Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan

 

    Wenn man dieses Buch von Fréderik Martel nach einer langen Lektüre von 660 Seiten schließt, muss man zuerst einmal tief durchatmen. Nicht weil die darin erhobenen Vorwürfe gegen kirchliche Amtsträger im Vatikan bezüglich Doppelmoral, sexuellem Missbrauch, sexueller Gewalt, pädophiler Vergehen, Machtmissbrauch, Finanzvergehen, Korruption, Intrigen, politischer Machenschaften, heimliche Kooperation mit Diktaturen… völlig neu wären, sondern weil das Ausmaß, die Dimension der berichteten Fälle die Vorstellung der meisten Leser wohl übersteigt. Und man fragt sich unausweichlich: Ist das wahr, was in diesem Buch zu lesen ist? Kann das wahr sein? Wer der Kirche von vornherein ablehnend gegenübersteht, wird das ganze Buch voreilig und gerne als sicheren Beweis für Lug und Trug, für Sex and Crime einstufen, wie sie der Institution Kirche – allerdings in geringerer Dosierung – immer wieder angelastet wurden und werden. Wer der Kirche in traditioneller und unkritischer Ergebenheit angehört, wird das Buch als verleumderische Machenschaft abtun. Als bekennendes und gläubiges Mitglied dieser Kirche, wenn auch nicht traditionell und unkritisch ergeben, kann ich mich weder der einen noch der anderen Schlussfolgerung anschließen, sondern…

    Dieses Buch ist, wie der Titel schon erwarten lässt, ein sogenanntes „Enthüllungsbuch“, Produkt eines investigativen Journalismus. Sein Verfasser, Frédérik Martel, ist ein französischer Journalist und Soziologe, bekennender Homosexueller, katholisch gebildeter Agnostiker. Er versichert, kein Kirchenhasser zu sein, der mit diesem Buch eine Abrechnung versucht, er wolle nicht einzelne Personen und kirchliche Amtsträger an die Wand stellen, sondern glaube, ein System entlarven zu müssen, das es hinter den vatikanischen Mauern unter dem Deckmantel des Verschweigens gibt. Dazu habe er – nach eigenen Angaben – mit einem Team von achtzig Mitarbeitern in Rom, in Italien und in weiteren dreißig Ländern vier Jahre lang Nachforschungen angestellt, weit über tausend Personen interviewt, darunter über vierzig Kardinäle, über fünfzig Bischöfe sowie über vierzig Nuntien und Botschafter, mehr als zweihundert Priester und Seminaristen, insgesamt vierhundert Stunden Gesprächsaufnahmen gesammelt… , also richtiggehend eine Feldforschung angestellt. Am Ende des Buches führt er seine Quellen und den Nachweis verwendeter Zitate und die Website für weitere Informationen an. Die entscheidende Frage bleibt: Stimmt das in diesem Buch Geschriebene oder stimmt es nicht bzw. wieviel stimmt und wieviel stimmt nicht?

    Frédérik Martell schreibt nicht im Stil einer juridischen Anklageschrift, die ja für ein Buch, das gelesen werden sollte, nicht taugen würde, sondern wählt einen gut lesbaren, eher narrativen Stil. Die Leser erfahren immer wieder, wann er wo und mit wem unter welchen Umständen gesprochen hat bzw. zu den Informationen gekommen ist. Viele illustrierende Einzelheiten sind diesem teilweise narrativen Stil geschuldet. Er unterscheidet immer (von seinem jeweiligen Gesprächspartner) bloß Behauptetes oder nur Vermutetes von für ihn bewiesenen Fakten. Allerdings ist es für den Leser nicht immer ganz leicht, das eine von anderen genau auseinanderzuhalten. Im Fluss des Lesens verschwimmen manchmal die Grenzlinien. Immer wieder findet man einen ausdrücklichen Hinweis, wenn schwere Beschuldigungen unbewiesen sind. Wenn nur die bewiesenen Fakten in dieses Buch Eingang gefunden hätten, würde sich sein Umfang auf einen Bruchteil reduzieren.

    Den größeren Rest des Buches deshalb als Unterstellung abzutun, wäre jedoch zu billig. Dazu sind die Recherchen – in vielen Fällen Informationen von meist namentlich angeführten Kurienmitgliedern bzw. hochrangigen kirchlichen Amtsträgern – zu präzise. Wenn er aus juridischer Notwendigkeit, oder um die interviewte Person zu schützen, Decknamen verwendet, weist der Verfasser ausdrücklich daraufhin. Wäre dieses Buch einfach auf Lügen und Unterstellungen aufgebaut, wäre es längst schon Anlass für unzählige Rechtsstreitigkeiten und wohl schon aus dem Verkehr gezogen worden. Es ist derzeit aber in acht Sprachen übersetzt und in über zwanzig Ländern veröffentlicht. Frédérik Martel verfügt offensichtlich über eine erstaunliche Fülle von Informationen zum Innenleben des Vatikans und auch über viele Kontakte in dessen Inneres. Ich habe nicht den Eindruck, dass Frédérik Martel geführte Gespräche falsch oder entstellt wiedergibt, auch wenn ich do oder dort sarkastische Töne heraushöre und boulevardähnliche Ausrutscher feststelle, aber dass diese Gespräche einfach erfunden sind, ist kaum vorstellbar. Frédérik Martell drückt immer wieder auch emotional sein Entsetzen aus und lässt den Leser über seine Absicht nicht im Unklaren: Er will ein skandalöses kirchliches System, das er reißerisch Sodom nennt, aufbrechen und aufdecken.

