Josef Gredler

11  Alter Prophet und moderner Werbespot (14.01.2012)

 

   Ein Prophet des Alten Testamentes hat vor 2500 Jahren die Meinung vertreten, dass alles seine Stunde habe oder brauche und dass es für alles eine bestimmte Zeit gebe. Ein Werbepot unserer Zeit suggeriert das völlige Gegenteil: „Ich will alles und das sofort.“ Widersprüchlicher könnten zwei Standpunkte nicht sein. Kohelet, so der Name des Propheten, liegt nicht im Trend unserer Zeit.

   Meine Eltern waren noch der Meinung, in den Monaten mit einem „r“ soll man sich nicht ins Gras setzen, ein Eis sei nur etwas für schöne, warme Sommertage. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, musste ich das schöne Schulgewand aus- und die weniger schöne Freizeitkleidung, auf die man nicht so aufpassen musste, anziehen. Es wäre umgekehrt undenkbar gewesen, mit der Freizeithose in die Schule zu gehen und mit der Schulhose im Hof zu spielen. Es gab eben eine Hose für die Schule und eine Hose für danach, es gab auch ein Sonntagsgewand und ein Gewand für den Werktag. Man hätte das nie vertauscht. An Sonntagen gab es ein besseres Essen als an Werktagen, an großen Feiertagen, aber nur an diesen, wurde für damalige Verhältnisse groß aufgekocht. Heute ist man Eis das ganze Jahr, natürlich auch im Winter. Zwischen Sonntag und Werktag wird bei der Kleidung längst kein Unterschied mehr gemacht, beim Essen schon gar nicht, eigentlich verschwinden die Unterschiede völlig. Abends waren die Geschäfte natürlich geschlossen, heute fordert man flexible Öffnungszeiten, damit man auch am Abend oder gar in der Nacht einkaufen kann, Late Night Shopping, da oder dort bereits rund um die Uhr, wenn möglich auch an Sonn- und Feiertagen. Feiertage sind nicht mehr dazu da, wofür sie einmal gedacht waren. Abschaffen, meinen Vertreter/innen der Wirtschaft, die finanzielle Einbußen befürchten. Eigentlich hat fast nichts mehr seine Zeit, man will alles zu jeder Zeit, alles und das sofort. Einschränkung und Ordnung, wann was sein soll oder wann wer was tun darf, sind passé. Das moderne Leben kennt und akzeptiert diese Einschränkungen nicht mehr. Sie entsprechen nicht mehr der heutigen Lebensordnung. Regeln, Richtlinien haben vor allem in ethischen Zusammenhängen an Gültigkeit verloren, sind in Sport und Spiel noch in, im Straßenverkehr… Viele so genannte Gepflogenheiten sind ausgestorben, viele Grenzen des Erlaubten oder Möglichen verschwunden. Erlaubtes und Unerlaubtes verrinnen ineinander wie ein zu wässriges Aquarell. Menschen machen vor nichts mehr Halt. Unglaubliches und Unvorstellbares geschieht da täglich. Tabus gelten nicht mehr. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

   Alter Prophet gegen modernen Werbespot, kein faires „Spiel“. Die Kugel rollt gegen den Propheten, wenn er meint, dass man punkto Zeiten doch noch Unterschiede machen müsse, dass Zeit nicht x-beliebig für X-Beliebiges verwendet werden soll, dass nicht alles zu jeder Zeit möglich ist. „Alles zu seiner Zeit“ hat ausgedient und ist durch „alles zu jeder Zeit“ ersetzt worden. Kohelet würde sich heute zum Gespött machen.  Aber wäre nicht vieles doch besser, wenn es nach seiner zweieinhalbtausend Jahre alten Lebensordnung bzw. Zeiteinteilung ginge?

 

© Josef Gredler