Josef Gredler

52 Wie gut oder schlecht ist das Schulautonomiepaket? (21.10.2016)

 

   Die Bildungsreform, eine ewige Baustelle in der österreichischen Schullandschaft, hat uns jetzt ein Autonomiepaket mit einer Reihe von tiefgreifenden und weniger tiefgreifenden Neuerungen geschert, die unsere Schule verbessern sollen/wollen. Ob diese das tatsächlich tun, wird sich zeigen. Auffällt in diesem Paket, dass es ausschließlich organisatorische bzw. strukturelle Maßnahmen sind und keine einzige (wieder einmal) den Fokus wirklich darauf richtet, wie Lernprozesse (= was in den Köpfen der Schüler/innen vorgeht) von innen her verbessert werden können, weil man sich mit dem, was beim Lernen beim Lernenden geschieht, wieder nicht auseinandergesetzt hat. Dieses Defizit oder dieser „blinde Fleck“ haftet eigentlich allen Reformen in Österreich rund um die Schule an. Dass diejenigen, die solche Reformen politisch entscheiden, von dem, was beim Lernen im Kopf der Schüler/innen wirklich geschieht und wie das geschieht, nicht allzu viel verstehen, überrascht wenig. Aber sie könnten sich ja bei denen schlau machen, die davon was verstehen (müssen).

   Dass Schulleiter/innen ihre (neuen) Lehrer/innen in Zukunft selber aussuchen, klingt gut, weil man dadurch dem „Bedarf“ der Schule direkter entsprechen kann, also mehr von der Basis her steuert. Problem und Lösung hat man damit näher zusammengeführt. Man verlegt allerdings ein Problem an die Schule, für deren Lösung dort oft zu viel Befangenheit und Emotionen vorhanden sind. Ob alle Schulleiter/innen diesen Herausforderungen gewachsen sind, wird die Frage bleiben. Wo es um Personalentscheidungen geht, wird immer wieder auch viel Druck von verschiedensten Seiten ausgeübt. Schulleiter/innen haben es vor Ort sicher schwerer, diesem Druck standzuhalten. Diese Verschiebung der Bestellung von Lehrer/innen vom Dienstgeber Land zum unmittelbaren Dienstort Schule bzw. zur dortigen Schulleitung könnte für manche Schulen zum Schwarzen Peter werden. Manche Schulleiter/innen wiederum könnten diesem „Machtzuwachs“ nicht gewachsen sein. Objektivität in Fragen der Personalentscheidung zu wahren wird mit zunehmender persönlicher Nähe zu den involvierten Personen immer schwerer. Dieser Umstand könnte sich immer wieder als Pulverfass erweisen, das an dieser und jener Schule hochgehen wird. Diese Neuerung ist möglicherweise nicht von langer Dauer und es kommt zum „Kommando zurück“, was ja auch nicht neu in der Entwicklung der österreichischen Schule wäre.

   Die Ausbildungskriterien für Schulleiter/innen von den Bundesländern auf den Bund zu übertragen ist sicher ein grundsätzlich richtiger Schritt, wenn der Bund die Ausbildungskriterien bzw. das Anforderungsprofil unter stärkerer Berücksichtigung des wissenschaftlichen Fundus und der Schulrealität treffsicherer und klarer definiert und einfordert. Die Zentralisierung ist ein möglicher Schritt, aber kein Selbstläufer. Wenn der Bund die realistische Schulsituation und das Anforderungsprofil dazu, wie man eine solche Schulsituation bestmöglich leitet, nicht genauer ins Visier bekommt, dann war die Maßnahme, diese Ausbildungskriterien bundeseinheitlich festzulegen, eine Verschiebung „für die Katz“.