    Es wäre zu billig, das Buch einfach als bösen Rachefeldzug eines homosexuellen Agnostikers abzutun. Dazu sind die Recherchen zu umfangreich und zu genau belegt. Im Zentrum seines Aufdeckens stehen nicht einfache Priester draußen in den Diözesen und Gemeinden, sondern Amtsträger, Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe, Prälaten und Monsignori der Kurie. Von denen behauptet er, dass der überwiegende Teil von ihnen schwul sei und dass letztlich aus diesem Umstand alle in diesem Buch gesammelten Skandale sich ergeben. Solche Quantifizierungen muss man für problematisch halten. Die rigide Sexualmoral der Kirche, insbesondere die kompromisslose Verurteilung jedweder Form aktiver Homosexualität und die Tatsache, dass die Kirche wegen des Zölibats für viele junge homosexuelle Männer zum Zufluchtsort und Schutzraum geworden ist, – weil sie nicht heiraten dürfen, bleibt ihre homosexuelle Orientierung gesellschaftlich unbemerkt – ist für den Autor die Kernursache des Problems. Viele seien damit überfordert und würden ein Doppeleben führen. Im offiziellen Leben würden sie kompromisslos Homosexualität verdrängen und verurteilen, um sich zu schützen, und sich sogar explizit homophob gebären. Im Verborgenen würden sie jedoch ihre Homosexualität ausleben, mit Strichjungen oder jungen Mitarbeitern bzw. Untergebenen. Dieses versteckte Leben werde von einer Kultur institutionellen Schweigens zugedeckt, führe aber immer wieder zu schwerwiegenden Verstrickungen in Skandale, Korruption, Erpressung und heimliche politische Seilschaften, sexuellem Missbrauch, pädophilen und anderen Straftaten… Martell sieht in der Homophobie den Schlüssel zu diesen Skandalen. Die verdrängte und versteckte Homosexualität sei immer das zentrale Ausgangsproblem, das sich mit dem Streben nach Macht zu einer finsteren Koalition verbündet.

    Die letzten drei Päpste werden dem Vorwurf des Mitwissens und Verschweigens, des Zudeckens und so der direkten oder indirekten Mitverantwortung und Mitschuld ausgesetzt und seien kompromisslose Verfechter einer rigiden, realitätsfremden und unmenschlichen Sexualmoral. Gegen diese finsteren Kräfte geht aber Papst Franziskus auch nach Aansicht des Autors immer wieder vor bzw. versucht es. Aus dieser homophoben Kurienklientel habe sich im Vatikan eine mächtige Gegenbewegung rekrutiert, die Papst Franziskus an vielen Reformbestrebungen hindert. Papst Franziskus hat diesen Kräften sogar öffentlich die Leviten gelesen, natürlich ohne Personen und deren Untaten beim Namen zu nennen, und hat auch hohe Kurienmitglieder ihres Amtes enthoben. Wenn Papst Franziskus in einer bemerkenswerten und mutigen Ansprache von fünfzehn Krankheiten der Kurie spricht, von einer Parallelwelt, die sich hohe Kurienmitglieder geschaffen haben, von deren verborgenem und ausschweifendem Leben, inakzeptablem Luxus, dann seien das deutliche Worte, wie sie noch nie einem Papst über die Lippen gekommen sind.

    Viele der in diesem Buch erhobenen Vorwürfe sind nicht neu, aber in dieser Dimension, in diesen exzessiven Auswüchsen, in dieser Komplexität und systemischen Realität sind sie bisher noch nicht aufgezeigt worden. Dass man seitens der beschuldigten vatikanischen Amtsträger nichts hört, könnte man als Bestätigung werten, als ein Schweigen jener, die sich in diesen Vorwürfen wiederfinden. Mir ist kein rechtlich anhängiges Verfahren gegen das auf über sechshundert Seiten in diesem Buch Geschriebene bekannt. Es bleibt erstaunlich still, obwohl viele der darin Beschuldigten dieses Buch inzwischen sicher kennen und wohl auch gelesen haben. Wenn Kirchengegner nach der Lektüre dieses Buches ein vernichtendes Pauschalurteil über eine scheinheilige und skandaldurchdrungene Kirche ableiten, darf das nicht verwundern, auch wenn mit einem solchen Urteil all jene Gläubigen, Laien und Geistlichen, hohen kirchlichen Amtsträger und an ihrer Spitze Papst Franziskus ausgeblendet werden, die Kirche im Sinne Jesu zu sein versuchen. Wenn dieses Buch beiträgt, die Augen zu öffnen für diese beschriebenen finsteren und widerlichen Machenschaften, Untaten und Skandale kirchlicher Amtsträger, dann war und ist dieses Buch ein, wenn auch ungewollter, Dienst an der Kirche. Es sollten vor allem jene lesen, die derlei Beschuldigungen vorab nur für böse Verleumdungen halten. Jene, die mit diesem Buch gemeint sind, werden es sowieso lesen bzw. schon gelesen haben, heimlich natürlich.

    Bei allem Entsetzen und tiefer Traurigkeit, mit dem mich das in diesem Buch Enthüllte erfüllt, hoffe ich, dass diese Enthüllungen jene Steine aus dem Weg räumen helfen, die einer glaubwürdigen, jesuanischen Kurie den Weg versperren. Auch wenn das Buch das nicht erkennen lässt, möchte ich ausdrücklich auf jene vatikanischen Amtsträger hinweisen, die glaubwürdig für eine Kirche im Sinne des Evangeliums Jesu stehen. Diese Kirche ist meine Kirche und wird meine Kirche bleiben. Das in diesem Buch aufgezeigte Krebsgeschwür ist größer, viel größer, als ich dachte. Die Kirche leidet sehr an diesem Krebsgeschwür, aber sie ist nicht dieses Krebsgeschwür, ist nicht einfach gleichzusetzen mit diesem.

 

© Josef Gredler