Josef Gredler

56 Wenn es stimmt, dass in einem syrischen Gefängnis… (09.02.2017)

 

   Wenn es stimmt, dass – wie Presseagenturen berichten – das syrische Assadregime zwischen 2011 und 2015 in einem Gefängnis nahe Damaskus an die 13.000 Menschen nach Scheinprozessen  gehängt hat, dann ist das ein Massenmord, der die Uhren der Menschlichkeit zum Stillstand bringen müsste. Und dieses Morden soll weitergehen. Über dreißig verschiedene grauenhafte Foltermethoden werden aufgezählt, die in diesem „Schlachthaus“ an der Tagesordnung standen und immer noch stehen. Wenn solche Gräueltaten tatsächlich geschehen sind und immer noch geschehen, dann versagt menschliche Sprache, um auszudrücken, was da geschehen ist. Es fehlen die Worte und die Syntax, um das Geschehene auszusprechen. Wenn es eine Leinwand gäbe, auf der all das vor Augen geführt würde, was da hinter diesen Gefängnismauern geschehen ist… Wenn es Lautsprecher gäbe, die die Schreie dieser 13.000 für alle Welt hörbar machen würden… Die Menschheit würde sich teilen – in Traumatisierte und Monster.

   Wenn das stimmt, was von diesem Gefängnis berichtet wird, dann müsste die Regierung jedes Landes, das sich zu Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit bekennt, seine Regierungssitzung unterbrechen und eine Botschaft an die Welt richten. Wenn das stimmt, dann müssten alle Fernsehstationen dieser Länder ihr Programm unterbrechen und davon berichten. Wenn das stimmt, dann müssten alle Zeitungen eine Sonderausgabe drucken mit den Namen dieser Menschen. Wenn das stimmt, dann müssten alle digitalen Plattformen, sozialen Onlinenetzwerke diesen 13.000 posthum eine Stimme verleihen, müssten alle Institutionen, die sich zu Menschlichkeit bekennen, unüberhörbar ihre Stimme erheben. Wenn das stimmt, dann müssten diese Gräuel zum Thema an den Stammtischen werden. Wenn das stimmt, dann darf niemand, der noch in humanitären Kategorien denkt und fühlt, zur Tagesordnung übergehen.

   Amnesty International verlangt eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe durch die UNO. Ich glaube nicht, dass diese 13.000 in der UNO wirklich etwas bewegen, dass sie der UNO – wer, was ist die UNO wirklich? – wichtig genug sind. Die politischen Interessen der „Großen“ sind in der UNO allemal wichtiger als diese 13.000. Wo in der UNO sollte so viel humanitäres Potential sein, dass diese 13.000 um ihrer selbst willen zum Thema werden? Bleiben sie nicht letztlich nur eine Zahl in der politischen Kalkulation von Einfluss, Macht und Profit der Mitgliedsstaaten? Wird Putin schlaflose Nächte haben, weil trotz seiner Dominanz im Syrienkonflikt solches geschehen konnte? Donald Trump, Präsident der Weltmacht Nummer 1, hat sich erst kürzlich für die Folter als probates Mittel ausgesprochen und sogar angekündigt, dass er noch schlimmere Foltermethoden „im Köcher“ habe. Die EU ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und hat – so absurd das klingt – leider „andere Sorgen“ und wäre zu einer einheitlichen Stellungnahme gar nicht fähig. Sie bezeichnet sich auch als Wertegemeinschaft, aber es ist noch immer nicht klar, was ihre gemeinsamen Werte sind.

   Wen interessieren diese 13.000 eigentlich? Sie werden zu Vergessenen der Geschichte.

 

© Josef Gredler