Josef Gredler

 

10  Brief an das Christkind (16.12.2011)

 

Liebes Christkind!

   Es ist lange her, seit ich dir zum letzten Mal einen Brief geschrieben habe. Damals, ich erinnere mich noch dunkel, habe ich dir kurz vor Weihnachten mit Bleistift und etwas ungeübter Hand meinen brennenden Wunsch nach einer Eisenbahn anvertraut. Und schon am übernächsten Tag war dieser Brief, den ich vor das Fenster gelegt hatte, verschwunden - bei dir also angekommen. Denn tatsächlich fand ich dann in nicht mehr zu bändigender Freude unter dem Christbaum die Eisenbahn.

   Heute schreibe ich dir aber nicht wegen einer Eisenbahn oder ähnlichem, sondern wegen der großen inneren Unruhe, die mich beim Aufstellen der Krippe erfasst hat. Ich war gerade dabei, den einzelnen Figuren ihren Platz zuzuweisen, da hat mich die Frage nicht mehr losgelassen: Wo wäre es leichter für dich gewesen, Mensch zu werden, in diese Welt zu kommen? Damals in Betlehem, in der Nacht, im Futtertrog in einer Höhle, auf Stroh gebettet, zwischen Ochs und Esel, unter den sorgenden Augen deiner jungen Mutter aus Nazareth und dem fragenden Blick Josefs? Oder heute hier bei uns? Je ernsthafter ich versucht habe, mich dieser Frage zu stellen, um so tiefer hat sie sich in mein Sinnen und Trachten gebohrt, wohl ahnend, dass ich mich da nicht heraus halten kann. Und ich habe auf diese Frage keine Antwort gefunden. Deshalb schreibe ich dir diesen Brief, vielleicht kannst du mir helfen, eine Antwort zu finden.

   Was wäre, wenn du es dir anders überlegt hättest damals und noch 2000 Jahre gewartet hättest, um heute hier unter uns in diese Welt zu kommen? Wo wäre da ein Platz für dich, das heißt für euch, denn auf Josef und Maria dürfen wir bei dieser Frage nun doch nicht vergessen. Natürlich würdest du heute dein Kommen ganz anders einfädeln, aber so, wie ich dich kenne, würdest du dir wieder die Schwachen, die Letzten, die in der sozialen Rangordnung ganz unten Stehenden aussuchen. Und genau das ist das Problem. Nicht in der Theorie – da stimmen wir wohl fast alle überein -, sondern in der Praxis. An welche Tür könnte denn Josef klopfen? Wäre in dieser Welt heute unter uns - ich bin also mit gemeint - überhaupt noch ein Platz frei für euch, eine kleine Wohnung vielleicht oder ein Zimmer, ein Winkel zumindest? Und wenn sich da oder dort eine Tür öffnet, was sollte denn Josef sagen, ohne dass man ihn für verrückt hält oder als Störenfried gar zum Teufel jagt? Wer wäre denn heute bereit, die Botschaft der Engel zu hören und diese Botschaft gar noch zu glauben? Hirten gibt es bei uns ja keine mehr und Schafe sind auch seltener geworden. Würden die himmlischen Heerscharen nicht verstummen müssen vor so viel Rastlosigkeit, die uns keine Zeit mehr lässt zum richtigen Hinhören? Oder würde diese Botschaft nicht vom aufgeklärten Gelächter vieler gescheiter und ach so vernünftiger Leute verjagt? Wer würde denn so viel „unglaubwürdigen Unsinn“ aushalten? Wohin mit zwei so „Verrückten“? Zwei ist schon richtig, denn du, liebes Christkind, wärest ja noch nicht geboren. In ein Obdachlosenheim, zur Caritas – die ist doch dafür zuständig - oder einfach auf die Straße, um euch eurem Schicksal zu überlassen? Aber so wie ich diese Welt kenne, würde sich letztlich doch jemand euer erbarmen und euch hereinlassen – für eine Nacht zumindest. Aber euch das glauben, was ihr erzählt, das wäre zu viel verlangt.

   War der Stall doch besser? War die Krippe doch angenehmer, das Stroh doch wärmender  und der Blick von Ochs und Esel doch menschlicher? Musst du, liebes Christkind, nicht froh sein, dass es damals war und nicht heute? Obwohl die Umstände damals bei weitem nicht so sanft und rosig waren, wie die Stimmung meiner Krippe vielleicht glauben lässt. Womöglich würde Josef in seiner Not an eine Tür klopfen, heute müsste er natürlich klingeln, und die Leute beim Essen oder, was noch schlimmer wäre, beim Fernsehen stören.

   Liebes Christkind, ich habe dir jetzt viele Fragen gestellt. Da ist noch eine Frage, bei der ich fast so etwas wie eine Gänsehaut bekomme: Was würde ich wirklich, so ganz tatsächlich tun, wenn Josef und Maria – und du – an meine Tür klopfen würden? Wenn es tatsächlich auf mich ankäme? Ja, was würde ich tun, wenn ich zu denen gehörte, an deren Tür Josef und Maria klopfen, um Einlass in ihrer Not zu finden? Seit Kindheit verspüre ich Enttäuschung, Verbitterung und Vorwürfe gegen jene, die dir in jeder einzelnen Strophe des „Wer klopfet an?“ unbarmherzig die Tür weisen. Habe ich da vielleicht vorschnell meinen Finger auf  jemanden gerichtet?

   Was würde ich tun, wenn ich heute nach dieser weihnachtlichen Feier nach Hause komme und zwei von den Strapazen der letzten Tage Gezeichnete würden mich mit fremder Stimme in ihrer Not um Unterschlupf bitten? Was würde ich tun? Würde ich wirklich sagen: „Hier ist Platz für euch. Kommt herein!“

Du hast doch hoffentlich nicht schon einmal vergeblich an meine Tür geklopft?

 

Mit Herzklopfen,

Innsbruck, im Advent 2011

 

© Josef Gredler