Josef Gredler

63 „Mein Hund beißt nicht“ (23.10.2018)

 

   So oder so ähnlich haben wir sicher schon Herrchen oder Frauchen sagen hören, wenn diese mit ihrem stattlichen Vierbeiner – nicht an der Leine und ohne Beißkorb – daherkommen und wir besorgt stehen bleiben oder unsere Kinder bzw. Enkelkinder sich verängstigt hinter uns verstecken. „Mein Hund beißt nicht“ glauben alle Hundebesitzer/innen und gegenteilige Vorfälle sind entweder frei erfunden oder völlig unerklärlich, denn „mein Hund… Kein Hund beißt, wenn man den Frauchen und Herrchen glauben möchte.

   Obwohl ich ein ausgesprochener, vielleicht sogar übertriebener Tierliebhaber bin – so behauptet von Leuten, die es weniger mit den Viechern haben – bin ich auf meinen ausgedehnten Spaziergängen über Wiesen und Felder oder durch den Wald, vor allem in den frühen Morgenstunden, doch immer wieder besorgt, ob der mir ohne Leine und Beißkorb begegnende respekteinflößende Hund auch hält, was sein Frauchen oder Herrchen so sicher von ihm behauptet. Dabei ist schon öfters zu grenzwertigen und auch bedrohlichen Situationen gekommen. Einmal sprang ein ganz lieber Hund, der nicht beißt, an mein rechtes Bein, als ich auf dem Radweg den Inn entlangfuhr, und zerrte bedrohlich knurrend an meinen Schuhen. Was Frau oder Herr Hundehalter/in von ihrem Vierbeiner glauben, erweist sich manchmal als glatter Irrtum. Der Hund biss „nur“ in meinen Schuh, der heraneilende Hundehalter – gut dreißig Meter hinter dem Hund – eilte daher und verhinderte Schlimmeres.

   „Mein Hund beißt nicht“, weiß das Frauchen, aber ich weiß das nicht. Und Kinder können das noch weniger wissen und reagieren daher unter Umständen so, dass der Hund den guten Glauben seines Frauchens ignoriert und zubeißt, obwohl „mein Hund beißt nicht“. Arco, Brico, Cindy und Sandy sind nicht verantwortlich für ihr Verhalten, ihr Herrchen muss dafür einstehen – mit Beißkorb und Leine und höchsten 0,5 Promille.

   Aber dieser „Mein-Hund-beißt-nicht“-Irrglaube beschränkt sich nicht nur auf Hundehalter/innen. Eltern sind oft felsenfest überzeugt, „mein Kind tut so etwas nicht“, wenn sie von der Nachbarin oder in der Schule zu hören bekommt, dass ihr lieber Sohn seinem Banknachbarn ins Gesicht geschlagen hat, sodass dieser aus der Nase blutete. Der Chef blockt die bohrende Frage eines Zeitungsmenschen ab mit „in meiner Firma passiert so etwas nicht“. Der Autoverkäufer wollte beim Verkaufsgespräch meine Befürchtung entkräfteten mit „bei unseren Autos passiert so etwas nicht“. Und Hand aufs Herz, sind wir selber nicht auch anfällig für „mein Hund beißt nicht“?

   „Mein Hund beißt nicht“ ist die treffendste Metapher für den „blinden Fleck“, den andere und auch wir haben, wenn es um uns oder die Unseren geht. Diesen loszuwerden ist ein schwieriger erzieherischer, selbsterzieherischer  oder gar therapeutischer Prozess, den aber nur die anderen notwendig haben, denn „mein Hund beißt wirklich nicht“.

 

© Josef Gredler