Josef Gredler

05  Stromausfall in der Schule oder die steckdosenabhängige Didaktik  (12.11.2011)

 

    Dass Schüler/innen in der Schule etwas lernen, erfordert einen zunehmend höheren tech-nischen bzw. technologischen Aufwand. Manchmal kommen mir da ganz einfach Zweifel, ob die Lernergebnisse dadurch auch entsprechend besser geworden sind. Die Zeiten, an denen die Lehrerin noch ganz normal an die Tafel geschrieben hat, ein Lehrer es verstanden hat, mit der Kreide in seinen Händen ein Tafelbild zu zeichnen, das den Lernprozess dieser Unter-richtseineinheit - sagen wir ganz einfach Schulstunde - unterstützt hat, scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Die moderne Lerntechnologie hat in der Schule triumphalen Einzug gehalten. Video, Beamer und derlei Unentbehrliches gehören längst zur sogenannten technischen Grundausstattung einer Schulklasse. Die gute alte Schultafel ist zwar noch da oder schon entsorgt, hat jedenfalls ausgedient. Die Schachtel mit den Kreiden bleibt immer öfter verschlossen. Der Kopierer ist zur heiligen Kuh modernen Lernens mutiert. Tausendfach werden im Laufe eines Schuljahres Kopien angeschleppt. Würde man sie übereinander stapeln, welche Schule hätte den höchsten Turm? Da wäre es interessant festzustellen, ob die Schule bzw. die Lehrer/innen mit dem höchsten Kopienstapel auch die besten Lernergebnisse erzielen.

    Was würde passieren, wenn bei diesem Lehrer oder in jener Klasse mitten am Vormittag der Strom ausginge? Was würde passieren, wenn dieser Stromausfall eine Woche dauern würde? Und ich stelle mir dieses Szenario vor. Der Kopierer rührt sich nicht mehr, Overhead, Video und Beamer und jedwede Art sonstiger Projektoren bleiben dunkel. Die Pausenglocke schweigt, die Schulsprechanlage natürlich auch. Immer mehr neige ich dazu, in einem solch teuflischen Missgeschick die „Stunde der Wahrheit“ zu sehen. Die Lehrerin hat eine Stimme, kann ihre Hände bewegen, vorne ist die gute alte Schultafel montiert, Kreiden liegen zur Genüge bereit, sogar in verschiedenen Farben. Die Schüler/innen haben Augen und können sehen, lesen. Im Federpenal befinden sich Bleistift, Kugelschreiber, Stifte in verschiedenen Farben, vielleicht sogar eine Füllfeder. In der Schultasche sind Hefte und Bücher. Kann man damit unterrichten? Kann man damit etwas lernen?    

Da gäbe es sicher Lehrer/innen, denen würde dieser Umstand gar nicht so viel ausmachen, denn sie würden mit ihrer Stimme und ihrer Hand, mit Tafel und Kreide, mit Heften und Büchern lebendigen Unterricht zuwege bringen. Schüler würden bei ihnen die notwendigen Lernschritte auch bei Stromausfall machen. Auch die notwendige Freude, der Spaß und Humor kämen nicht zu kurz. Denn Lachen und Freude sind auch ohne Beamer und Strom möglich. In ihrer Phantasie würden sie immer neue Möglichkeiten erfinden, einen lebendigen Unterricht zu gestalten.

    Aber, ich fürchte, da gäbe es auch Lehrer/innen, die in große Verlegenheit kämen. Wie soll man da noch unterrichten können, wenn man keine Kopien mehr mit in die Klasse schleppen kann, wenn das Schreiben auf der Schultafel zwar noch einigermaßen - die Übung fehlt halt ein wenig -, aber das Zeichnen schon kaum mehr gelingt. Verdammt noch mal, wie soll man da unterrichten können, wenn man nicht einmal mehr ein Video zeigen kann, wenn kein Powerpoint mehr möglich ist, wenn man keinen Knopf mehr drücken kann, um Funktionen auszulösen, sondern mit der bloßen Stimme, mit den bloßen Händen, quasi mit bloßer Kreide auf einer Tafel, die man auf und nieder schieben kann, damit alle Schüler/innen auch freien Blick haben, unterrichten muss? Wäre da für manche sogar das Ende von Unterricht gekommen?

    Wenn jetzt jemand von mir wissen möchte, ob ich etwas gegen moderne Unterrichtstechno-logie habe, dann darf ich diese Frage mit bestem Wissen und Gewissen verneinen. Ich habe nur Bedenken, wenn manche sich so an diese Technologie ketten, sich ihr richtiggehend aus-liefern, dass sie nicht mehr merken, dass diese immer mehr den Platz einnimmt, den sie als Lehrer/in einfach nicht aufgeben dürfen. Manche verlieben sich richtiggehend in dieses tech-nologische Instrumentarium, machen es fast zu ihrem Spielzeug und vergessen, dass die Schüler/innen im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stehen sollen. Übertriebener technischer Aufwand befriedigt oft mehr den Spiel(be)trieb, als er dem Lernfortschritt der Schüler/innen dient.

 

© Josef Gredler