Josef Gredler

Notwendiger Wandel im Selbstverständnis der katholischen Kirche

 

     Die junge Kirche hat sich als Erbe des Evangeliums Jesu gesehen und von ihm beauftragt verstanden, seine Botschaft vom Reich Gottes geschichtlich fortzusetzen. Diese Reich-Gottes-Idee Jesu wurde dann aber zunehmend vernachlässigt und geriet fast in „Vergessenheit“. Die Kirche war immer mehr damit beschäftigt, die „Wahrheit des Glaubens“ zu hüten und in Lehrsätzen bzw. Dogmen weiter zu entfalten. Die Menschen wurden verpflichtet, diese zu glauben, sich diesen Dogmen zu unterwerfen. Wer nicht glaubte oder etwas anderes behauptete, als im Dogma festgeschrieben war, der wurde mit dem Anathema belegt/bestraft.

     Das hat zu einer ganz verhängnisvollen Entwicklung geführt. Zwang, Ausschluss, gewaltsame Christianisierung, Verfolgung, Vertreibung und Verbrennung wurden als legitime kirchliche Praktiken, ja sogar als heilige Pflicht angesehen, um diese unabdingbaren Glaubenswahrheiten durchzusetzen. Dabei hatte die Kirche den Jesus der Evangelien aus den Augen verloren und die Insignien weltlicher Macht übernommen. Päpste und Bischöfe waren „Besitzer“ der (alleinigen) Wahrheit und weltlicher Macht, leiteten Konzilien, erließen Dogmen, hielten Gericht und führten Kriege.

     Die anderen Religionen waren die falschen Religionen, die anderen Konfessionen hatten die volle Wahrheit = den rechten Glauben verlassen und waren zu Abtrünnigen geworden. Über Martin Luther und alle, die ihm folgten, wurde der Kirchenbann verhängt. Die katholische Kirche glaubte sich im alleinigen Besitz der vollen Wahrheit, sie war selbst die Wahrheit. An dieser Sicht hat sich bis heute nicht wirklich Grundsätzliches geändert. Ungläubige und Abtrünnige werden zwar nicht mehr verfolgt, vertrieben oder verbrannt, aber die Kirche kreist noch immer um ihr verabsolutiertes Selbst. Fixiert auf das Trennende und gefesselt vom absoluten Wahrheitsanspruch, beansprucht sie noch immer die alleinige Deutungshoheit der in den Evangelien überlieferten Botschaft Jesu.

     Die Welt bräuchte jedoch Religion mit einem viel weiteren Blickwinkel, um auch in anderen Religionen Wahrheit zu erkennen. Die katholische Kirche müsste ihr Selbstverständnis als Una Sancta Catholica Ecclesia überwinden und ihre Position gegenüber anderen Konfessionen und Religionen neu definieren. Der Benediktinermönch David Steindl-Rast betont in seinen weltweit gehaltenen Vorträgen immer wieder, dass auch andere Religionen Anteil(e) an der Wahrheit haben und Wege zum Heil sind. Seine spirituelle Öffnung zum Buddhismus ist nicht bloß vom Respekt getragen, sondern er erkennt darin substantiellen Anteil an der Wahrheit, mehr als es die Dokumente des 2. Vaticanums tun, die zwar von Respekt getragen sind, aber vom absoluten Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche nicht wirklich abrücken. Große religiös geprägte Denker und Geister lassen und ließen sich nicht in das katholische Dogmenkorsett pressen. Wir brauchen einen neuen theologischer Diskurs in einem Horizont, der über den katholischen Tellerrand hinausreicht. Das wäre kein Verlust der katholischen Identität, sondern ein offener Blick für die Wahrheit, die man nicht zum alleinigen Besitz erklärt.

 

© Josef Gredler