren. Zudem klingt „Inklusion“ gut, hat den „Anstrich“ von moderner Schule und hat daher auch seine verführerische Wirkung. Da greifen dann die besten Argumente nicht mehr. Da prüft man dann den Inhalt nicht mehr so genau.  Was drauf steht, ist manchen wichtiger als das, was drin ist. „Inklusion“ klingt einfach besser als so gewöhnliche Schulbezeichnungen wie… Schule war zu jeder Zeit immer auch in Gefahr, Spielwiese für bloß „Neues“ oder Experimentierfeld für Ideologien zu sein.

   Wo immer Integration zum Wohle der zu integrierenden Schüler/innen möglich ist, dort ist sie mit aller Kraft und Unterstützung anzustreben und zu fördern. Das gilt auch für Inklusion. Wir dürfen aber nicht übersehen, dass auch unter dem „Deckmantel“ der Integration unsinnigste Konflikte in unserer Schullandschaft ausgetragen worden sind, bei denen es mehr um die Durchsetzung ideologischer Bedürfnisse als um das Wohl der zu integrierenden Schüler/innen gegangen ist. Wir dürfen den Kopf vor misslungenen Integrationsbemühungen nicht in den Sand stecken. Da gab und gibt es Integration, die endet leider bei der Klassentür, dahinter herrscht dann wieder Separation bzw. Absonderung, nicht weil die Lehrer/innen nicht fähig sind, sondern weil Integartion beim besten Willen und aller Kompetenz der Lehrer/innen nicht immer und unter allen Umständen überall möglich ist. Da gibt es auch Integrationsversuche, die scheitern, weil sie nicht primär den zu integrierenden Schülerinnen und Schülern dienen, sondern irgendwelchen sekundären Interessen, zum Beispiel ideologischen, medialen...  In all diesen missglückten Integrationsversuchen sind diejenigen die Verlierer, um die es eigentlich geht. Integration darf nicht um jeden Preis erzungen werden, da stößt man an Grenzen, die man gerade der zu integrierenden Schüler/innen wegen akzeptieren muss, weil es ganz radikal und ohne Kompromiss um die Schüler/innen geht, die Defizite, Behinderungen oder Schwächen haben. Diese Relativierung, die für Integration gilt, muss noch viel mehr für deren Fortsetzung oder Steigerung,  der  „Inklusion“, gelten.

   Wer auf diesen neuen Zug der „Inklusion“, der künftig das Schienennetz der Schullandschaft befahren soll, nicht aufspringen will, verweigert sich deshalb nicht der natürlichen Vielfalt des Lebens mit seinen gewachsenen Unterschieden. Das Leben ist vielfältig, aber die Vielfalt des Lebens ergibt sich auf natürliche Art und Weise und wird im Leben nicht so krampfhaft und künstlich hergestellt, wie das die verideologisierten Zielvorstellungen einer „Inklusionsschule“ erwarten oder befürchten lassen. Wer etwas wirklich ausloten will, darf das Maß nicht von den beiden Enden der Pendelbewegung des Lots nehmen. Die Wahrheit liegt ganz selten in den Extremen: Könnte es sein, dass die schulische Wahrheit irgendwo zwischen übertriebener „Homogenisierung“ und „Inklusion“ liegt?

 

© Josef Gredler