Josef Gredler

09  Adventliche Kosten-Nutzen-Rechnung  (12.12.2011)

 

   Advent, diese Zeit vor Weihnachten, heißt übersetzt Ankunft. Gemeint ist nicht irgendeine Ankunft, sondern die Ankunft des Jesus von Nazareth, in dem für glaubende Menschen Gott Mensch geworden ist. So haben wir es einmal in der Schule gelernt, so hört man es in der Kirche, so steht es in der Bibel: Gott ist Mensch geworden und als Kind in diese Welt gekommen. Und jedes Jahr feiern wir zu Weihnachten das Fest seiner Menschwerdung und sollten die Ankunft dieses göttlichen Kindes immer neu auch für uns erwarten. Wir sollten es voll Freude tun und uns in froher Erwartung auch vorbereiten, innerlich bereit machen auf das Fest seiner Mensch werdenden Geburt. 

   Aber das Warten ist heute so eine Sache, Zeit ist allerorts knapp geworden, der Tag ist meistens zu kurz. Warten macht uns nur ungeduldig, denn wir haben einfach zu wenig Zeit. Wir haben schließlich Besseres, Wichtigeres zu tun als zu warten. So Vieles will getan und muss erledigt werden. Warten hindert uns nur daran. Je kürzer die Wartezeiten, desto besser. Am besten, wenn man überhaupt nicht warten muss. Warten nervt und stresst nur. Wir können es uns einfach nicht leisten, nichts zu tun, denn Zeit ist Geld. Warten ist wie ein Loch, leer, nichts. Was soll daran froh machen? Advent als Zeit des Wartens und der Erwartung berührt nicht mehr. Frohe Erwartung fällt schwer in Zeiten, in denen täglich bedrohliche Meldungen nichts Gutes erwarten lassen: Klimawandel, Verschmutzung der Luft und der Meere, Wirtschaftskrise, Hungerkatastrophen, Gewalt, Terror, Krieg, Krisen, wohin man schaut. Sollen sich diese Verdunkelungen unserer Welt einfach in Licht auflösen?

   Und da gibt es noch ein zweites Problem mit dem Advent: Auf wen oder was sollen wir denn warten? Und lohnt es sich überhaupt? Warten auf das Fest der Weihnacht, ein paar Stunden, die unseren Gemütspegel ein bisschen heben? Weihnachten kommt so oder so, wie es im Kalender steht. Wir sollten die Zeit bis dahin nützen und nicht mit Warten vergeuden. Einen Teil der Zeit brauchen wir ja ohnedies, um dieses Fest zu feiern, wie es sich gehört, wie wir es gewohnt sind. So haben es viele Menschen gerade in diesen Wochen noch eiliger als sonst, zur normalen Arbeit bzw. zu den üblichen Terminen kommen noch die weihnachtlichen Erledigungen dazu. So sind diese Wochen vor Weihnachten noch hektischer und stressiger als die übrige Zeit des Jahres. Da ist von beschaulichem Warten nicht viel zu spüren. Das Geschäft muss florieren, die Wirtschaft belebt werden und unser Weihnachtsfest soll für einige Stunden doch die Gemüter hochfahren. Warten bringt weder die Kassen der Kaufhäuser zum Klingeln noch erledigen sich dadurch unsere weihnachtlichen Verpflichtungen: Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsfeiern, weihnachtliche Besuche, auch etwas Weihnachtspost, zumindest ein paar Mails oder Telefongespräche. Also was soll’s? Wer soll kommen? Jesus, das Christkind? Das ist doch Vergangenheit, längst vorbei, so berichtet es zumindest die Bibel. Das Christkind, wenn es wirklich das Christkind war, ist doch schon gekommen, 2000 Jahre sind es nun her und wir sollen immer noch warten? Es möchte auch bei mir – heute, also 2011 „nach Christus“ - ankommen, ausgerechnet bei mir? Oder in mir „neu geboren“ werden, wie ich kürzlich auf einer Spruchkarte gelesen habe?

   Und wenn es in mir sozusagen neu geboren ist, was ist dann, was habe ich davon? Was ändert sich, was wird besser? Wenn ich mir das ganze Warten schenke, dann habe ich zumindest Zeit gewonnen und Zeit ist Geld. Aber macht mich das eingesparte oder gewonnene Geld glücklicher? Lohnt es sich oder soll ich mich wie bisher auf das Rechnen, Kalkulieren, Planen, Arbeiten beschränken? Aber ist das, worauf es im Leben ankommt, wirklich berechenbar, planbar, machbar? Warten und hoffen können sollte eine neue Lebensperspektive sein, die bisher zu kurz gekommen ist in meinem Leben, in dem nur die harten Fakten bzw. Zahlen zählen? Aber ich kann nicht warten, kann nichts erwarten ohne Grund. Dieses Warten und Hoffen hätte ja nur dann einen Sinn, wenn es im Leben mehr gäbe als die bloßen Fakten. Da müsste darunter, dahinter oder darüber noch etwas sein, das den Horizont meines Lebens weit nach außen, so weit nach außen verlegt, dass er quasi die Begrenzung dieses Lebens überschreitet und die Ewigkeit, die Unendlichkeit berührt. Wenn das so wäre, dann müsste man das Ganze, Advent, Weihnachten; Erwarten, Hoffen… noch einmal überdenken, aus einer anderen Perspektive sehen. Dann dürfte man wirklich nicht nur rechnen und kalkulieren, sondern müsste offen sein dafür, dass es doch mehr geben könnte als das, was man zählen, messen, wiegen… kann? Dann wären „frohe Weihnachten“ nicht bloß Worte, sondern würden eine neue Wirklichkeit bezeichnen.

 

© Josef Gredler