Josef Gredler

57 Frankreich hat gewählt, aber was? (09.05.2017)

 

   Am 7. Mai hat Frankreich einen neuen Präsidenten gewählt. 66,1 % oder 20,8 Millionen haben den Mitte-Links-Kandidaten Emmanuelle Macron gewählt. 33,9 % oder 10,6 Millionen haben der rechtspopulistischen Marine Le Pen ihre Stimme gegeben. Bei allen Proeuropäern erleichterndes Aufatmen bis Euphorie. Leider haftet diesem Wahlergebnis ein großer Irrtum an. Es haben nicht 66,1 % Macron gewählt, sondern 66,1 % wollten Le Pen unbedingt verhindern. Die einzig verlässliche Erkenntnis aus dieser Wahl ist also, dass zwei Drittel der Franzosen auf keinen Fall die rechtsextreme Le Pen wollten.  Die schlimme Kehrseite dieser Erkenntnis ist aber, dass jeder dritte Wähler Le Pen als Präsidentin möchte. Wenn man in Erinnerung ruft, was Le Pen alles gesagt und wie sie es gesagt hat, dann ist eine Gänsehaut angebracht angesichts der Tatsache, dass fast elf Millionen Franzosen das tatsächlich möchten.

   Macron wird zwar in den Elysée-Palast einziehen, aber wird er auch das tun können, was er versprochen bzw. angekündigt hat? Woran kann oder wird das scheitern? An den 66,1 %, die ja gar nicht ihn wählen, sondern nur Le Pen verhindern wollten. Und das ist partout nicht dasselbe. Deshalb wird es zu einem bösen Erwachen kommen müssen. Macron kann ja nicht mit denen regieren, die Le Pen gewählt haben. Er kann aber auch mit denen nicht wirklich regieren, die zwar ihn gewählt, aber Le Pen gemeint haben. Unter denen, die ihn gewählt und gemeint haben, haben dies gut die Hälfte mit weit überzogenen Erwartungen getan. So bleibt also Macron bestenfalls ein Drittel, die er wirklich seine Wähler/innen nennen kann. Ebenso viele sind ganz entschieden gegen ihn. Die kommenden Parlamentswahlen werden die Euphorie um Macrons „Erdrutschsieg“ ordentlich abkühlen. Vermutlich wird da die „Stunde der Wahrheit“ eingeläutet werden und ein steiniger Weg seinen Anfang nehmen. Aber eben nur vermutlich. Sollte es Macron tatsächlich gelingen, Frankreich auf einen neuen Weg zu führen, dann darf, ja muss man nochmals die Sektgläser mit Champagner füllen, um auf Macron, Frankreich und Europa anzustoßen.

   Sollte das „Experiment Macron“ schiefgehen, steht Le Pen in den Startlöchern.

 

© Josef Gredler