Josef Gredler

66 Dopingsünder oder Sündenböcke

 

   Doping, absichtliches Anwenden unerlaubter leistungssteigernder Hilfsmittel, erfüllt bei Leistungssportlern den Tatbestand des Betrugs, ist also eine Straftat, eine kriminelle Handlung, ein Verbrechen und muss den Gesetzen entsprechend bestraft werden. Das ist richtig so, soll so sein und muss so sein. Absichtliches Doping eines Leistungssportlers ist Betrug an all den sportlichen Konkurrenten, die ohne Doping sich der Konkurrenz stellen. Es ist auch Betrug an all denen, die den gedopten Leistungssportler finanziell unterstützen oder bezahlen unter der Annahme, dass er/sie „sauber“ bzw. nicht gedopt ist, also Sponsoren, Sportverbände, Einrichtungen und Personen, die Geld in diesen Leistungssport investieren. Betrogen werden aber auch die Zuschauer, die glauben, einem fairen Wettbewerb ihre Zeit, ihre Begeisterung zu schenken und dafür bezahlen, Eintrittsgeld an der Sportstätte oder Geld an Fernsehgesellschaften.

   Dass dann gedopte Langläufer bei den Nordischen Schiweltmeisterschaften in Seefeld derart zum Skandal werden, der das ganze Sportereignis insgesamt schwer belastet, aber auch alle Wettkämpfer dort, ihre Sportart, ihren Sportverband, erklärt die Welle der Empörung, die sich wie ein Tsunami durch die Welt des Sports und die entsprechenden Medien wälzt. Bis hierher ist das alles verständlich und einsichtig. Dann bekommt der ganze Dopingskandal aber eine Eigendynamik, die sich aus den Vorfällen nicht mehr ausreichend rechtfertigen lässt. Da werden die Dopingsünder von offiziellen Personen und Persönlichkeiten des Sports, der Sportwelt mit Ausdrücken bedacht, die beleidigend sind und die Gürtellinie unterschreiten.  Dieses Vokabular ist bedenklich. Da scheint es, als gäbe es plötzlich einen Freibrief, diese Dopingsünder zu beschimpfen, der allen Anstand verletzt, den man aber auch einem Dopingsünder noch schuldet. Das erinnert fast an den mittelalterlichen Pranger, an den man nach bestimmten Vergehen Übeltäter öffentlich zur Schau stellte und die dann von den Vorbeikommenden beliebig beschimpft und verspottet werden konnten. Bei vergleichsweise ungleich schwereren Vergehen geht man sorgsamer mit den Namen der Übeltäter um. Wie schnell bei diesen Dopingvergehen nach anfänglicher Scheu und Zurückhaltung plötzlich deren Namen öffentlich werden, muss nachdenklich stimmen. Dass dann ein Polizist, also eine Amtsperson des Staates, ein Vertreter von Recht und Gesetz, ein Video, das den Dopingsünder direkt bei seiner Tat zeigt, weitergibt und seine Veröffentlichung mitverschuldet, ist ein Skandal. Zigtausendfach ist dieses Video im Internet angeklickt worden. Da war der mittelalterliche Pranger noch menschlicher. Wer hält es da wie mit Recht und Gesetz?

  Die Emotionen über diese neuerlichen Dopingvergehen im Langlaufsport haben den Rahmen der Verhältnismäßigkeit gesprengt. Doping ist ein Verbrechen, aber kein Gewaltverbrechen. Man treibt da die Dopingsündern wie Schwerverbrecher vor sich her durch die Medienlandschaft. Dopende und gedopte Sportler begehen eine Straftat, das Verbrechen des Betrugs, aber sie sind immer noch Menschen, denen wir schuldig sind, sie wie Menschen zu behandeln.

   Dopingsünder sind Straftäter, die nach Recht und Gesetz zu verurteilen sind. Sie dürfen aber nicht zu Sündenböcken gemacht werden. Den sogenannten Sündenböcken hat man einst die Schuld und die Vergehen aller aufgeladen und sie dann mit viel Lärm zum Teufel, in die Wüste hinaus gejagd, wo sie zugrunde gingen. Oder man hat sie von einer Klippe gestoßen. Die Dopingsünder von Seefeld erinnern mich tatsächlich ein wenig an diese Sündenböcke, denen man auch die Last und Schuld der Dopingsünder aufladen will, die man nicht „derwischt“. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass mit denen abgerechnet wird, als hätten sie den ganzen Dopingsumpf zu verantworten. Mir scheint, dass den wenigen, derer man habhaft wird, auch die Schuld derer aufgeladen wird, die man nicht kriegt.

   Wer glaubt, dass eine Erhöhung des strafrechtliches Strafausmaßes für Dopingsünder – man kann darüber tatsächlich diskutieren – die Zahl der Dopingsünder reduziert, irrt sich und wird keine Bestätigung finden. Auch eine Verschärfung der disziplinaren Konsequenzen bis hin zur lebenslangen Sperre ist durchaus zu überlegen, weil sie der Gerechtigkeit gegenüber den nicht gedopten = sauberen Leistungsportlern dient. Abschreckende Wirkung sollte man sich von ihnen jedoch keine erwarten, weil für potentielle Dopingsünder eine Sperre nicht wirklich andere Konsequenzen bringt als die ausbleibenden Erfolge bzw. die Erfolglosigkeit, die sie ohne Doping erwarten. Präventiv notwendig wäre, sich eingehend und wissenschaftlich fundiert mehr mit der inneren Logik eines Dopingsünders zu befassen. Die mentalen, emotionalen und rationalen Abläufe eines Dopingsünders sind meist viel komplexer, nicht so platt und billig, wie man meint. Das haben eindrucksvoll auch die umfassenden Aussagen eines Ex-Langläufers bestätigt, die er in einem Interview für das Fernsehen gegeben hat und die einen tieferen Einblick in die innere Zerrissenheit und die inneren Auseinandersetzungen eines Dopingsünders ermöglicht haben. Das wäre keine Relativierung der Straftat, sondern endlich eine komplexere Reaktion auf das sehr komplexe Phänomen und Problem Doping.

 

© Josef Gredler