Josef Gredler

51  Wird die Sekundarstufe durch die neue Lehrer/innenausbildung besser? (13.10.2016)

 

   Wenn ab jetzt die Lehrer/innen der Sekundarstufe (Neue Mittelschule und Gymnasium…), also der Zehn- bis Vierzehnjährigen einheitlich und gemeinsam an der Universität und an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden, stellt sich natürlich die Frage, ob das auch zu einer Verbesserung der österreichischen Schule auf der Sekundarstufe führt. Das ist ja die letztendlich entscheidende Frage, wenn es um Änderung und Reform in der Schule geht. Die Vergangenheit der österreichischen Schul- und Bildungspolitik lehrt uns, dass Zweifel diesbezüglich mehr als berechtigt sind. Seit Jahrzehnten sind die Reformen im österreichischen Schulwesen ja nicht unbedingt erfolgreich, sondern gleichen oftmals dem vergeblichen Suchen nach dem Stein der Weisen. Nach jeder Reform wird der angestrebte Fortschritt zuerst zwar lange behauptet, bis er sich dann doch nicht mehr einfach herbeireden lässt. Kurzum: Viele Veränderungen bisher haben leider nicht die erhoffte Verbesserung gebracht.

   Da hat man seinerzeit in der Einführung der Leistungsgruppen den entscheidenden Durchbruch gesehen und war völlig überzeugt, durch homogenisierte Schulklassen (drei Leistungsstufen in den „Hauptfächern“) bessere schulische Lernbedingungen geschaffen und die Schule dadurch entscheidend verbessert zu haben. Ein richtiger Fortschritt also, so glaubte man. Ausgewählte Lehrer/innen und Lehrer hat man dazu wie Leitwölfe von Schule zu Schule geschickt, damit sie alle anderen Lehrer/innen dort in die neue Form des differenzierten Unterrichtens in diesen homogeneren Leistungsgruppen einführen. Diese sind zum großen Credo der Hauptschule geworden. Es kam dann aber doch ganz anders, wie wir wissen. Besonders die dritten Leistungsgruppen mutierten zu „Sorgenkindern“, weil in diesen „Restklassen“ schwer Lernmotivationen zu wecken waren und die Dynamik mehr nach unten wirksam wurde als nach oben. Man „erkannte“ nach Jahren, dass man in die verkehrte Richtung gelaufen war, dass man nicht differenzieren bzw. separieren darf, sondern integrieren muss, dass man diese Integration bis zur Inklusion steigern muss – also das genaue Gegenteil von dem, was man bisher getan hatte.  Alles, was bis dahin Credo war, war auf einmal pädagogische Irrlehre. Das Reformpendel hatte nach den Gesetzen der Schwerkraft auf die andere Seite ausgeschlagen.

   Reformdiskussionen und in der Folge Reformschübe wurden leider immer schon stark ideologisiert. Integration und Inklusion haben ihre großen Gurus bekommen oder gefunden. Und immer dann, wenn in der österreichischen Schule ideologisiert worden ist, sind die Schüler/innen aus dem Brennpunkt der Aufmerksamkeit hinausgedrängt worden, denn dort ging es fortan mehr um politisches und ideologisches Gewinnenmüssen und Nichtverlierendürfen, sprich um den Erfolg der Protagonisten der neuen „Heilslehre“, und weniger um die Schüler/innen. Für gesunden Menschenverstand war schwer verständlich, warum auf einmal genau das allein richtig sein soll, was gestern noch falsch war, und umgekehrt. Sollten früher Sonderschulen und später Sonderpädagogische Zentren die bestmögliche Schulbildung für Schüler/innen mit eingeschränkter Lernfähigkeit sein, dann begann man irgendwann, solche Schüler/innen durch ein ganzes Tal zu karren, um sie endlich irgendwo in einer Integrationsklasse unterzubringen, denn nur Integration sei die richtige Schulform. Bei diesen „Schülertransporten“ ist es aber weniger um die Schüler/innen gegangen, sondern mehr um den Streit von Ideologien und Ideologen. Wer sich trotzdem noch für die Sonderschule – zugegeben ein unglücklicher Begriff, aber den hätte man ja verbessern können – stark machte, war ein pädagogischer Ketzer. Heute wissen wir, wieviel unter der Fahne der Integration schiefgelaufen ist, wie oft Integration nur „draufstand“, in Wirklichkeit jedoch nur versteckte Separation „drinnen war“.

