Josef Gredler

03  Der Tanz um das Goldene Kalb (17.09.2011)

kritische Gedanken zur Synergie bzw. dem, was man dafür hält 

 

    Synergie – wem diese Kultvokabel nicht regelmäßig über die Lippen kommt,  ist nicht kompetent. Längst schon hat diese Vokabel auch in der Schule Einzug gehalten, ist dort gewissermaßen zu höchsten Ehren aufgestiegen. Allerorts ist man auf der fieberhaften Suche nach sogenannten Synergien. Kleine überschaubare Einheiten werden zusammengelegt zu größeren, viele größere Einheiten werden zusammengeschlossen zu noch größeren und so weiter und so fort. Man will alle möglichen und unmöglichen Synergien nützen, ohne kritisch prüfend zu hinterfragen, ob sie letztlich den Menschen wirklich von Nutzen bzw. ein Segen sind, all diese Synergien.  Wir folgen dem Beispiel so großer Vorbilder wie McDonalds, Microsoft, Shell... Auch Billa hat es in Österreich erfolgreich vorexerziert. Vom kleinen Greißler wollen wir gar nicht erst reden, nostalgische Sentimentalität. Aber auch sogenannte Geschäfte durchschnittlicher Dimensionierung genügen den Ansprüchen synergieorientierter marktwirtschaftlicher Überlegungen und ausschließlich profitorientierter Kalkulationen längst nicht mehr. Wir brauchen  Supermärkte, Einkaufstempel – wegen der Synergien.

    Folgendes Beispiel wird wohl die letzten Skeptiker überzeugen: Eier sind im Supermarkt um mindestens zehn Cent pro Stück billiger. Warum? Ganz einfach zu erklären: Wenn man viele kleine Hühnerställe zusammenschließt zu einem großen und mehrere große Hühnerställe zu einem noch größeren, dann können Eier in Legebatterien wie am Fließband erzeugt, pardon, gelegt werden. Und ob unsere Eier von glücklichen Hühnern stammen oder so erbärmlichen Kreaturen, denen sogar das Gackern vergangen ist, schmeckt man beim Spiegelei wirklich nicht. Beim Supermarkt bleibt diese Entwicklung nicht stehen, noch sind die Synergien nicht maximiert. Wir sind konsequent und schließen viele solcher Supermärkte zu einer Einkaufscity zusammen oder verbinden sie national, international und letztendlich global wie die Glieder zu einer Kette, dann...

    Ein Vorschlag zur Synergienutzung im Gesundheitswesen: Man könnte doch alle Herz-schrittmacher an einen zentralen Server hängen. Das wäre gleichsam eine Synergie-maximierung. Was bei Supermärkten funktioniert, könnte doch auch bei Herzschrittmachern zum Erfolg führen oder etwa in der Bildung. Wir legen  kleine Schulen zusammen zu größeren und viele größere Schulen morgen zu noch größeren. Wir sammeln die Schüler eines ganzen Tales, transportieren sie gratis mit dem Schulbus in eine Bildungscity, wo sie gewiss die besten Voraussetzungen für ihre persönliche Entwicklung haben. Welche Rolle spielt es da, dass man vielen zu kleinen Gemeinden mit ihren viel zu kleinen, sprich „unrentablen“ Schulen  gleichsam die Seele aus dem Leib reißt? Sentimentalitäten haben da wirklich keinen Platz. Und außerdem könnten sich diese vielen kleinen Gemeinden schleunigst zusammen-schließen zu größeren. Sie haben es erraten, wegen der Synergie natürlich. Schließlich kann jeder nachrechnen und wird zugeben müssen, dass ein Rathaus weniger kostet als zwei und ein großer Bürgermeister mit seinem Hofstaat billiger ist als fünf kleine mit ihren vielen kleinen Gehilfen. Synergieeffekte machen eben alles billiger - und besser? Und wen das Fremdwort Synergie stört, der darf auch Vernetzung sagen. Na also!

    Wenn alles weltweit vernetzt und wirklich konsequent alle Synergien genützt sind, dann? Was ist dann besser geworden?  Der große englische Denker und Philosoph, Karl Popper, hat mahnend behauptet „small is beautyful“. Er hat nicht von Ästhetik gesprochen, er hat den Menschen gemeint, sein Leben. Nicht small ist beautyful, sondern mega ist super. Synergy-mania allerorts, Globalisierung schlussendlich. Immer mehr stimmen ein in dieses Credo von der Synergie und schließen den Reigen  zum Tanz um das Goldene Kalb. Und die warnenden Stimmen philosophischer Geister werden nicht mehr gehört. Da fällt mir „der Rattenfänger von Hameln“ ein, der mit seinem Flötenspiel alle Rattenviecher verzaubert, sodass sie ihm blindlings folgen – wohin, das haben wir nie erfahren.

 

© Josef Gredler