Josef Gredler

12  (Noch) ein Loch im Bildungsbegriff (20.01.2012)

 

Vorbemerkung:

Die folgenden kritischen Anmerkungen sind eine Ergänzung zum Beitrag „Die Entmenschlichung unseres Bildungsbegriffes“

 

   Die Schule hat die Aufgabe, die Schüler/innen, entsprechend den Anforderungen der Zeit zu bilden. Das Ergebnis dieser Aufgabe bezeichnen wir als Schulbildung, die unsere Schüler/innen unterschiedlich erfolgreich absolviert haben. In Zeugnissen wird der Grad dieses Erfolges ausgewiesen. Und diese Zeugnisse können Türen öffnen oder auch verschließen; sie haben jedenfalls erheblichen Einfluss darauf, welche Möglichkeiten jemand in seiner weiteren Berufslaufbahn hat oder nicht hat. Aber letztes Endes  hat die Schulbildung nicht nur die Aufgabe, Eintrittskarte für weitere schulische Möglichkeiten zu sein, sondern sollte das Leben selbst im Blickfeld haben und Schüler/innen befähigen, dieses Leben entsprechend ihren individuell unterschiedlichen Begabungen und Neigungen zu „meistern“. Und da stellt sich dann die entscheidende Frage, ob die Schule das auch tatsächlich tut bzw. tun kann. Wenn man diese Frage so grundsätzlich stellt, kommt man nicht umhin, kritisch danach zu fragen, was denn Bildung überhaupt ist bzw. sein soll. Auch  „Schulbildung“ muss sich vom grundsätzlichen Bildungsbegriff ableiten lassen,  an dem sich die für die Schule verantwortlichen Entscheidungsträger/innen orientieren sollen, wenn sie entsprechende Lehrpläne erstellen  und Lehrer/innen ausbilden lassen, die diese Lehrpläne dann in der Schule „umsetzen“ sollen. Was sollen durch die Schule gebildete Menschen können? Natürlich die Kulturtechniken Rechnen, Lesen, Schreiben bestmöglich beherrschen, über ein entsprechendes Sach- und Fachwissen aus den so genannten Realienfächern (Biologie, Geographie, Geschichte, Physik, Chemie…) verfügen und auch entsprechende Grundhaltungen daraus erworben haben (soziales Verhalten, ökologisches Verhalten…). Unverzichtbar sollen Schüler/innen auch gelernt haben, sich als Person den großen Fragen des Lebens zu stellen, Antworten darauf zu suchen und in ihrer transzendenten Veranlagung auch über den Horizont der Realienfächer hinaus zu denken (Religionsunterricht). Die Schule hat nicht die Aufgabe und auch nicht die Möglichkeit, die erzieherische Verantwortung der Eltern  zu übernehmen bzw. zu ersetzen. Sie soll aber im Sinne umfassender Bildung an der Erziehung mitwirken. Eltern haben nicht die Möglichkeit und die  Aufgabe, das schulische Lernen sicherzustellen. Sehr wohl aber liegt es in der elterlichen Verantwortung, ihre Kinder im schulischen Lernen, in der Schulbildung zu unterstützen und zu fördern. Schule und Elternhaus sollen sich in ihrer je eigenen Verantwortung wechselseitig unterstützen.  Die Schule kann nicht die „häusliche Erziehung“ leisten und wehrt sich mit Recht, wenn ihr Eltern pauschal die erzieherische Verantwortung zuschieben. Das „Elternhaus“ kann nicht ein dislozierter Schulstandort sein und  Auffangbecken für das sein, wozu die Zeit in der Schule nicht gereicht hat. Schule und Eltern müssen zugunsten der bestmöglichen Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen zur bestmöglichen Kooperation bereit sein.

 

Wie komme ich nun dazu, in diesem schulischen Bildungsbegriff ein Loch festzustellen?

 

  1. Ich sitze mit einem guten Bekannten zum wiederholten Mal in einem Fast-Food-Lokal, um bei einem Kaffee eine angeregte Diskussion zu führen. Wir haben uns hier verabredet, weil sich dieses Lokal ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes befindet. Ich habe keine Berührungsängste mit solchen Lokalen. In diesem Fall: Der Espresso passt und das andere muss ich ja nicht essen. Ich komme nicht umhin, bei unserem angeregten Gedankenaustausch mich immer wieder neugierig umzuschauen, die Leute zu beobachten, weil ich wissen möchte, welche Leute hierher zum Essen oder - sagen wir ehrlicher - zum Fast-Food kommen. Mir fällt auf, dass es erstaunlich viele junge Mütter bzw. Eltern sind, die mit ihren Kindern an einem Tisch sitzen und dort offensichtlich in gewohnter Weise ihr Mittagessen einnehmen. Jedenfalls türmen sich auf ihren Tischen die Verpackungen dessen, was dort als Mahlzeit angeboten wird. Offensichtlich kennen sich die allermeisten gut aus, sind mit dem Angebot sehr vertraut, es scheint ihnen zu schmecken und es hat nicht den Anschein, als würden sie bloß ausnahmsweise hier essen. Aber dann stellt sich mir doch eine Frage: Sind sie aus Zeitgründen zum Essen hierher gekommen – Fast Food eben – oder ist niemand zu Hause, der bzw. die kocht oder kochen kann? Oder schmeckt ihnen das, was es hier zu essen gibt, besser als das, was sie zu Hause bekommen? Oder bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als hierher zu kommen? Immer mehr vermute ich, dass viele von ihnen möglicherweise gar keine Alternative haben, weil niemand von ihnen bzw. für sie kochen kann.