   Vor einigen Jahren machte man sich daran, die begrifflich belastete, in den Schüler/innenzahlen schwächelnde Hauptschule in eine Neue Mittelschule umzuwandeln. Da waren viele gute Ideen dabei, ohne Zweifel, aber auch viel heiße Luft. Die zentrale Idee von den Bildungsbereichen ist allerdings völlig in der Versenkung verschwunden. Wie man die bisherigen Hauptschüler/innen  zu Neuen Mittelschüler/innen machte, hatte schon auch etwas von einer Mogelpackung an sich.  Euphorisch glaubten die Vorkämpfer der NMS an den bahnbrechenden Fortschritt ihrer Erfindung. Diese war auch ein Schielen nach der Gesamtschule für Zehn- bis Vierzehnjährige sein, für deren Verwirklichung auf jeden Fall viel mehr dafür- als dagegenspricht. Jedenfalls wurden die anfänglichen Lobeshymnen immer leiser und manche reden jetzt sogar von einem Rohrkrepierer. Und jetzt startet man in eine neue Lehrer/innenausbildung, die aber nur dann erfolgreich sein kann, wenn man wesentliche und zentrale Knackpunkte nicht länger übersieht und übergeht, zum Beispiel:

   Es steht auch wissenschaftlich außer Frage, dass Lernen (in der Schule) so komplexer Vorgang ist, dass guter Unterricht in der Schule umfassend und gut geplant sein muss. Wenn ein Lehrer, eine Lehrerin bei voller Lehrverpflichtung rund 20 Unterrichtseinheiten hält, dann müssen diese Unterrichtseinheiten zuerst durchdacht und bestmöglich geplant werden, damit sie bei den Schülerinnen und Schülern auch zu bestmöglichen Lernergebnissen führen. Wer aber 20 Unterrichtseinheiten bestmöglich nach dem aktuellen Stand der diesbezüglichen Wissenschaften planen will, braucht dafür tatsächlich noch einmal 20 Stunden. Deshalb sind solche Lehrer/innen bei 20 zu haltenden Unterrichtseinheiten nicht „Halbtagsbeschäftigte“, sondern haben auf alle Fälle eine Vierzigstundenwoche, einen „Fulltimejob“ also. Allerdings muss eine solche Unterrichtsplanung auch schriftlich erfolgen und auch schriftlich vorliegen –zuerst für sich selbst –, denn niemand kann allen Ernstes behaupten, dass er/sie die Planung für alle Unterrichtseinheiten im Kopf habe. Das ist schlichtweg eine billige, dumme Ausrede für Minimalismus. Wer eine schriftliche Unterrichtsplanung nicht auf dem Papier hat, der hat sie auch nicht wirklich im Kopf. Eine Unterrichtsplanung, die man so leicht im Kopf behalten kann, kann nur unzureichend sein. Die Frage der konkreten methodisch-didaktischen Unterrichtsplanung spielt in der Ausbildung leider eine zu geringe Rolle, müsste wesentlich mehr forciert und wissenschaftlich fundiert werden. Etwas salopp formuliert, stehen „gute“ Lehrer/innen zur einen Hälfte in der Klasse und zur anderen sitzen sie an „ihrem Schreibtisch“ und planen die Unterrichtseinheiten für die Schüler/innen. Eine Schule und eine Lehrer/innen-Ausbildung, die das nicht gewährleisten kann, ist immer defizitär. Das ist eine ganz unspektakuläre und simple Forderung zum „kleinen Einmaleins“ bestmöglicher Unterrichtsqualität. Umfassende und sorgfältige Unterrichtsplanung allein garantiert noch keine bestmögliche Schule, aber ohne umfassende, dem neuesten Stand der Wissenschaften entsprechende schriftliche Unterrichtsplanung gibt es keine bestmögliche Schule. Die für die Schule entscheidenden und in der Schule handelnden Personen und Insitutionen sind für diese Voraussetzung verantwortlich.

