Josef Gredler

62  Beißkorb als politischer Parameter (20.10.2018)

 

   Als vor wenigen Wochen ein einjähriger Bub von einem Rottweiler, der sich von seinem Frauchen losgerissen hatte, so schwer im Gesicht gebissen wurde, dass er Tage darauf an Folgen der Verletzungen verstarb, war wieder einmal von einer längst notwendigen Beißkorbpflicht für (größere) Hunde die Rede. Warum es dazu nie kommen wird?

   Eine solche sinnvolle und notwendige gesetzliche Verordnung hat jedoch keine Chance, weil keine Regierung riskiert, die übergroße politische Klientel der Hundebesitzer zu vergrämen und ihre Stimmen zu verlieren. Das ist keine Frage, welche Partei oder welche Parteien gerade an der Regierung sind. Da sind sie – leider – alle (?) gleich. Im privaten Umfeld befragt, würden sie sich durchaus für eine so vernünftige Forderung und Maßnahme aussprechen, zumal es ja in der Vergangenheit immer wieder Hundeattacken gegeben hat, die im Falle einer Beißkorbpflicht nicht möglich gegeben wären. Aber die Stimmen der vielen „Herrchen“ und „Frauchen“ zu verlieren, das wollen sie nicht riskieren, deshalb werden sie warten und nichts tun, bis wieder Ruhe eingekehrt ist, der kleine Bub vergessen ist, und alles belassen, wie es ist. Beim nächsten Hundebiss wiederholt sich dann dieses Szenario des Nichtstuns. Solange die Intervalle tödlicher Hundeattacken nicht so kurz sind, dass die öffentliche Meinung emotional so aufgeladen ist, dass ihre Missachtung mehr Stimmen kostet als sie bringt, wird es keine Beißkorbpflicht geben.

   Dieser Beißkorb wird zum Parameter, der zeigt, wie Politik funktioniert. Der kleine Bub spielt letztlich politisch keine Rolle. Um ihn oder andere Kinder geht es gar nicht in der Politik. Es geht einzig und allein um das politische Kalkül, ob die Einführung einer Beißkorbplicht politisch rentabel ist. Wenn die jeweils regierende Partei dadurch mehr Stimmen verliert, als sie bekommt, dann ist eine solche gesetzliche Maßnahme eben unrentabel bzw. kontraproduktiv. Was zählt ist einzig und allein, ob die politische Macht einer Partei bzw. Regierung dadurch gestärkt wird oder nicht. Das wird zwar kein politischer Verantwortungsträger zugeben, aber es ist so. So funktioniert unsere Politik und deshalb werden Hunde auch künftig keinen Beißkorb tragen.

   Dabei wäre es doch leicht möglich, den Beißkorb aus dieser Spirale der Machtpolitik herauszunehmen, indem alle im Parlament vertretenen Parteien sich für eine Beißkorbpflicht aussprechen – was sie im stillen Kämmerlein ja tun. Dann kann keine Partei, regierend oder gerade in Opposition, daraus politisches Kapital schlagen und einer Beißkorbpflicht stünde nichts mehr im Wege. Das funktioniert aber deshalb nicht, weil Parteien in Opposition garantiert die Gunst der Stunde nützen und mit scheinbar einsichtigen Argumenten gegen eine Beißkorbpflicht populistisch die große Klientel der Hundebesitzer bedienen. Oppositionelle Abgeordnete würden ans Rednerpult treten und scheinbar klug Gründe finden, dieses Beißkorkpflicht als falsche oder überzogene Maßnahme zu brandmarken, weil ja nicht alle Hunde beißen und weil sie, die Abgeordneten, die Stimmen dieser Wählerinnen und Wähler für sich gewissen möchten. So funktioniert Politik, leider.

   An dieser Stelle ist, um Missverständnissen über die Beweggründe des Verfassers dieser Zeilen vorzubeugen, eine Klarstellung notwendig: Ich bin ein großer Tierliebhaber und trete mit Vehemenz für den Schutz aller tierischen Kreaturen ein. Jede nicht artgemäße Tierhaltung weckt meine Empörung, jedes Leiden und Quälen eines Tieres tut mir persönlich weh. Man muss behutsam sein mit allem, was da „kreucht und fleucht“, das ist mein tierliebendes Credo. Aber Tierliebe darf nicht blind und taub machen für Liebe, Verantwortung und Rücksicht gegenüber unseren Mitmenschen.

   Sollte eine Partei oder ein politischer Verantwortungsträger anders ticken, als ich hier behauptet habe, dann entschuldige ich mich gerne und freue mich über meinen Irrtum, dass Politik nicht immer so funktioniert.

 

© Josef Gredler