Josef Gredler

02  Was ist mit unserer Sprache über Schule passiert? (10.09.2011)

...bedenkliche Rhetorik rund um Schule und Lernen

 

   Beim Lesen einschlägiger Fachbücher bzw. Aufsätze sowie beim Anhören von  Referaten oder Ausführungen zu diesem Thema kommt mir immer öfter die Frage: Warum flüchten viele „Schulmenschen“, wenn sie über Schule und Unterricht reden oder schreiben, zunehmend in eine so „hochgestochene“ Sprache, gespickt mit eindrucksheischenden Fachausdrücken, die nicht einmal auf dem Boden der Pädagogik gewachsen sind? Warum bedienen sie sich in zunehmendem Maße einer Sprache, die aus der Wirtschaft kommt, insbesondere aus der industriellen Fertigung? Manche dieser Fachausdrücke steigen sogar in den Rang „schulischer Kultvokabeln“ auf, ohne deren ausreichende Präsenz kein Buch veröffentlicht, keine Bewerbung erfolgreich bestanden, kein Referat gehalten, nicht einmal diskutiert werden kann.

    Beispiele aus einem solchen Referat gefällig? Schüler wurden als Konsumenten bezeichnet. Die zu lehrenden bzw. zu lernenden Inhalte nannte man Produkte. Dann sind die Lehrerinnen und Lehrer Produzenten und die Schule ist eine Produktionsbetrieb. Das Bemühen, dass diese Konsumenten (= Schüler) im Produktionsbetrieb (= Schule) wirklich entsprechende Fortschritte beim Konsumieren der Produkte (= Lernen der Inhalte) machen, nennt man Qualitätssicherung. Maßnahmen zur Überprüfung der Qualität des Produktionsbetriebes Schule bzw. ihrer Produkte heißen Evaluation. Da ist dann noch zu unterscheiden zwischen Selbst- und Fremdevaluation. Ist da von einer Fabrik oder von Schule die Rede?

    Was ist da passiert? Man redet von Schule, Unterricht und Lernen, also vom Menschen, und flüchtet immer mehr in eine Sprache, die zugegeben sehr respekteinflößend klingt, aber auch kalt, manchmal sogar unmenschlich, oft unverständlich ist – besonders für Eltern und Schüler. Vor einiger Zeit habe ich den Ausführungen eines „Schulmenschen“ über Schule und ihre Entwicklung zugehört. Nach einer Viertelstunde drängte sich mir folgender Gedanke auf: Wenn ich drei immer wiederkehrende Vokabeln des Vortragenden austauschen dürfte, könnte man meinen, da sei von einem industriellen Unternehmen die Rede. Wenn ich statt Schüler Konsumenten sage, Klasse durch Abteilung und Lehrer durch Leitungsfunktion ersetze, dann könnte man diesen Vortrag ebenso gut im Rahmen eines Wirtschaftsseminars halten.     Bei der Frage, warum dies so ist, sind mir ein paar Vermutungen bzw. Verdächtigungen in den Sinn gekommen.

    Verdacht Nummer eins: Manche reden bzw. schreiben deshalb so, weil Zuhörer oder Leser etwas, das so gescheit klingt, gar nicht erst anzuzweifeln oder zu hinterfragen wagen. Wenn etwas so gescheit formuliert ist, muss es doch stimmen. Was alle verstehen, wird kritisch geprüft. Wer so redet oder schreibt, dass es nicht alle verstehen, der wird weniger hinterfragt. Man verschanzt sich mit aller inhaltlichen Unsicherheit oder Schwäche hinter dieser Sprache. Sprache als Bollwerk!

    Verdacht Nummer zwei: Man will damit bei den Zuhörern oder Lesern Respekt und Anerkennung ernten. Der Autor oder Referent muss schon eine Kapazität sein, sonst könnte er sich nicht laufend, fast am Fließband, solcher Vokabeln bedienen, die das ganz normale schulische „Fußvolk“ gar nicht mehr versteht. Mit einer solchen Sprache will man Kompetenz suggerieren?

    Verdacht Nummer drei: Ist vielleicht gar eine gewisse Sprachlosigkeit der Grund, dem Reden und Schreiben über Schule, Unterricht und Erziehung dieses Mäntelchen der Wirtschaftssprache umzuhängen, um „harte Facts“ vorzutäuschen, wo in Wirklichkeit nur große Hohlräume des Zweifels und der Unsicherheit sind?

    Verdacht Nummer vier: Wenn man in Gegenwart sehr gescheiter Leute plötzlich einen erfundenen, aber unheimlich intellektuell klingenden Begriff verwendet, den niemand verstehen kann, weil es ihn gar nicht gibt, dann ist alles still. Niemand wagt anzufragen, was denn das bedeute, man habe das Wort noch nie gehört. Alle schweigen, um sich keine Blöße zu geben?

