Josef Gredler

04  Die verlorene Zeit (11.11.2011)

 

   Immer mehr Menschen haben immer weniger Zeit. Diese Tatsache hat viele Menschen und ihr Leben tiefgreifend verändert. Keine Zeit zu haben ist für viele die „normale“ Lebensbefindlichkeit, aus der sie vielleicht gelegentlich ausbrechen, der sie sich ansonsten aber in einer Mischung aus Gedankenlosigkeit, Machtlosigkeit oder Resignation unterwerfen. Es ist halt so. Die Zeit hat sie fest im Griff.

   Der erschreckende Blick auf die Uhr, dass es schon so spät oder gar zu spät ist, lässt sie hastig hier und jetzt abbrechen, um eilig dort zu sein, wo sie eigentlich schon sein müssten. Und dort ergeht es ihnen dann ebenso. Sie sind dauernd am Zeitlimit und darüber. Wie ein Hamster drehen sie sich eilig in einem Rad, nie schnell genug. Diese Beschleunigung des Lebens hat sie ganz erfasst, sie sind zunehmend Sklaven jenes Zeigers, der immer wieder ermahnt, schon woanders sein zu müssen, oder jenes Kalenders, in dem ihnen die freien Zeilen ausgehen. Uhrzeiger und Terminkalender jagen sie lückenlos und ohne Verschnauf-pause von einer Aufgabe zur anderen.

     „Keine Zeit“ ist die häufigste Antwort oder Entschuldigung auf eine Frage nach der Zeit des anderen. Dabei stimmt das ja meistens, aus der subjektiven Sicht der Betroffenen jedenfalls. Das manchmal noch in entschuldigendem Ton angehängte „tut mir leid“ ist nur mehr die dunkle Ahnung oder das verblasste Empfinden, dass es anders sein sollte. Sie sind aber nicht mehr im Besitz der Zeit, sondern die Zeit besitzt sie. Zeit ist in unserer hyperzivilisierten Stressgesellschaft für viele so knapp geworden wie Wasser in den Trockenzonen. Weil sie keine Zeit haben, zumindest immer zu wenig Zeit, muss zum ersten alles schnell, „fast“ gehen. Sie haben nicht mehr Zeit, entspannt und ruhig zu essen, daher Fast-Food. Sie haben nicht mehr die Zeit, ihre Arbeiten mit der notwendigen Ruhe und Aufmerksamkeit auszuführen, daher Fast-Work. Alles muss schnell gehen im Leben: Fast-Life. Für Verweilen, Innehalten, Ruhe, Entspannung, Bedachtsamkeit, Atemholen ist keine Zeit mehr. Die Zeit-Not beherrscht und bestimmt fast alles.

   Wenn etwas nicht „fast“ genug geht, werden viele unruhig und nervös, weil sie sich im zeitlichen Soll wissen, ein vertrautes, aber dennoch erdrückendes Gefühl. Sie reden von „verlorener Zeit“, wenn sie diese nicht entsprechend ausfüllen konnten mit Arbeit, Erledigungen, Terminen. Zeit muss schließlich genützt und darf nicht vergeudet werden, denn „Zeit ist kostbar“, oder wie man bei uns sagt, „Zeit ist Geld“. Und damit haben sie der Zeit eine ausschließlich wirtschaftliche Funktion gegeben. Wenn Zeit nicht entsprechend genützt oder mit “unnützen Dingen“  ausgefüllt wird, dann ist das „vergeudete Zeit“. Und wer dennoch Zeit hat, gerät in den Verdacht, nichts zu tun zu haben oder arbeitsscheu zu sein.

    Alles muss schnell, schneller gehen. Dieses Leben in der zunehmenden Beschleunigung erlaubt kein Innehalten und Warten. Sie können es nicht mehr erwarten, bis dies oder jenes endlich erledigt, getan  ist. Dabei merken sie gar nicht, dass ihre Eile auch zerstörerisch wirkt. Sie setzen  „Salatpflanzen“ und weil diese nicht schnell genug wachsen, wollen sie nachhelfen, indem sie an diesen Pflanzen ein wenig ziehen. Anstatt schneller zu wachsen, liegen diese am nächsten Tag vertrocknet und leblos da. Alles braucht seine Zeit. Wer aber den „Dingen“ nicht die Zeit lässt, die sie brauchen, zerstört sie und letztlich zerstören Menschen dadurch sich selber.

   Aus „Zeitvertreib“ ist eine Abwertung herauszuhören, wenn Zeit nicht wirklich und ausschließlich einem wirtschaftlichen Nutzen zugeführt wird. Zeit dient ausschließlich der „Wertschöpfung“, wobei Wert nur wirtschaftlich-materiell gemeint ist. „Wert“ ist demnach nur das, was produzierend oder Dienst leistend Teil der wirtschaftlichen Leistung eines Einzelnen oder eines Gemeinwesens geworden ist; dieser Teil ist messbar und finanziell bewertbar, daher „Zeit ist Geld“. Dieses Verständnis von Zeit hat der Person die „Zeit für sich“ genommen und ist zu einer Maßeinheit bzw. „Werteinheit“ für messbare Leistung geworden.

