Josef Gredler

Kein Tod auf Golgota, meint Johannes Fried

 

     In der theologischen Abteilung der Buchhandlung fällt mein Blick auf ein Büchlein –handliches Format, überschaubarer Umfang von 167 Seiten, C.H.Beck-Verlag, 19,95 Euro – mit dem wirklich brisanten Titel „Kein Tod auf Golgatha“, Golgatha statt Golgota und ohne Fragezeichen. Der Autor ist der renommierte und mit dem deutschen Historikerpreis ausgezeichnete Professor für Mittelalterliche Geschichte Johannes Fried, der sich laut Untertitel auf die Suche nach dem überlebenden Jesus macht, damit aber schon seine kühne These vorwegnimmt, dass Jesus seiner Überzeugung nach die Kreuzigung überlebt habe. Eine Behauptung, die nicht neu ist, sondern schon seit der Antike und vor allem dann in der Zeit der europäischen Aufklärung immer wieder erhoben wurde, die aber über reißerische Spekulationen nie hinausgekommen ist. Johannes Fried, Sohn eines Pfarrers, glaubt tatsächlich, die Spuren gefunden zu haben, die ihn behaupten lassen, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, sondern das Kreuz überlebt und dann außerhalb der römischen Staatsgewalt als Wanderprediger weitergewirkt habe. Wie Jesus das Kreuz überleben konnte, erklärt er sich und den Lesern mit plausibel scheinenden Argumenten so:

     Jesus ist nach der Folter der Geißelung mit schweren inneren Verletzungen, vor allem im Brustkorbbereich, am Kreuz gehangen. Durch Anstieg des Kohlendioxids (der verbrauchten Luft) in seiner Lunge sei seine Atmung reflexartig immer schneller und heftiger geworden – in der Medizin als Hyperkapnie bekannt. Weil Jesus aber das aufgestaute Kohlendioxid nicht mehr ausatmen konnte, sei er in eine sogenannte CO2-Narkose, einen scheintodähnlichen Vergiftungszustand gefallen. Man habe ihn daher für tot gehalten, obwohl er erst seit wenigen Stunden am Kreuz hing. Um sich vor der Kreuzabnahme zu vergewissern, dass Jesus auch wirklich schon tot ist, stieß einer der Soldaten Jesus mit der Lanze in die Seite – zwischen die Rippen, nicht ins Herz – und das austretende Blut- und Wassergemisch wurde für den sicheren Hinweis auf den bereits eingetretenen Tod gehalten. Tatsächlich habe dieser Lanzenstich, der zur „offiziellen Feststellung des Todes“ bestimmt war, aber wie eine Punktierung der Pleurahöhle im Lungenbereich gewirkt, die Jesus das Leben rettete, weil sie die Atmung wieder in Gang gesetzt und so den sicheren Erstickungstod verhindert habe. „Der rettende Lanzenstich verhinderte… den Exitus. Jesus… starb nicht am Kreuz.“ (S. 41) Die Atmung sei aber so flach gewesen, dass man sie nicht bemerkt habe, sondern den ohnmächtigen Jesus weiterhin für tot hielt. Jesus habe aber bei der Kreuzabnahme gelebt.  Josef von Arimathäa und Nikodemus haben den „Leichnam“ nach jüdischer Sitte gewaschen, einbalsamiert, mit Leinenbinden umwickelt und in ein Felsengrab gelegt.  

     Im kühlen Felsengrab habe der quasi leblose Körper sich wieder erholt und Nikodemus „muss gemerkt haben, dass Jesus noch atmete oder… wieder zu atmen begann.“ … „die Atmung setzte wieder ein“. (S. 37) Jesus sei aber nicht „auferstanden“, sondern „aufgestanden“ und habe mit Hilfe von Josef von Arimathäa und Nikodemus und zwei „Engeln“, essenischen Mönchen, das Grab lebend verlassen. „Jesus war aus seiner Narkose aufgewacht, aber nicht auferweckt worden“ (S. 54). Das anderntags leer vorgefundene Grab – „… das Grab war leer, weil dorthin kein Toter gebettet worden war…“ (S. 41) – verlangte eine Erklärung. Die Behauptung, dass Jesus auferstanden sei, habe Jesus und seine Jünger bzw. Anhänger schützen können. „Vermutlich hüteten die Wissenden das Geheimnis auch vor ihnen. Denn auch sie bedurften des Schutzes.“ (S. 59) Es ging „um die Rettung aus todbringender Gefahr für Jesus und für jene, die sein Überleben ermöglicht hatten…“ (S. 65). Zudem habe diese Behauptung gezielt die Botschaft in Umlauf gebracht, die zum Beginn des Christentums geworden sei.

