Josef Gredler

55  Eine Inauguration wird zur Zeitenwende (21.01.2017)

 

   Wenn gestern um 18 Uhr MEZ Donald Trump auf den Stufen des Kapitols in Washington als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika vereidigt wurde und damit offiziell die präsidiale Verantwortung für das politisch, wirtschaftlich und militärisch mächtigste Land der Erde übernommen hat, dann war das nicht nur die Inauguration eines amerikanischen Präsidenten, sondern auch eine Zeitenwende in eine Richtung, die nichts Gutes verheißt. Was man vor wenigen Monaten noch für unmöglich hielt, wurde gestern offiziell zur Realität. Fast die Hälfte der US-amerikanischen Wähler/innen, mehr als 60 Millionen, hatte mit ihrer Stimme diese Zeitenwende herbeigeführt und einen Mann, der sich mit seinen populistischen, diskriminierenden, beleidigenden, verantwortungslosen, Legalität, Anstand und Moral überschreitenden Äußerungen für jedes mit Verantwortung zu führende Amt disqualifiziert hatte, an die erste Stelle des Staates gesetzt. Was da gestern geschehen ist, fällt unter die Rubrik „unglaublich“. Der 20. Jänner 2017 wird als „schwarzer Freitag“ ein Datum für die Geschichtsbücher werden.

   Mit Donald Trump wird jemand Präsident der USA, der alle staatsmännischen Parameter über Bord geworfen hat, alle Normen und Formen, wie sie für ein solches politische Amt gelten sollten, ignoriert. Wenn man vor der Wahl sein immer wieder Entsetzen auslösendes Auftreten noch für Wahlkampftaktik halten wollte, seit gestern ist klar: Dieser Mann tickt wirklich so. Was sich gehört, interessiert ihn nicht. Traditionen werden belanglos. Was war, zählt nicht mehr. Was kommt, weiß nur er. Er pfeift auf alles, was ihm nicht passt. Respekt und Achtung nur für jene, die er mag. Beleidigung, Herabwürdigung, Missachtung für die, die ihm nicht zu Gesicht stehen. Mit der Faust auf den Tisch hauen statt Diplomatie. Twitter ist sein Format. Nationale, internationale und globale Politik werden zum Deal, zum Spiel, zur Reality-Show. Das Weiße Haus wird seine Playstation. Es war ein pompöses Zeremoniell für einen, der Missliebigen oder Andersdenkenden verbal ins Gesicht schlägt. Donald Trump erfindet und definiert das Amt des US-Präsidenten neu und ganz für sich. Heute würde er die Wahl nicht mehr für sich entscheiden können.

   Von jenem Amerika, das er jetzt übernimmt, hat er in seiner Antrittsrede ein wirres Bild auf die Stufen des Kapitols gemalt. Die Vision von seinem „Amerika“, wie es unter seiner Präsidentschaft wird, muss Ängste auslösen. Die nicht glauben, dass „ab jetzt“ alles besser wird, zählt er zu seinen Gegnern. Es war eine von Populismus getränkte Kampfrede im Provokationsmodus. Demagogische Naivität, mit Pathos übergossen, ist sein „politisches Programm“. Versprechungen, die er niemals einlösen kann, und Versprechungen, die er hoffentlich niemals wird einlösen können. Voller Widersprüche, aber bar tauglicher politischer Lösungswege. „America first“ als renationalisierender „Fahneneid“. Wer geglaubt oder gehofft hatte, dass er sich nach gewonnener Wahl als Präsident mäßigt, zügelt, verbindende Worte findet, versöhnliche Töne anschlägt, hat vergeblich geglaubt und umsonst gehofft. Die Hand auf der Bibel war leere Geste. „Gott“ hatte er auf seine Lippen geklebt, als würde er sich selber dafür halten. Dieser Mann hat die Bibel nicht auf seiner Seite, den Namen Gottes nur auf den Lippen. Ein selbsternannter Retter und Heilsbringer. Die Instabilität seines Amerika und die Krisen der Welt waren seine größten Wahlhelfer. Donald Trump hat martialisch und selbstherrlich wie ein römischer Imperator das Kapitol betreten. Heute würde er die Wahl nicht mehr für sich entscheiden können. Die einzige Hoffnung: dass in vier Jahren dieser Spuk vorbei ist.

   Dass das FPÖ-Duo, Heinz Christian Strache und Norbert Hofer, von Donald Trump so angetan ist, dass sie unbedingt zu dieser Inauguration nach Washington fliegen mussten, wirft einige Fragen auf: Ist ihnen überhaupt bewusst, was Donald Trump bisher so alles von sich gegeben hat? Wenn nicht, so möge man ihnen eine Liste reichen, in der all seine verbalen Entgleisungen nachzulesen sind. Welche dieser Diskriminierungen, Beleidigungen und verbalen Übergriffe hat es den beiden FPÖ-Granden so angetan, dass sie sich ins Flugzeug setzen mussten, um Donald Trump zu applaudieren? Hätten wir von ihnen im Falle einer „Machtübernahme“ Ähnliches zu erwarten?

 

© Josef Gredler