Josef Gredler

06  Weg mit der Schultafel, her mit dem Beamer! (13.11.2011)

 

   Soll man Schultafeln entsorgen und durch Beamer, Projektionsfläche und Laptop = elektronische Schultafel bzw. „Activboard“ ersetzen? Verfechter dieser neuen „Schultechnologie“ zweifeln nicht daran, dass das und nur das die Zukunft ist. Man redet von Fortschritt, den man nicht aufhalten kann und darf. In dieser Vokabel schwingt schon etwas mit, das Kritiker pauschal als „ewig Gestrige“ abstempelt. Außerdem gibt es da viele Zahlen und Untersuchungsergebnisse, die beweisen sollen, dass diese Präsentationstechnologie viel besser ist als die herkömmliche Schultafel. Wer wagt es zu bezweifeln, was im Internet zu lesen,  von den herstellenden Firmen felsenfest behauptet und deren Verkäuferschar, die die Schulen aufsuchen, mit zahlreichen Argumenten beschwörend belegt wird: „Lehrerfreund Activboard, die elektronische Tafel, die ALLES kann“ In Vorführungen, die durchaus Ähnlichkeiten mit Werbeveranstaltungen haben, wird dann demonstriert und bewiesen, dass das stimmt. Ich erlaube mir dennoch, meine Bedenken und Zweifel nicht für mich zu behalten, und möchte alle zu ermutigen, denen nicht zu schnell zu glauben, die Anspruch erheben, ganz im unaufhaltsamen Trend zu liegen:

Bedenken Nr. 1: Wenn das grelle, künstliche, intensive Projektionslicht mehr oder weniger zum Dauerzustand des Unterrichts wird, dann stellt sich für mich ernsthaft die Frage, ob das auf die Dauer für die Augen der Schüler/innen gut ist. Die Behauptung, dass Untersuchungen diese Zweifel widerlegt hätten, beruhigt mich keineswegs. Dass eine solche Präsentationstechnologie, mit der die Hersteller ungeheuere Summen verdienen, mit zahlreichen und umfassenden Empfehlungen ausgestattet wird, mag wenig überraschen. Wer hat da für wen was in welcher Absicht untersucht?

Bedenken Nr. 2: Der/die Lehrer/in kann nicht in der normalen und natürlichen Schreibhaltung hinter dem zu schreibenden Text stehen, sondern muss eine äußerst ungewöhnliche und unbequeme Schreibhaltung einnehmen und neben dem Text stehen, dabei den Hals für jeden Schriftzug um zumindest 90 Grad drehen, damit der mit dem Beamer in elektronischem Kontakt befindliche Schreibstift überhaupt schreiben kann. Dass der/die schreibende Lehrerin dabei immer noch im grellen Projektionslicht steht, kommt noch hinzu.

Bedenken Nr. 3: Das Schreiben der Lehrer/innen an der Tafel wird durch diese Unterrichtstechnologie vermutlich stark abnehmen. Wörter, Begriffe, Sätze entstehen nicht mehr, sie werden projiziert und sind dann fertig da oder man lässt sie durch Powerpoint „einfliegen“. Aber dass Lehrer/innen weniger schreiben, wird Faktum werden, ebenso, dass das Schriftbild an Qualität verlieren wird, von der österreichischen Schulschrift wollen wir da gar nicht reden.

Bedenken Nr. 4: Ein Klassenzimmer kann natürlich keine Kuschelstube sein. Aber dass dieses kalte, intensive Projektionslicht als beinahe Dauerzustand im Unterricht eine kalte Atmosphäre schafft, sollten zumindest jene bedenken, die wissen, dass Unterricht nicht ganz unabhängig von der Stimmung, von der räumlichen Atmosphäre ist. Lichtstudios wissen davon und zerbrechen sich den Kopf, wie sie Lichtverhältnisse schaffen können, die möglichst zweckdienlich und angenehm sind.

Bedenken Nr. 5: Hat sich jemand überlegt, um wie viel der Energieverbrauch in Tirol, in Österreich, in Europa steigt, wenn Lehrer/innen in den Schulen in Hinkunft nur mehr unter solchem Stromverbrauch (250 -  400 Watt pro Klasse) schreiben können? Die Störungsanfälligkeit wollen wir jetzt einmal außer Acht lassen. Da wird in vielen Schulen in vorbildlicher Weise Müll getrennt und damit sicher auch erzieherisch Umwelt-Verantwortung übernommen. Aber im Unterricht würden wir mit dieser Präsentationstechnologie mehr Strom denn je verbrauchen. Die gute alte Kreide wäre jedenfalls Strom sparender und daher umweltverträglicher. Dass das sparsame Umgehen mit der Energie zunehmend zu einer Überlebensfrage für die Menschen wird, sollte gerade in der Schule ein didaktisches Prinzip sein. Ist das angesichts der drohenden Klimaerwärmung schon rein erzieherisch der Schritt in die richtige Richtung? Wenn in allen Klassen nahezu dauernd der Beamer eingeschaltet ist, dann ist auch die Frage des Betriebsgeräusches (25 – 40 dB/A) und des Elektrosmogs zumindest ein kurzes Nachdenken wert.