    Verdacht Nummer fünf: Eine solche Sprache hilft inhaltliche Dürftigkeit zu kaschieren. Bescheidene oder bloß mittelmäßige Inhalte wirken in diesem Sprachgewand unheimlich professionell. Sprache als Tünche? Wenn man diese inhaltliche Dürftigkeit mit ihrer überaus professionell anmutenden Sprache noch dazu powerpointmäßig über die Projektionsfläche huschen lässt, einmal von links unten, dann von rechts oben, mehr auf die Knöpfe der Tastatur fixiert als in einem echten Blickkontakt mit den Zuhörern, dann macht das schon Eindruck, bei einem Teil des Publikums zumindest.

    Verdacht Nummer sechs: Redner oder Autor baden sich selber in dieser Sprache. Besagte Vokabeln, zunehmend angereichert mit Anglizismen, sind gleichsam der Badezusatz?

    Welcher Verdacht stimmt? Keiner? Oder machen alle zusammen jene Wahrheit aus, die niemand zugeben will?     Ein Mut machender Tipp als Gegenrezept: Bilden Sie sich nicht immer ein, wenn Sie etwas nicht verstehen, das müsse an Ihnen liegen! Die Chance, dass es auch am Redner liegt, ist durchaus 50 %. Fragen Sie kompromisslos nach, wenn Sie etwas nicht verstehen! Fragen kostet oft viel mehr Mut als Schweigen. Fragen ist oft die viel größere intellektuelle Herausforderung als still zu sein. Neil Postman stellt sich auf die Seite der Fragenden, wenn er behauptet, die Fragen seien die eigentlichen intellektuellen Werkzeuge des Menschen.

    In der ganzen pädagogischen und bildungspolitischen Diskussion orte ich eine gravierende Uneinigkeit und chronische Unsicherheit darüber, was Schule wirklich soll. „Schule muss Kompetenzen = Produkte liefern“, so behauptete ein Fachmann einmal in seinen Ausführungen. Schule sei ein Dienstleistungsbetrieb, hat einer anderer gemeint. Hoffentlich ist sie weder das eine noch das andere. Von Kompetenzen ist da die Rede, die an Stelle von Fakten (= Kenntnissen) treten sollen.

    Ist die Schule um so viel besser geworden, wie wir sie mit neuen Vokabeln aufgespritet haben? Da bleibt einem ja fast die Luft weg, wenn man hört, was es da in der Schule alles gibt: fokusierte und partizipative Evaluation, Supervision, Mediation, ressourcenorientiert, Qualitätssicherung, Synergieeffekte, Module, Suchtprävention, Krisenintervention, Teamteaching, Förderkontingente, Support, IT-Technologie, E-Learning, Tutoren, Inputsteuerung, Outputorientierung, Qualitätsindikatoren-Systeme, Portfolio, Brenchmarks, Schulinvolvement, motivationale Variable ... (alle einem „Schulpapier“ entnommen bzw. bei einem mit viel Applaus bedachten Referat gehört). Niemand wird bestreiten, dass dies eine Menge gescheiter, respekteinflößender Vokabeln ist. Und so leicht wagt man sich nicht an die Kritik solcher Wortgebilde. Aber hat dieses verbale Aufspriten unsere Schule besser gemacht? Ist da nicht erstaunlich wenig von Kindern, von heranwachsenden Menschen die Rede? Wir haben es in der Schule mit Kindern zu tun, nicht  mit „Schüler-Material“. Hoffent-lich wird man Lehrerinnen und Lehrer in Fortsetzung dieser Sprachentwicklung nicht irgend-wann als „Bildungs-“ bzw. „Unterrichtstechniker“ bezeichnen und verstehen.

    In  einem Papier eines hochrangigen „Schulmenschen“ habe ich einmal Gedanken dazu gelesen, die in ihrer pädagogischen Vision in eine andere Richtung weisen: „Wir brauchen einfühlsame und verantwortungsbewusste Pädagogen..., nicht Erziehungstechniker.“ Wohltuend menschlich klingt das. Das Wissen, das die Lehrer/innen an die Schüler/innen weitergeben, sollte zur Weisheit führen, heißt es in diesem Papier weiter. Die Lebensbewältigung ihrer Schüler/innen müsse der Schule und den Lehrer/innen dort ein ganz wichtiges Anliegen sein. So habe ich es jedenfalls verstanden. (Den Konjunktiv gebrauche ich wirklich nur, um  grammatikalische Empfindlichkeiten nicht zu sehr zu verletzen.) Die erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten sollten das Leben bereichern. Sinngebung und Orientierung seien wesentliche Aufgaben der Schule. Dann ist da noch von der Verantwortung sich, den Mitmenschen und der Umwelt gegenüber die Rede. Beim Lesen dieses Papiers habe ich wieder deutlich Kinder, Mädchen und Buben gesehen, wie sie täglich durch das Schultor in die Schule kommen, um zu lernen.

 

© Josef Gredler