Josef Gredler

59 Schulnoten oder verbale Beurteilung (28.11.2017)

 

   Nachdem bekannt geworden ist, dass die zu erwartende neue Regierung von der verbalen Beurteilung wieder zu den Noten (in Ziffern 1,2,3… oder mit den Prädikaten Sehr Gut, Gut, Befriedigend…) zurückkehren will, ist in der österreichischen Schullandschaft wieder die polarisierende Diskussion losgetreten worden, was denn besser sei. Vielleicht ist es bezeichnend, dass schulpolitische Diskussionen hierzulande nur im Entweder-oder-Prinzip ausgetragen werden. Vielleicht liegt in diesem polarisierten, meist auch parteipolitisch fixierten Denken, Argumentieren und Entscheiden auch ein Grund, warum die immerwährende Diskussion um Verbesserung unserer Schulen zwar laufend Veränderungen, aber nur selten wirkliche Verbesserungen mit sich bringt.

   Die neu eingeführte bzw. alternativ ermöglichte verbale Leistungsbeurteilung in den ersten drei Klassen der Volksschule kann den Leistungsstandard der Schülerinnen und Schüler viel differenzierter aufzeigen, erklären, Stärken und Schwächen benennen, Nachholbedarf genauer erkennen lassen, als dies durch die üblichen Noten möglich ist. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich viel differenzierter, individualisierter mit dem auseinandersetzen, was man verkürzt gerne als Leistung bzw. Leistungsniveau bezeichnet. Verbale Beurteilungen können Eltern und Schüler/innen hilfreiche Informationen geben. Allerdings darf man die „Kehrseite dieser Medaille“ nicht übersehen. Schülerinnen und Schüler und vor allem die Eltern lesen zwar mit Interesse die verbale Beurteilung, wollen dann aber doch wissen, was diese verbale Beurteilung  wert ist „Und was wäre das jetzt für eine Note?“ Diese Frage ist verständlich und legitim angesichts der Tatsache, dass früher oder später das Leistungsniveau, der Leistungsstandard, die sogenannte Kompetenz in den jeweiligen Unterrichtsgegenständen doch in einem absoluten Wert, in einer Note ausgedrückt wird und dass diese „Noten“ Türen öffnen oder verschließen. Auch in den höheren Klassen bzw. Schulstufen fragen Schülerinnen und Schüler nach sogenannten Tests, die mit Punkten bewertet sind, was diese Punkte „wert“ sind, was für eine Note das wäre. Dass der Aussagewert einer verbalen Beurteilung auch die Gefahr des Nebulosen in sich birgt, sollte nicht übersehen werden.

   Noten in Ziffern (1 bis 5) bzw. in entsprechenden Prädikaten („Sehr Gut“ bis „Nicht Genügend“) bringen das erreichte Leistungsniveau bzw. den Leistungsstandard auf einen Punkt, mit einem klar definierbaren Ergebnis. Man kennt sich aus. Man weiß, was Sache ist, auch wenn das nie wirklich hundertprozentig gelingt. Letztlich geht es um einen absoluten, objektiven, eindeutig definierten Leistungsbefund, so schwierig ein solcher auch ist. Die Wirtschaft, die Wissenschaft, weite Bereiche des Lebens ticken nun mal so. Der Statiker muss die Tragfähigkeit einer Brücke richtig berechnen, das allein zählt. Beim operativen Eingriff des Chirurgen entscheidet letztendlich nur das Ergebnis. Wir alle wissen, was ein „Einser“, „Zweier“ oder „Dreier“…  ist, ein Sehr Gut, Gut oder Befriedigend ist. Die grundsätzliche Objektivität einer solchen Benotung ist bleibt im konkreten Fall jeweils eingeschränkt, weil Lehrerinnen und Lehrer keine objektiven Parameter in sich haben und ihre Noten meist nur innerhalb der Klasse von vergleichendem Wert sind. So sehr eine Benotung in Ziffern oder Prädikaten die erzielte Leistung auf den Punkt bringt, so unmöglich ist es, diese Note auf dem Hintergrund des individuellen Leistungsvermögens und der Persönlichkeitsstruktur der Schülerinnen und Schüler zu interpretieren. Nackte Noten greifen in der Schule immer zu kurz. Es ist unverzichtbare Aufgabe der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer und der Schule als Ganzes, eine solche Benotung mit einer entsprechenden Lehrer/innen-Schüler/innen-Kommunikation bzw. Schule-Eltern-Kommunikation zu ergänzen.

   Das heißt, die ganze Diskussion ist nicht mit entweder-oder zu führen, sondern nur mit sowohl-als auch, das heißt, die Noten der Schülerinnen und Schüler müssen, nicht können, auch verbal ergänzt werden. Diese verbale Ergänzung müsste den Eltern gegenüber schriftlich erfolgen, auf alle Fälle jedoch verbindlich schriftlich dokumentiert sein. Das Argument, den Lehrerinnen und Lehrern nicht sowohl eine Benotung als auch eine verbale Beurteilung abverlangen zu können, ist oberflächlich. Wenn man der Schule eine verbale Beurteilung zumutet, dann ist der Aufwand, diese verbale Beurteilung auch mit einem objektiven Wert (= Note) zu ergänzen, durchaus zumutbar. Die verbale Beurteilung gewinnt durch die ergänzende Benotung und die Benotung gewinnt durch die verbale Erklärung.

   Die ganze Diskussion, ob Schulnoten oder verbale Beurteilung, wird leider zu sehr ideologisiert und parteipolitisch besetzt. Man begibt sich in das eine oder das andere Ecke und kommt dann aus diesem nicht mehr heraus. Schade – für die Schülerinnen und Schüler!

 

© Josef Gredler