Bedenken Nr. 6: Wenn der Strom ausfällt, sind die Vorbereitungen für diesen Tag wohl im Eimer. Ohne Strom kein Beamer, kein Kopierer, kein Computer…was tun wir dann? Die meist viel zu kleine Nottafel erlaubt ein paar Wörter oder Striche mit Plakat- bzw. Faserstiften, aber viel mehr ist damit nicht anzufangen. Sie dient mehr dazu, sich das Schreiben abzugewöhnen. Muss der Unterricht entfallen, wenn der Strom ausfällt? Kann man in der Schule ohne Strom überhaupt lehren und lernen? Wie würde das Lernen an einer solchen Schule ausschauen, wenn der Strom plötzlich ausfällt? Mir scheint diese Frage viel weniger an den Haaren hergezogen, als manche glauben.

Bedenken Nr. 7: Zuerst hat die Schule von der Wirtschaft die Sprache übernommen, seither reden wir von Schule und Unterricht in unglaublich gescheiten Wörtern, was allerdings nicht heißt, dass die Schüler/innen dadurch gescheiter geworden sind. Das vor Jahren erschienene in die Zukunft weisen sollende Papier „Klasse Zukunft“ ist geradezu ein Füllhorn solcher Wortschöpfungen. Nun hat es uns die faszinierende Präsentationstechnologie angetan. Wir werden der Versuchung nicht widerstehen. Allerdings sollten wir endlich kapieren, dass wir mit der Schule - um das Wort nachäffen zu vermeiden - eigentlich immer nur anderen hinterherlaufen.

Bedenken Nr. 8: Führende Konzerne und Unternehmen sind da schon wieder weiter und verbieten ihren Präsentatoren Powerpoint und Laptop, weil dabei die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abgelenkt werde. Bei den teuersten Seminaren im internationalen Präsentationsmanagement gibt es wieder nur mehr Flipcharts und Stifte. Was werden wir mit der sündteuren  Ausstattung tun, wenn wir darauf gekommen sind, dass sich die Wirtschaft, die in ihrer Sprache und Präsentation  zum Vorbild der Schule geworden ist, von dieser Präsentations-technologie wieder verabschiedet hat?

Bedenken Nr. 9: Wenn man mit jemandem spricht, soll man ihn/sie auch anschauen. Das ist aber sehr schwierig, wenn man sich gleichzeitig auf Laptop, Beamer und Projektionsfläche konzentrieren muss. Und tatsächlich erleben wir, wie in solchen Fällen der/die Präsentator/in oft kaum Blickkontakt mit denen hat, die er/sie ansprechen und daher auch anschauen sollte. Stattdessen pendeln die Augen ständig zwischen Tastatur und Projektion hin und her. Häufig begleitet von der geistreichen Vorgangsweise, dass uns der/die Präsentator/in noch vorliest, was da an die Wand projiziert ist – als ob wir selbst dazu nicht imstande wären.

   Durchaus möglich, dass durch Verbesserungen und Weiterentwicklung dieser „Activboards“ das eine oder andere Argument teilweise widerlegt bzw. relativiert werden kann. Damit sind jedoch die Bedenken nicht grundssätzlich und insgsamt  aus den Angeln gehoben. Es kann bei allen Erneuerungen, Veränderungen, Entwicklungen rund um die Schule immer nur um die eine Frage gehen, wie wir die Schule, den Unterricht verbessern, damit wir die Lernergebnisse der Schüler/innen verbessern. Verbesserung der Lernergebnisse darf aber nicht nur quantitativ gesehen werden. Es genügt nicht, dass man bloß mehr lernt, man muss auch das Richtige lernen. Lernen passiert nicht nur im Kopf, es muss auch die tieferen Schichten der Person erreichen. Lernen ist ein gesamtmenschlicher, komplexer Vorgang. Dieser Weitwinkel des Lernverständnisses ist für Schule unverzichtbar.

 

© Josef Gredler