   Wachsende mangelhafte oder fehlende Sozialisierung in den Klassen – mit dem Begriff Disziplin nicht ganz korrekt und ausreichend bezeichnet – wird immer mehr zu einem der größten Hindernisse für „gute Schule“. Lehrer/innen klagen nicht zu Unrecht, dass es diesbezüglich von Jahr zu Jahr immer schwieriger wird, zu unterrichten, gut zu unterrichten. Der für gutes Lernen erforderliche Ordnungsrahmen ist immer schwerer herzustellen und manchmal gar nicht mehr. Da scheint der Schule zunehmend eine Grundvoraussetzung wegzubrechen für bestmögliches Lernen. Das ist nicht neu. Wer mit Schule wirklich zu tun hat, „am Ball ist“ sozusagen, der weiß darum. Wer es nicht weiß, ist zu weit weg von der Realität. Dieses Problem oder Defizit muss man wissenschaftlich wesentlich mehr ausleuchten. Die Lehrer/innenausbildung muss sich diesem Problem frontal stellen. Die für die Schule Verantwortlichen müssen dieses Problem als ein Kernproblem der Schule begreifen. In den Universitäten und Hochschulen wird doch viel geforscht. Hier muss der Fokus der Forschung mehr auf dieses Kernproblem gerichtet werden. Dass dieses so stiefmütterlich behandelt bzw. vernachlässigt wird, könnte auch damit zu tun haben, dass die „Lehrer/innenausbildner/innen“ diesbezüglich selber eher ratlos, mit ihrem Latein am Ende sind, kaum Lösungsmöglichkeiten anzubieten haben. Mancher Guru wird recht leise, wenn es um das Eingemachte schulischer Praxis im schulischen Alltag geht. Da wendet man sich lieber „anspruchsvolleren“, intellektuelleren und dankbareren = einfacheren Themen zu als dem der Sozialisierung bzw. Disziplin oder dem sogenannten Ordnungsrahmen im Unterricht, das noch dazu so praxisorientiert vermittelt werden muss, dass es keine akademische Tünche verträgt. Dass in der Ausbildung zum Lehrer, zur Lehrerin auch Leute lehren, die zu weit weg von der „Praxis“ sind, ist ja kein Geheimnis. Manchmal hat man fast den Eindruck, viele „Lehrer/innenausbildner/innen“ drücken sich um dieses Thema und wenden sich lieber mehr theoretischen, akademisch angemesseneres Inhalten zu. So muss jede Lehrerin und jeder Lehrer später dann selber Lösungen für dieses Problem suchen, das seinen/ihren Schulalltag massiv belastet, sein/ihr Kerngeschäft massiv beeinträchtigt, und Strategien suchen, sich „über Wasser zu halten“. Das sogenannte Kerngeschäft einer guten Schule ist und bleibt ein guter Unterricht. Dieser steht zu wenig im Mittelpunkt der Ausbildung.

   Man wird die Schule der Sekundarstufe auch durch die neue Lehrer/innenausbildung nicht wirklich verbessern, solange man „Basics“ so vernachlässigt. Ob Universität oder Hochschule, das ist nicht der springende Punkt, sondern die Frage, ob an den elementaren Voraussetzungen für bestmögliches Lernen endlich Kopf und Hand angelegt wird. Dass die Ausbildung nunmehr sechs statt bisher drei Jahre dauert, ist ohne Zweifel die notwendige Voraussetzung, den gestiegenen Anforderungen an Lehrer/innen an der Sekundarstufe mehr entsprechen zu können. Wenn man in diesen sechs Jahren sich nicht nur in akademischen Höhenflügen verliert, sondern auch die Basisqualifikationen als Grundvoraussetzung erkennt für alles, was man dann an fachspezifischen oben darauflegt, dann könnte das ein tatsächlicher Fortschritt für die Sekundarstufe werden bzw. für die vielen jungen Menschen, die vier Jahre ihres Lebens diese besuchen.

 

© Josef Gredler