Josef Gredler

15 Die Ereignisse von Erfurt als Mahnung und Herausforderung (18.04.2012)

 

   Erfurt, geschichtsträchtige thüringische Stadt, ist nicht nur durch den Heiligen Bonifatius, den Reformator Martin Luther oder als Mittelpunkt des deutschen Humanismus, sondern auch durch jene  Ereignisse, die vor zehn Jahren am 25. April 2002 um 10.55 Uhr begonnen und ein ganzes Land erschüttert haben, in die Bücher der Geschichte und das Bewusstsein der Menschen eingegangen. Was in Erfurt damals geschehen ist, muss als Mahnung lebendig bleiben. Erfurt wirft viele Fragen auf, die allzu schnell wieder ausgeblendet wurden, weil „Handfesteres“, Dringlicheres auf der Tagesordnung der politischen oder schulischen Prioritäten ansteht:

   Wenn ein 18jähriger Schüler, anstatt seine Matura zu bestehen, in einem Rausch der Aggression sechzehn Menschen zu Tode bringt, wenn all der aufgestaute Hass in einem Menschen zum Ausbruch kommt wie die lebensvernichtende Lava eines Vulkans, dann halten wir entsetzt die Luft an. So geschehen an jenem späten Vormittag in einer Erfurter Schule, als ein gescheiterter Schüler, getrieben von Hass, Rache und innerer Verlorenheit in die Schule eindringt und zur Hinrichtung ehemaliger Lehrer/innen und Mitschüler/innen  schreitet. Wieder einmal ist das geschehen, was niemand für möglich gehalten hat. Die mediale Berichterstattung richtet ihre Scheinwerfer tagelang auf den Ort des Grauens. Geblendet vom Schrecken der Ereignisse, gelähmt vom Entsetzen über das Unglaubliche irren Betroffene planlos umher, sprachlos, fassungslos, verloren.

   Was aber kommt oder geschieht nach dem Entsetzen? Wird man einfach wieder zur Tagesordnung übergehen? Wird eine Verantwortung um sich greifen, die es wagt, sich längst überfälligen Fragen ernsthaft zu stellen? Besteht die Chance einer kollektiven Gewissenserforschung, um mögliche Zusammenhänge zwischen dem grauenvollen Ereignis und dem Leben von heute zu entdecken? Wie viel exzessive Gewalt wird täglich über Video, Fernsehen und Internet in unsere Wohnzimmer transportiert und dort ungefiltert zur Unterhaltung angeboten, auch Kindern? Wie viele Todesschüsse und menschenverachtende Grausamkeiten werden täglich über die vielen Kanäle öffentlicher und privater Fernsehanstalten zum abendlichen Zeitvertreib „ins Haus geliefert“? Wie viele sogenannte Killerspiele leiten Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, zu töten, um zu gewinnen. Je mehr getötete Menschen, umso mehr Punkte! Töten, um zu gewinnen. Wenn jemand täglich virtuell Menschen tötet und offensichtlich Spaß daran hat, könnte es da nicht einmal passieren, dass er es wirklich tut? Könnte es nicht sein, dass diese Fülle von Gewalt, die täglich vorgeführt wird, die Welt und die Menschen doch ein bisschen verändert? Sollte all diese zur Schau gestellte Gewalt keine Folgen haben? Könnte es ein, dass sich bei manchen Menschen Fiktion und Realität doch ein bisschen vermischen? Könnte es sein, dass zum Beispiel Kinder die Grenze zwischen der Gewalt ihrer virtuellen Scheinwelt und ihrer wirklichen Umwelt nicht immer finden? Wir alle wissen, in vielen Ländern werden Menschen im Namen des Gesetzes mit dem Tode bestraft. Könnte es sein, dass da einmal einer glaubt, er sei selber das Gesetz, und dann die in seinen Augen Schuldigen tötet? Denn Todesstrafe heißt, man darf töten, wenn dieser „man“ das Gesetz ist. Da kann in einer dunklen Stunde schon einmal eine Verwechslung passieren, die jemand glauben macht, er sei das Gesetz. Werden in solchen Ländern der Staat und sein Gesetz nicht selber zum Vorbild fürs Töten? Wirken solche Vorbilder dank der medialen und virtuellen Verknüpfung nicht über die Grenzen hinaus? Wir kennen das Sprichwort „Gelegenheit macht Diebe.“ Das gilt natürlich nur für ungefestigte Charaktere. Aber gibt es diese nicht auch? Wenn ein Kind das Gewehr seines Vaters aus dem Schrank holt, damit in die Schule geht und seine Kindergartentante erschießt, ist dann dieses Sprichwort nicht unfassbare Gewissheit geworden? Welche Folgen hat es, wenn man in einem Land  Waffen fast leichter kaufen kann als Zigaretten? Natürlich hat diese zunehmende Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen tiefere Ursachen. Man erschießt nicht sofort seinen Nachbarn, bloß weil man das im Fernsehen gesehen hat. Aber könnte es nicht sein, dass manche im Extremfall doch dazu animiert werden? Fragen über Fragen.

   Man ist nach dem Unfassbaren von Erfurt zu schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen und das Erwachen, um sich diesen Fragen ganz ernsthaft zu stellen - in den Familien, in den Schulen, in den Vereinen, in den Fernsehanstalten, in den Regierungszimmern, in den Köpfen all derer, die meinen, so etwas darf nie wieder passieren - hat nicht lange gedauert, jedenfalls nicht lange genug.

 

© Josef Gredler