Josef Gredler

08  Advent und die Sehnsüchte der Menschen (27.11.2011)

 

   Advent bezeichnet zunächst das, was Christen am Beginn des Kirchenjahres, in den Wochen vor Weihnachten feiern: Umkehr, inneres neu Werden, Vorbereitung auf Weihnachten, Warten auf die erlösende Menschwerdung Gottes. Diese Wochen münden dann in das große Weihnachtsfest, das wie kein anderes Fest die Gemüter bewegt, auch außerhalb der Kirche, auch ganz losgelöst von Glaube und Religion. So erfasst und bewegt Advent auch in einer weitgehend völlig säkularisierten Gesellschaft die Herzen der Menschen, löst Gefühle aus, nach denen ihre vertrockneten, darbenden Seelen verlangen. Advent erwärmt die Gemüter, die bei den unterkühlten, manchmal frostigen Temperaturen unserer hoch kommerzialisierten, technologisierten Leistungsgesellschaft zu kalt haben. Advent wird zur wärmenden Nische, um den emotionalen Minusgraden des Lebens „da draußen“ für ein paar Stunden zu entkommen. Einmal zumindest für eine Stunde aussteigen, ausbrechen aus dem Alltag, dem Leben, das so nüchtern, kalt und leer ist. Wenn die reale Welt das nicht kann, dann soll zumindest eine Scheinwelt vorübergehend die Sehnsucht stillen. In dieser Scheinwelt wird das inszeniert, kulissenartig aufgebaut, wonach sie suchen oder zu suchen glauben.

   Advent wird als „Zeit der Stille“ angepriesen, was natürlich nicht stimmt, aber den unruhigen, von Hektik und Lärm geplagten Menschen so guttun würde. Advent verspricht ein wenig Ruhe, nach der sich viele sehnen, auch wenn sie sie dann doch nicht finden. Advent wird mit der Weihnacht gerne als „Fest der Kinder“ bezeichnet. Wie viele sehnen sich nach ihrer Kindheit zurück, an deren Unbekümmertheit und Unverdorbenheit. Ob sie es wirklich war, ist dabei nicht so wichtig. In der Erinnerung wird sie so gesehen. Im „Fest der Kinder“ werden auch Erwachsene wieder zu Kindern, schließlich wollen auch sie wieder einmal sich kindlich freuen können. Weihnachten als „Fest des Friedens“. Wer unter dem Hickhack am Arbeitsplatz leidet oder täglich in der Zeitung oder im Fernsehen von Gewalt, Krieg und Terror liest, sehnt sich nach Frieden.

   Advent weckt jedenfalls Sehnsüchte, deren Befriedigung sich von Kirche und dem Advent, den sie feiert, weit entfernt oder ganz losgelöst hat. Advent lässt aber alle ahnen, dass es doch mehr gibt oder mehr geben muss, als diese schnelllebige, ganz auf Leistung, Erfolg und Gewinn getrimmte Welt bereithält. Natürlich ist der Advent auch für den Markt, die Wirtschaft ein „Objekt der Begierde“ geworden. Advent lässt sich gut vermarkten, weil sich Menschen die vermeintliche oder tatsächliche Erfüllung ihrer Sehnsüchte auch etwas kosten lassen. So wird Geld flüssig gemacht, kommt Geld in Bewegung, in Umlauf. Menschen, die sich nach mehr Ruhe sehnen, kann man Ruhe versprechende „Produkte“ besser verkaufen. Advent, die „Zeit der Stille“ hört man oft sagen, weil Menschen es gern hören und eine solche Zeit der Stille auch dringend nötig haben. Dabei stimmt das mit der Stille ja überhaupt nicht, aber allein davon zu hören, tut offensichtlich vielen gut. Wer für seine ausgezehrte Seele gemütsbewegende Zeiten und Erlebnisse sucht, läuft bereitwillig bereitwilligen „Verkäufern“ in die Arme, die das parat haben. Und wer meint, endlich einmal etwas Gutes tun zu müssen, und sei es nur, um den Seelenfrieden zu finden, hat dazu im Advent, der Blütezeit für Hilfsaktionen, vermehrt Gelegenheit.

   Mit einem Mix aus Lichterglanz, Geheimnisvollem, Stille, Weihnachtsmann, musikalischen Klängen, Christkind, Schneeflocken, Duft nach Kerzen und Zimtgebäck wird adventliche Stimmung erzeugt, in die viele Menschen zumindest einmal im Jahr eintauchen wollen oder müssen. Man kann nun über diese adventliche Befriedigung, die da gesucht und angeboten wird, kritisch seine Stimme erheben und aufklärerisch einschreiten, um auf die eigentliche Bedeutung des Advents hinweisen. Aber man sollte wahr und ernst nehmen, dass es diesen Hunger nach dem diesem Adventmix gibt. Dass Advent und Weihnacht dabei ganz miteinander vermischt werden, trifft absolut zu, ist aber kein Argument. Dass man Weihnachtslieder schon Wochen vorher singt, das Christkind zu einem blond gelockten Mädchen mutiert ist, in solchen Adventevents alles durcheinander gewirbelt wird, tut nichts zur Sache. Dass viele diesen Hunger im Kaufhaus, auf dem Advent- oder Christkindlmarkt oder in einer Fernsehshow stillen wollen und nicht in der Kirche mit den Verheißungen der Heiligen Schrift und in der Gemeinschaft der Kirchenbesucher, sollte vor allem diejenigen (auch mich) nachdenklich stimmen, die sich der Kirche und den Worten der Heiligen Schrift verbunden wissen. Warum trauen so viele Menschen, dem Kaufhaus, dem Christkindlmarkt, der Fernsehshow… die Erfüllung der Bedürfnisse ihrer Seele viel eher zu? Warum kommt die Kirche mit ihren biblischen Verheißungen und der Gemeinschaft ihrer Gläubigen nicht für die Erfüllung ihrer Sehnsüchte in Frage? Auf diese in Gottvergessenheit säkularisierten Versuche, doch ein wenig von einer erwärmenden Adventstimmung zu erhaschen, von oben herabschauen, ist kurzsichtig oder lieblos.

 

© Josef Gredler