Josef Gredler

Kirche und Reich Gottes?

 

    Jesus hat sein öffentliches Wirken, seine Mission mit einem ganz klaren Ziel begonnen: Das Volk Israel für das Reich Gottes zu sammeln. Jesus wusste sich gesendet, um das Reich Gottes oder, wie eine andere Übersetzung es ausdrückt, um die Herrschaft Gottes unter den Menschen aufzurichten. Das war seine Mission, mit der er am See von Galiläa begann und die in Jerusalem am Kreuz ihr Ende fand bzw. am Ostermorgen, als die Frauen das Grab Jesu leer vorfanden und ein Engel, oder waren es zwei, ihnen verkündete, dass der, den sie suchen, nicht mehr hier ist, dass er auferstanden ist.

    Was ist das Reich Gottes? Diese Frage beschäftigt Theologen immer noch. Die Antwort Jesu war nicht ganz so leicht zu verstehen. Er gab keine eindeutige Erklärung, schon gar keine Definition, nur dass man es nicht an äußeren Zeichen erkennen, dass man es nicht lokalisieren könne. Aber Jesus hat es vorgelebt und in seinen Predigten und Gleichnissen beschrieben. In der jungen von außen bedrohten Kirche war diese Reich-Gottes-Vision noch ganz lebendig. Im gemeinschaftlichen Brotbrechen feierte sie das Innerste dieser Mission für das Reich-Gottes, das sich ausbreiten sollte wie Wellen, wenn ein Stein ins Wasser fällt.

    Als die verfolgte Kirche dann nach Konstantin zu einer verfolgenden Kirche wurde, hatte sie die Reich-Gottes-Mission Jesu vergessen bzw. sich selbst als dessen Verwirklichung gesehen. Sie beanspruchte die alleinige Deutungshoheit der Botschaft Jesu und begann, diese „Wahrheit“ in Sätzen festzuschreiben und den Menschen als zu glauben vorzuschreiben. Am Ende dieser Sätze wurde allen, die das nicht zu glauben willig waren, das Anathema angedroht, der Ausschluss aus der Kirche. Inzwischen war die Kirche schon so mächtig geworden, dass ein Ausschluss einer gesellschaftlichen, öffentlichen Ächtung gleichkam. Selbst Herrscher und sogar Kaiser warfen sich dann vor der Kirche in den Staub. Ihre Päpste hatten nach dem Untergang der römischen Kaiser deren Machtinsignien übernommen und waren Imperatoren geworden. Durch einen Vertragsschwindel, der sogenannten Konstantinischen Schenkung, eignete sich der Papst, völlig jesusvergessen, den Kirchenstaat als weltliches Herrschaftsgebiet an – für mehr als tausend Jahre.

Das Reich Gottes war in Vergessenheit geraten bzw. in den Machtstrukturen der Kirche verloren gegangen. Trotzdem glaubte die Kirche sich durch ihre Päpste in der Nachfolge Jesu und bewachte streng die „Wahrheiten“, die sie in Dogmen festhielt und verwahrte. Deren Liste wurde immer länger. Und die Strafsanktionen für das Nichtglauben dieser Sätze wurden schärfer. Schließlich wurden Leugner und Gegner dieser Dogmenwahrheiten bei lebendigem Leib auf Scheiterhaufen verbrannt. Was war aus dem Reich Gottes bloß geworden? Fast möchte man glauben, die dafür Verantwortlichen kannten das Evangelium nicht. Die Krone bzw. Tiara, verbliebenes Insignium kaiserlicher Macht, auf dem Haupt der Päpste war sichtbares Zeichen totalitärer Machtausübung... Papst Johannes Paul II. rügte vor aller Weltöffentlichkeit den vor ihm knieenden katholischen Priester Ernesto Cardinal mit erhobenem Zeigefinger wie einen Lausbuben. Kardinal Joseph Ratzinger zitierte als Vorsitzender der Glaubenskongregation den franziskanischen Befreiungstheologen Leonardo Boff von Südamerika nach Rom, um ihm innerhalb der vatikanischen Mauern die Leviten zu lesen und die Befreiungstheologie auszutreiben…

Aber… da gab und gibt es immer wieder zu allen Zeiten lückenlos viele kirchliche Gestalten, die diese Botschaft Jesu ganz in ihrem Herzen bewahrt hatten bzw. haben, ganz davon und dafür lebten und leben. Franz von Assisi ließ auf dem Marktplatz seiner Stadt die Kleider des Reichtums fallen, um sie gegen die Kutte der Armen zu tauschen. Papst Franziskus ließ sich mehr als neunhundert Jahre später die Mozetta, päpstlichen Insignium, nicht mehr umhängen, hat auch andere päpstlichen Insignien zurückgewiesen wie die roten Schuhe von Prada oder Gucci. Er geht in seinen gewöhnlichen schwarzen Schuhen seine Wege, trägt seine einfache Aktentasche selber... und redet von einer Kirche für die Armen. Sein Herz ist spürbar für eine Kirche Jesu, für das Reich Gottes, entbrannt. Weil er sieht, wie weit Amtsträger der Kurie von diesem Weg abgekommen sind, wie sehr der Lebensstil auch hochrangiger Kurienmitglieder zügellos, ausschweifend geworden ist, liest er ihnen in einer öffentlichen Ansprache die franziskanischen Leviten… Ob Papst Franziskus es schafft, die Kirche auch als Institution wieder zurückzuführen zur Bergpredigt Jesu, zu seiner Reich-Gottes-Vision, weiß ich nicht. Er bekommt viel, zu viel Gegenwind innerhalb der vatikanischen Mauern. Aber er steht ganz glaubwürdig in dieser Reich-Gottes-Strömung des Jesus von Nazaret. In dieser Kirche bin ich und bleibe ich zu Hause.

 

© Josef Gredler