Josef Gredler

07  Man braucht im Leben Gegengewichte (20.11.2011)

...ohne Gegengewicht gibt es kein Gleichgewicht.

 

   Als Kinder haben wir oft ein Brett über einen liegenden Baumstrunk gelegt. Wenn dann einer sich auf das eine Brettende setzte und ein zweiter auf dem anderen Brettende Platz nahm, konnten wir wunderbar schaukeln und unseren Spaß daran haben. Das war auch zu dritt, zu viert usw. ein Vergnügen, vorausgesetzt, dass beide Enden des Brettes in etwa gleich schwer belastet waren. Allein konnte man nicht schaukeln, denn man hatte kein „Gegengewicht“, so nannten wir den jeweils anderen, der notwendig war, damit man eben schaukeln konnte.

   Heute schaukle ich zwar nicht mehr so wie damals, aber dieses einfache Schaukeln, eigentlich war es ein Wippen, ist für mich zum Sinnbild geworden für das Leben: Der Mensch braucht Gegengewichte, nicht nur beim Schaukeln. Ohne Gegengewicht geht nichts. Oder man bekommt das Übergewicht wie damals, wenn einer von uns aus Übermut oder Bosheit überraschend vom Brett gesprungen ist und der andere mangels Gegengewicht vom Brett stürzen musste. So einfach war das, so einfach - nicht billig -  ist es oft im Leben. Wie oft bin ich Menschen begegnet, denen die notwendigen Gegengewichte fehlen. Solche Menschen bekommen dann tatsächlich das Übergewicht, verlieren die Balance und stürzen auf ihre Art und Weise immer wieder ab. Dieses einfache Bild vom Schaukeln auf dem Brett ist mir immer wieder in den Sinn gekommen, wenn ich mich selber nach dem Gegengewicht in den verschiedenen Lebenssituationen gefragt oder danach gesucht habe. Ich bin immer aufmerk-samer für meine Gegengewichte geworden, habe sie immer mehr gesucht und wollte sie kennen.

   Wir kennen doch genug Menschen, die nur für ihren Beruf leben, sozusagen ganz darin aufgehen – weil sie kein Gegengewicht haben. Was sollen sie denn auch anderes tun, als drauflos arbeiten? Wer keine anderen Interessen mehr hat als seine Arbeit, was bleibt dem anderes übrig? Wozu soll der überhaupt Feierabend machen? Was soll er denn bitte nach der Arbeit tun? Worauf soll er sich freuen? Was soll er mit sich und seiner Zeit, jetzt Frei-Zeit, anfangen? Wir kennen doch Menschen, die nervös, unruhig, ja unausstehlich werden, wenn sie keine Arbeit haben. Ihnen fehlt das notwendige, dieses Not wendende Gegengewicht.

   Menschen, die man liebt und von denen man geliebt wird, sind das wunderbarste „Gegen-gewicht“. Es ist doch schön, nach der Arbeit nach Hause zu fahren zu seiner Familie. Da kommt man ganz von selbst auf andere Gedanken. Schon auf dem Weg nach Hause trennt man sich von den Gedanken an die Arbeit, legt sozusagen den „Schalter“ um und ist dann ganz daheim. Es ist doch schön, sich nach der Arbeit mit Freunden zu treffen. Man braucht Menschen, die es wert sind, nicht mehr an die Arbeit zu denken. Ich bin ganz nebenbei überzeugt, dass auch die Qualität der eigenen Arbeit steigt, wenn man diese immer wieder auch loslassen kann.

   Wer nicht mehr in Ruhe und Freude ein Buch lesen, Musik hören, in einem Stuhl sitzen, einen Spaziergang machen, sich mit Freunden treffen kann..., ist ein armer Mensch. Wer keine Zeit für die „Dinge“ hat, die Freude machen und neue Kraft schenken, sollte ernsthaft in sich gehen. Noch viel schlimmer dran ist allerdings, wer an all dem keine Freude mehr haben kann. Er gleicht einem Kind, das meint, auch allein schaukeln zu können, obwohl auf der anderen Seite niemand sitzt, also das Gegengewicht fehlt.                                                                                                    

   Wer den ganzen Tag über einem großen Lärm ausgesetzt ist, braucht Ruhe. Wer den ganzen Tag sitzen muss, braucht Bewegung. Wer erschöpft und verbraucht ist, braucht Entspannung und Erholung... Wer viel allein ist, braucht mehr Gemeinschaft, Ansprache. Wer den ganzen Tag im Büro verbringt, braucht frische Luft. Wer…, braucht…

   Ein kluger Mensch sucht Gegengewichte. Ein glücklicher Mensch hat Gegengewichte.

 

© Josef Gredler