Josef Gredler

45  Wenn sich die Massen an medialer Exekution delektieren (2015)

 

   Er ist bzw. war Staatsoberhaupt des vielleicht bedeutendsten EU-Landes. Er repräsentiert  bei seines Amtshandlungen nahezu hundert Million Menschen. Die Medien hängen ihm an den Lippen, jedes Wort wird festgehalten. Sein Konterfei füllt die Seiten der Zeitungen.

   Bekannte Persönlichkeiten wie das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland stehen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Masse der Zeitungsleser und Fernseher kennt ihn natürlich und zollt dem Staatsoberhaupt oder gefeierten Star Respekt und Anerkennung, vielleicht sogar Bewunderung, die mitunter leicht devote Züge bekommt. Sie braucht jemand zum Aufschauen, um dabei auch ihre eigene Person unbewusst aufwerten zu können. Bei Gelegenheit stehen sie jubelnd am Ort des Geschehens und zelebrieren ihre Hosannarufe, die jedoch blitzartig umschlagen können.

   Ikonen des Sports wissen darum. Im Erfolg liegen ihnen die Massen frenetisch zu Füßen. Wenn der Erfolg sich in Misserfolg wandelt, wird aus der Huldigung Spott und Hohn. Das Staatsoberhaupt schreitet über den roten Teppich am Flughafen. Millionen sitzen vor dem Fernseher und bewundern ihren Bundespräsidenten. Als dieses jedoch Wochen später in einer medialen Jagd in Schimpf und Schande geschrieben wird und einer Hinrichtung ähnlich seiner Würde als Mensch beraubt wird, kommen dieselben Massen aufgebracht aus ihren Startlöchern, aus denen sie gestern noch applaudiert haben und delektieren sich an diesem grausigen Spektakel.

 

© Josef Gredler