   „Verlorene Zeit“ ist nicht jene Zeit, die man zu wenig genützt oder vielleicht vertrödelt hat, sondern jene Zeit, die man einfach nicht mehr hat und das Leben in eine zunehmende Beschleunigung und Atemlosigkeit lenkt, dass man daran erkrankt, körperlich, seelisch, emotional, weil man ständig unter Zeitdruck lebt und sich von diesem Druck nicht befreien kann. Erhöhter Zeitdruck ist schlimmer als erhöhter Blutdruck, vor allem kann man keine Tabletten dagegen schlucken. Die zunehmende Beschleunigung des Lebens schafft für immer mehr Menschen einen Zeitdruck bzw. Leistungsdruck, dem sie oft nicht mehr standhalten können. Immer mehr Menschen sollen in immer weniger Zeit immer mehr bewältigen, leisten. Wer das nicht schafft, der bleibt auf der Strecke: burnout. Wie eine Schnur, die immer enger zugezogen wird, legt sich die Zeit um den Hals, bis man schlussendlich keine Luft mehr bekommt und… An der „verlorenen Zeit“ erkranken mehr Menschen als an… Man kann an der fehlenden Zeit nicht nur erkranken, man kann daran sterben und viele tun es. Zeitnot ist zwar in den Todesanzeigen nie als Todesursache angeführt, dort stehen nur die Folgen, die wir dann irrtümlich für die Ursachen halten. Diese „verlorene Zeit“ ist indirekt Ursache für viele Erkrankungen und nimmt als indirekte Todesursache in der Statistik einen Platz ganz weit vorne ein. In den hoch entwickelten Industrieländern, in denen Zeit gleich Geld ist, ist die Zeitnot eine bedrohliche Zivilisationskrankheit mit epidemieähnlichem Ausmaß.

   Es wäre naiv zu glauben, man könnte diese Entwicklung grundsätzlich, gesellschaftlich, global aufhalten, umdrehen, ändern, aber man kann für sich - auch beruflich - zur Erkenntnis und Erfahrung kommen, dass weniger manchmal tatsächlich mehr ist, dass  Arbeit sogar effizienter werden kann, wenn man den Fuß ein wenig vom Gaspedal nimmt. Man darf auf keinen Fall seinen Lebensstil, sein privates Leben sozusagen auch noch dieser „Zeitlosigkeit“ unterwerfen, sonst gleichen wir tatsächlich jenem Hamster, der in seinem Laufrad eilig seine Runden dreht. Viele spüren ihre Rastlosigkeit gar nicht mehr, leiden aber unbewusst darunter. Sie haben sich so daran gewöhnt, dass sie gar nicht mehr anders können und mit wirklich freier Zeit nichts mehr anzufangen wissen. Sie haben es schlichtweg verlernt, Zeit zu haben. Im Gegenteil, Ruhelosigkeit überfällt sie, wenn sie endlich einmal Zeit, Ruhe hätten, wenn sich überraschend unverplante, freie Zeit – ein kurzfristig entfallener Termin, im Wartezimmer des Arztes - vor ihnen auftut. „Keine Zeit“ ist sozusagen zur bedrohlichen Gewohnheit geworden, hat Menschen unfähig gemacht, mit der Zeit umzugehen, sie auszuhalten,  zu erleben,  anzunehmen. Sie müssen sie dann voll stopfen mit irgendwelchen Tätigkeiten oder auch Lärm. Nur nicht zur Ruhe kommen, denn diese halten sie nicht mehr aus, in Ruhe sind sie sich selber unerträglich. Sie haben das Leben „mit der Zeit“ verlernt, sie kennen es nicht mehr. Sie haben nicht nur die Zeit, sondern auch sich selbst verloren.

   Wer permanent unter Zeitnot wie Atemnot leidet, sollte sich zumindest versuchsweise einmal mit einigen Artgenossen Zeit für folgendes Gesellschaftsspiel nehmen: Alle sitzen im Kreis. Eine/r wirft dem/der anderen den Blick oder Ball zu, worauf diese/r sagen soll „Was würde ich gerne tun, wenn ich Zeit hätte?“. Zeit haben, ein schier unvorstellbarer, aber überaus interessanter Gedanke! Utopisch, einladend, abschreckend? Die Antworten werden auf einem Plakat gesammelt und anschließend besprochen, hinterfragt, diskutiert: Was würde ich gerne tun, wenn ich Zeit hätte? Was wäre, wenn? Man kann mangels Mitspieler/innen die Fragen sich allen stellen und die Antworten auf einem Blatt Papier sammeln und darüber nachdenken, am besten an einem ruhigen Platz. Eine heilsame Übung vielleicht sogar zu einer gewissen Entschleunigung des Lebens und Gesundung des Lebensstils, der Beziehungen, der Person an sich. Es würde sich lohnen, sich jeden Tag ein wenig darin zu üben, die verlorene Zeit wieder zu finden, sie bewusst wahrzunehmen, sie neu zu erfahren, sie wirklich wert zu schätzen, als kostbar zu erleben, ihre heilende, wohl tuende Wirkung zu entdecken.

 

© Josef Gredler