     Nachdem Jesus von Freunden gesund gepflegt worden sei, ist er seinen Jüngern und auch den Frauen leibhaftig „erschienen“. Ob diese ihn für den „Auferstandenen“ oder den „Aufgestandenen“, dem Grab Entflohenen hielten, ist ungewiss. Er ist seinen Jüngern noch eine Zeitlang erschienen und hat sie unterwiesen. Aber allmählich sei der weitere Verbleib des dem Grab Entflohenen im römisch-jüdischen Umfeld zu gefährlich geworden, sodass er untertauchen, geheimnisvoll entschwinden musste, was dann als „Himmelfahrt“ verkündet worden sei. „Die Behauptung seiner Himmelfahrt verbarg den Zufluchtsort.“ (S. 84) Tatsächlich sei er wahrscheinlich zuerst in die Dekapolis ausgewandert, dann nach Ägypten, später wieder kurz in Jerusalem aufgetaucht und schließlich aber nach Ostsyrien gegangen, wo er vermutlich um das Jahr 70 eines natürlichen Todes gestorben sei. Jedenfalls habe es das Leben eines Wanderpredigers fortgesetzt und weiter die Botschaft vom nahen Reich Gottes verkündet, dabei Dämonen ausgetrieben und wohl auch geheilt.

     Johannes Frieds weitgehend in einem Enthüllungsstil geschriebene „Spurensuche nach dem überlebenden Jesus“ liest sich über weite Teile spannend wie ein Krimi. Es sind nicht gesicherte Fakten, die seine Spurensuche Lesern erfolgreich erscheinen ließe, sondern über weite Teile immer wieder bizarre Spekulationen, phantasievolle Konstruktionen und kühne Phantasiesprünge, die er so aneinanderreiht, dass sie Lesern als plausible Erklärung erscheinen können. Keine Phantasiekonstruktion ist seine Hypothese von einer CO2-Narkose und dem lebensrettenden Lanzenstich. Dass Jesus in eine CO2-Ohnmacht gefallen sei und den Lanzenstich, die lebensrettende Pleurapunktierung, erlitten habe, das sind die von Johannes Fried behaupteten Details, die er dem Johannesevangelium entnimmt, das er für eine historisch zuverlässige Schilderung der Kreuzigung Jesu hält, und die laut Unfallchirurgie tatsächlich als mögliche lebensrettende Maßnahme in Frage kommen könnten. Beim heutigen Stand der Medizintechnik würde man einen Intubationsschlauch setzen. Bizarr ist die Annahme, dass der nackte Jesus sich als Gärtner verkleidet und so das Grab verlassen habe, nachdem zwei in weiße Kleider gehüllte Männer, vermutlich essenische Mönche, ihm dabei behilflich gewesen seien, obwohl auch Josef von Arimathäa und Nikodemus noch im Grab anwesend waren. Doch für fünf Personen war das Felsengrab sicher zu klein.

     „War die Geburtsstunde des Christentums nur die wunderhafte Folge eines Irrtums…?“ (S. 156) argwöhnt der Autor über das Geschehen im Grab und seine Auswirkungen. Die Behauptung, „Die Geschichte Jesu vor der Kreuzigung habe – vielleicht mit Ausnahme der Passionsgeschichte, wie sie Johannes überliefert – nachträglich durch die Evangelisten erfunden werden müssen“ (S. 157) ist eine willkürliche und durch nichts zu belegende Unterstellung. Johannes Fried erklärt zwar alle kanonischen Evangelien für eine Erfindung der Evangelisten, aber justament der Passionsbericht des Johannesevangeliums, auf das sich seine ganze Spurensuche stützt, soll seiner Meinung nach allein historisch zuverlässig sein. Johannes Fried betont im Buch wiederholt, dass er sich bei seiner Spurensuche von Spekulationen habe leiten lassen. Diese werden aber von ihm so eingebracht, dass man als Leser den Eindruck bekommt, sie sollten als Fakten verstanden werden. Wiederholt entschuldigt er sich in seinem Buch für sein kühnes Unterfangen.

     Johannes Fried hat sich durchaus intensiv in die einschlägige theologische Literatur eingelesen, die er dann allerdings nicht theologisch begreift und interpretiert, sondern als Historiker. Diesen unvereinbaren Gegensatz hat er nicht erkannt, sodass ich seine Spurensuche wie einen spannenden Krimi lese, ihr jedoch keine theologische, aber auch keine historische Bedeutung beimesse, weil seine Spurensuche nicht die Kriterien wissenschaftlicher Arbeit erfüllt. Ich wundere mich, dass Johannes Fried, ein so renommierter wissenschaftlicher Historiker eine so reißerische Enthüllung versucht – ohne Einhaltung wissenschaftlicher Kriterien. Beim Lesen gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass Johannes Fried, so wie er seine ganze Argumentation angelegt hat, das Ziel seiner Spurensuche schon vorher festgelegt hatte und dann mögliche Spuren suchte, die sein Ziel bestätigen sollten. Wenn es ein Krimi wäre, dann wäre das gut so. Wenn es aber eine wissenschaftliche Spurensuche sein soll, darf dieser Eindruck nicht entstehen.

 

© Josef Gredler