   Dass man bis zu acht Schulen unter einer Schulleitung zusammenfassen will, ist eine ausschließlich ökonomische Maßnahme, die mehr der Einsparung dient, aber die Schule schon sehr verändern wird. Ob diese Einsparung sich auch als Verbesserung erweist? Einen solchen Schulverbund dann Schulcluster zu nennen, liegt ganz im bedauerlichen Trend, über Schule immer mehr so zu reden, dass es immer weniger Eltern und Schüler/innen verstehen. Solche größeren Schulleitungseinheiten lassen Defizite für die Schule vor Ort befürchten. Schulleiter/innen, die sich mit ihrer Schule sehr identifizieren und deshalb einen erhöhten Einsatz für ihre Schule leisten, werden durch Schulcluster-Leiter/innen ersetzt, die von den Dingen der Schule wohl zu weit weg sein werden. Wenn man die Schule mit einem Schiff vergleicht, dann wird die Beziehung Kapitän – Besatzung schlechter und schwächer. Wenn bisher in erster Linie die Schulleiter/innen vor Ort für die Schulaufsicht (Unterrichtsbesuche, Unterrichtsqualität…) zuständig waren, wird diese Aufgabe ab jetzt auf eine höhere Ebene verschoben. Hatten wir das nicht schon einmal, so ähnlich zumindest, als Bezirksschulinspektoren dafür primär zuständig waren? Die organische Einheit einer Schule wird damit zerschlagen.

   Dass es keine vorgeschriebenen Klassengrößen mehr gibt, ist allerdings eine Mogelpackung, weil man am Grundverhältnis Lehrer/innen zu Schüler/innen nichts ändern wird, denn mehr kosten darf das Autonomiepaket auf keinen Fall. Gerade an dieser Schraube (Verhältnis Lehrer/innen zu Schüler/innen) zu drehen, könnte die Möglichkeit, Schüler/innen beim Lernen in der Schule wirklich effizienter zu fördern, entscheidend verbessern. Ein wenig gerät dieses Autonomiepaket schon in den Verdacht, (auch) ein Sparpaket zu sein. Damit ist der Schule schon eine Fessel angelegt, die sie an wirklicher Verbesserung und Weiterentwicklung hindert. Ein Hin- und Herdrehen, solange es nicht mehr kostet, hat mit ernstgemeinter, entschlossener Reform nicht viel zu tun.  Davon wissen viele Eltern und Lehrer/innen mit längerer Schulvergangenheit ein Lied zu singen.

   Dass eine Unterrichtseinheit nicht kategorisch fünfzig Minuten dauern muss, ist durchaus nachvollziehbar, aber zu viel darf man sich davon nicht erwarten. Die Gefahr, eine bloße Kosmetik zu betreiben, besteht. Ebenso die Gefahr, statt positiver Flexibilität zusätzliche organisatorische Belastungen zu schaffen, man denke zum Beispiel an den Stundenplan, der jetzt schon oft zur Quadratur des Kreises wird. Könnte sein, dass hier mehr heiße Luft erzeugt als wirkliche Verbesserung bewirkt wird.

   Flexiblere Unterrichtszeiten könnten eine Hilfe für Schüler/innen und Eltern sein, wenn nicht Ähnliches passiert wie seinerzeit bei der „flexibleren“ Festlegung der sogenannten schulautonomen Tage, wo unterm Strich mehr Chaos als Verbesserung herausgekommen ist.

   Die notwendige Fortbildung der Lehrer/innen mehr am Bedarf zu orientieren ist eine Selbstverständlichkeit. Woran denn sonst? Der Lebensmittelmarkt wird ja auch nicht mehr Äpfel anbieten, wenn mehr Bananen benötigt werden. Dass Lehrer/innen auch auf externe Angebote zurückgreifen dürfen, wenn es keine entsprechenden Angebote an den Pädagogischen Hochschulen gibt, ist ebenso selbstverständlich wie es gleichzeitig verwundern muss, dass es überhaupt dazu kommen könnte. Wer, wenn nicht die Pädagogischen Hochschulen, sind für ein ausreichendes, umfassendes Angebot für die Fortbildung der Lehrer/innen zuständig?

   Dass Lehrer/innen sowohl für den Lernprozess der Schüler/innen zuständig sind als auch für die Feststellung der Lernergebnisse der Schüler/innen (Leistungsbeurteilung) ist ein Paradoxon, weil es ja auch einschließt, dass Lehrer/innen, die am Lernerfolg ihrer Schüler/innen nicht unbeteiligt sind, damit auch sich selber beurteilen. Fahrschulen haben längst begriffen, dass der Fahrschullehrer keine andere Aufgabe hat, als seine Fahrschüler/innen möglichst fahrtauglich zu machen. Jeder Lehrer, der unverhältnismäßig schlechte Noten vergibt, muss sich kritisch hinterfragen, wie groß sein persönlicher Anteil daran ist. Diese Entflechtung ist längst notwendig. Besser spät als nie.

 

© Josef Gredler