Josef Gredler

48  Dürfen wir uns über das Betteln echauffieren? (17.03.2016)

 

   Bettler an den Straßen gehören längst schon zum alltäglichen Bild unserer Städte. Bettler sorgen deshalb für Diskussionen und Aufregung in den politischen Gremien, in den Medien, auch an den Stammtischen, in den Wartezimmern... Die Stimmen, die ein Bettelverbot und seine konsequente Exekutierung fordern, werden immer lauter. Wieder wird eine öffentliche Diskussion sehr undifferenziert geführt, als wäre Bettler gleich Bettler, auch wenn das Gegenteil der Fall ist. Wem das zum Leben notwendige fehlt, dem muss man zugestehen, dass er von jenen Hilfe zu erbetteln versucht, denen es gut geht. Betteln ist ein Menschenrecht. Eine Gesellschaft, die sich anschickt, das Betteln generell per Gesetz zu verbieten, hat aufgehört, eine menschliche Gesellschaft zu sein.

   Und um diese Grundrecht zu sichern, muss jenes „Betteln“ verhindert bzw. verboten werden, das nur dem Anschein nach ein Betteln ist, in Wirklichkeit jedoch unter dem Deckmantel des Bettelns eine organisierte Geldbeschaffung für dubiose oder kriminelle Gruppierungen ist. Wenn dieses organisierte Betteln nicht verhindert wird, geht das zu Lasten jener, die wirklich betteln – müssen. Diese zu Recht Bettelnden dürfen nicht deshalb von der Bildfläche verschwinden müssen, um damit auch das organisierte „Betteln“ aus der Welt zu schaffen. Da müssen die Länder und Städte schon Wege und Mittel finden, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ich habe den Eindruck, organisiertes Betteln sei bereits im äußeren Erscheinungsbild und in der Vorgangsweise, die beide einstudiert wirken, zu erkennen. Einmal habe ich mir die Mühe gemacht und konnte beobachten, wie organisierte Bettler außerhalb des Stadtzentrums aus einem Bus aussteigen und jeder sich auf seinen festgelegten Platz in der Innenstadt begibt. Es wäre interessant festzustellen, was passieren würde, wenn diese schon vorher bestimmten Plätze besetzt wären. Um das Menschenrecht, in Armut betteln zu können bzw. zu müssen, nicht zu gefährden, muss der Gesetzgeber organisiertes bzw. vorgetäuschtes Betteln vom ehrlichen und berechtigten unterscheiden. Dazu braucht es kompetente Personen und auch die notwendiges finanziellen Mittel, um dann das organisierte Betteln bzw. Geldbeschaffen zu unterbinden, damit nicht jene auf der Strecke bleiben, die wirklich betteln müssen. Es wäre zu billig und auch unmenschlich, das Betteln ohne Unterscheidung „mit einem Schlag“ (= Gesetz) aus unserem Stadtbild zu entfernen.

   Dasselbe muss auch für jedwede Form aggressiven Bettelns gelten. Ein Betteln, das aggressive Züge hat, ist kein Betteln, sondern eine inakzeptable, nicht zu duldende Form der Geldbeschaffung und hat mit Betteln im legitimen Sinn nichts zu tun. Um dieses berechtigte und im wahrsten Sinn des Wortes notwendige Betteln – Ausübung eines Menschenrechts – weiterhin jenen zu ermöglichen, die keinen anderen Ausweg haben, und jene zu schützen, die einem aggressiven „Betteln“ ausgesetzt sind, steht der Gesetzgeber in der Pflicht und Verantwortung. Allerdings muss dazu geklärt werden, wann Betteln als aggressiv zu bezeichnen ist, aggressive Merkmale aufweist. Wiederholtes und inständiges verbales Betteln mag manchen zwar lästig sein, aber das hat mich aggressivem Betteln nichts zu tun. Wenn die „bettelnde“ Person mir aber zu nahe kommt, auf den Leib rückt, Hand anlegt, mir gezielt nachgeht bzw. nachstellt, sich drohender, beschimpfender Worte und Gesten bedient, sind das aggressive Verhaltensmuster. Solches „Betteln“ muss ebenfalls zum Schutz der Betroffenen, aber auch zum Schutz der tatsächlichen Bettler per Gesetz verhindert werden. Der Gesetzgeber kommt nicht umhin, durch entsprechende gesetzliche Regelungen hier einzugreifen, und durch mehr Präsenz der Polizei oder anderer Exekutivorgane in unseren Innenstädten seine diesbezügliche Verantwortung wahrzunehmen.

   Dann bleiben noch jene wirklichen Bettler auf unseren Straßen, die in ihrer existentiellen Not von ihrem Recht Gebrauch machen, jene um Hilfe zu betteln, die das zum Leben Notwendige oder noch (viel) mehr haben. Wenn sich dann trotzdem jemand, der sich seinen Einkaufswagen füllen kann, jeden Tag genug zu essen hat, ein Dach über dem Kopf bzw. eine beheizbare Wohnung hat, über einen Bettler ob seiner bettelnden Worte und Gesten, ob seines erbärmlichen Aussehens echauffiert, dann handelt es sich um einen Wohlstandbürger, der jede Empathie für Menschen in Not verloren hat. Die Not eines Bettelnden und die „Belästigung“ oder „Störung“ des Angebettelten stehen in keinem vergleichbares Verhältnis zueinander. Wer sich als Christ bezeichnet und der Botschaft Jesu verbunden weiß, der wird sich dessen immer wiederkehrendem Aufruf, sich und sein Vermögen, seinen Überfluss der Not der Armen zu öffnen, nicht verschließen können. Es ist zu wenig, die wirklich Armen am Rande des Lebens bloß zu dulden, aber zur Hilfe nicht bereit sind. Die wirklichen Bettler am Straßenrand sollen uns erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, täglich satt zu werden, im eigenen Bett zu schlafen, ausreichend Kleidung zu haben und noch mehr. Aber sie bloß als Erinnerung zu verstehen wäre Zynismus. Wir schulden ihnen, dass wir trotz ihrer Armseligkeit in ihnen die menschliche Würde wahrnehmen. Wir schulden ihnen unsere Hilfe und sie brauchen unsere Hilfe. Wie weit diese gehen soll, muss jeder selber in seinem Gewissen spüren und festlegen.

 

© Josef Gredler