 

  1. Wenn ich an die vielen Mädchen und Buben in unseren Schulklassen denke, stellt sich mir diese Frage noch einmal konkreter und drängender: Welche Kinder, die in unseren Schulklassen sitzen, haben zu Hause noch jemand, der oder die aus Lebensmitteln ein warmes Essen zubereiten (= kochen) kann? Denn die Tatsache, dass das Angebot von Fertigmahlzeiten in unseren Supermärkten so zunimmt, muss ja Gründe haben. Schmeckt dieses Essen besser? Ist es billiger? Ist es gesünder? Oder bleibt keine andere Wahl, weil man/frau gar nicht kochen kann? Die eine Frage lässt mich nicht mehr los: Welche Kinder haben zu Hause noch jemand, der/die ihnen aus frischen Lebensmitteln eine schmackhafte Mahlzeit zubereiten kann?

 

  1. Angesichts dieser Fragen und Antworten bedauere ich sehr, dass der Unterrichtsgegenstand „Ernährung und Haushalt“, in dem unsere Schüler/innen unter anderem zu einer der Gesundheit dienenden Ernährungsweise motiviert werden und sich in eine gesunde Nahrungszubereitung praktisch einüben (→ kochen) sollen, im Fächerkanon der Schule zunehmend aufs „Abstellgleis“ gerät. Um es ganz direkt zu sagen, ich befürchte, dass „Ernährung und Haushalt“ im Zuge weiterer Schulentwicklung bzw. schulischer Neuerungen zunehmend gekürzt wird und schließlich „Wichtigerem“ wird Platz machen müssen. Trotz aller Kochbücher, die man zu kaufen bekommt, und aller Kochkurse, die an Volkshochschulen angeboten werden, wird die Förderung einer gesunden Mahlzeitzubereitung (Kochen) durch die Schule ihren Sinkflug weiter fortsetzen, bis sie schließlich auf jener schulischen Rollbahn aufsetzt, die das endgültige Aus bedeutet. Dass die PISA-Studien in ihren Tests diesem Gegenstand und seinen Anliegen keine Beachtung schenken, ist in Zeiten, in denen Schule von einem vergleichenden Ranking-Fieber befallen ist, eine große Hypothek. Die im Test festgestellte „schulische Qualität“ der einzelnen Länder wird wie im Fußball an einer Punktetabelle abgelesen. Von dieser erfahren wir dann genau, wo wir mit unserer Schule stehen, wer besser ist, wer schlechter ist. Was heute in der Schule gelehrt oder nicht gelehrt wird, ist in hohem Maße auch von der Wirtschaft bestimmt. Aber auch von dieser darf sich „Ernähung und Haushalt“ nicht viel erwarten. Denn bis die Defizite einer solchen Fehlentwicklung wie die Kürzung oder Abschaffung von „Ernähung und Haushalt“ sich wirtschaftlich zu Buche schlagen und ihre volkswirtschaftliche Belastung spürbar wird, vergeht zu viel Zeit. Bis dahin wird „Ernähung und Haushalt“ auf der Stundentafel bzw. im Stundenplan verschwunden sein. Es geht in der Bildungspolitik nicht in erster Linie um die Schüler/innen, auch nicht in zweiter Linie… Die Schüler/innen stehen nicht mehr im Vordergrund bildungspolitischer Entscheidungen, sondern der politische Druck, der in den einzelnen Ländern entsteht, wenn ihre Schule im Ranking nicht weit genug vorne liegt bzw. die Wirtschaft manche Unterrichtsgegenstände oder Lerninhalte für „pädagogisch“ besonders wichtig oder weniger wichtig hält.

 

   Ein Unterrichtsgegenstand wie „Ernährung und Haushalt“ müsste in Zeiten wie diesen, wo die Schäden ungesunder Ernährung für die Volksgesundheit gerade in der Schule schon augenscheinlich geworden sind, besonders gefördert werden, es sei denn, dass wir Fastfood und Fertigprodukte und fehlendes Bewusstwein für gesunde Ernährung und gesundes Leben als Attribute einer gebildeten Gesellschaft akzeptieren und gutheißen. Die lobenswerten Bemühungen um eine gesunde Jause in Schulen und gelegentliche Projekte und Veranstaltungen zu Ernährung und Gesundheit  werden nicht ausreichen, um die unverzichtbaren Anforderungen an die Schulbildung zu Ernähung und Gesundheit zu erfüllen. Da fällt mir wieder das Lesen, Rechnen und Schreiben ein, die so genannten Kulturtechniken und Grundvoraussetzungen jedweder Bildung, und ich glaube, dass auch die Fähigkeit, aus rohen oder frischen Lebensmitteln eine gesunde, wohlschmeckende Mahlzeit zubereiten zu können, im Kontext gesunder Ernährung und gesunder Lebensweise ebenfalls als „Kulturtechnik“ anerkannt werden müsste. Ihr Verschwinden aus der Schulbildung wäre für mich ein „Ozonloch“ in unserem Bildungsbegriff.

 

© Josef Gredler