Josef Gredler

Stimme eines Rufers in der Wüste

 

     Die Worte, die am zweiten Adventsonntag dem wortgewaltigen Propheten, dem charismatischen Wanderprediger und Täufer Johannes in Lk 3,1-6 in den Mund gelegt werden, haben nichts vom Moder zweier Jahrtausende an sich, sondern sind auch heute zweitausend Jahre später Bilder von höchster Aktualität. Ob Johannes sie genauso gesagt hat, wie es uns Lukas überliefert, oder ob der Evangelist diese Worte redaktionell „bearbeitet“ hat, tut ihrer Authentizität und Gültigkeit keinen Abbruch. Lukas gibt diesen eindringlichen Worten des Johannes, dem Sohn von Zacharias und Elisabeth, ein historisches Datum – das fünfzehnte Jahr der Regierung des römischen Kaisers Tiberius, also um das Jahr 27 – und ordnet es in die Weltgeschichte ein.

     Wer auf einer ausgedehnten Wanderung schon einmal in unwegsames Gelände geraten ist, auf dem kein Weiterkommen mehr möglich war, war heilfroh, als er wieder auf einen gangbaren Weg gekommen ist. Wer vor unlösbaren Problemen steht und die Situation fast ausweglos erscheint, hält Ausschau nach einem aus Krise und Not herausführenden Weg. Wer nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, wer so richtig ansteht, sich am Ende glaubt, wünscht sich nichts mehr als einen gangbaren Weg in eine bessere Zukunft.

     Wenn sich in der Familie, im Beruf, in der Gesellschaft unüberbrückbare Gräben auftun, wünschen wir uns, dass diese Gräben zugeschüttet, aufgefüllt werden, damit sie uns nicht weiter trennen. Wenn ein Hügel voll von Hindernissen, ein ganzer Berg von Schwierigkeiten uns den Weg verstellt, dann würden wir den Hügel, den Berg gerne abtragen (lassen). Eine Pandemie hat sich vor uns aufgetürmt und versperrt uns den Weg zurück in die Normalität. Was würden wir doch dafür geben, diesen Berg abtragen zu können! Die Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Pandemie haben weltweit tiefe Gräben zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern in unserer Gesellschaft aufgerissen, die unüberbrückbar scheinen und nicht nur die Gesundheit, sondern auch den sozialen Frieden bedrohen.

     „Krumme Sachen“, verbogene Situationen können unser Leben sehr belasten. Wir möchten sie wieder hinbiegen, geradebiegen. Wie störend, ja gefährlich können unvorhergesehene Unebenheiten auf der Straße werden, wenn wir sie übersehen und mit dem Auto ungebremst darüber hinwegfahren. Nach einem holprigen, löchrigen Fahrweg ist es eine große Erleichterung, wieder auf eine ebene, glatte, gerade Straße zu kommen.

     Johannes hat diese anschaulichen und eindringlichen Bilder und Worte dem Buch des mehr als ein halbes Jahrtausend vor ihm lebenden großen Propheten Jesaja entliehen, mit dessen Schriften er bestens vertraut war. Nun richtet er diese unbedingte Aufforderung  zur Umkehr an die Menschen, die zu ihm an den Jordan hinausgekommen waren und deren Gottverbundenheit zu einer oberflächlichen Volksfrömmigkeit verkommen ist und daher umkehr- und erneuerungsbedürftig ist. Sie haben zweieinhalb Jahrtausende nach Jesaja ungebrochene Gültigkeit. Können wir die Stimme dieses Rufers in der Wüste heraushören aus dem Lärm und Stimmengewirr unserer Zeit? Advent könnte die Zeit sein, unser Hören auf die Frequenz dieser prophetischen wegweisenden Stimme einzustellen, damit sein Aufruf auch uns erreicht. Am Horizont dieser johanneischen Worte taucht Jesus von Nazareth auf, um die Zeit zu wenden und die Geschichte der Menschen und dieser Welt umzuschreiben.

     Johannes hat seine Abkehr und Umkehr fordernden Worte draußen in der Wüste nicht auf unsere Alltagswelt bezogen, auch wenn wir sie heute durchaus auch so verstehen können. Johannes hat sie ganz unmissverständlich in den großen Kontext des letztlich alles Entscheidenden, über alle irdisch-weltlichen Grenzen Hinausreichenden gestellt. Wenn wir die ernste Ermahnung des Johannes an uns heranlassen, uns in die Strömung seiner Worte stellen, dann könnte sich unser Inwendiges adventlich zu färben beginnen und seine Sensoren wieder auf den ausrichten, der das Alpha und Omega der ganzen Schöpfung ist.

     Jesus setzt bei aller Verbundenheit mit Johannes und trotz seiner höchsten Wertschätzung des Täufers die Drohungen des Täufers nicht fort. Wenn Jesus sagt, dass er gekommen ist, um das Reich Gottes aufzurichten, dann meint auch Jesus Abkehr, Umkehr und Erneuerung. In seiner Bergpredigt, die er wohl so nicht einmalig und in einem Stück gehalten hat, verkündet er die Charta des Reiches Gottes. Aber anders als bei Johannes sind es bei ihm nicht zornentbrannte, strenge Worte vom drohenden Gericht für all jene, die jetzt nicht umkehren. In seiner Botschaft vom beginnenden Reich Gottes verkündet Jesus einen vergebenden und liebenden Gott, mit dem er sich so verbunden weiß, dass er ihn liebevoll Abba nennt und uns ermutigt, es ebenso zu tun. Die Drohbotschaft des Johannes wird bei Jesus die Frohbotschaft von der verzeihenden Liebe Gottes.

     Es ist derselbe Jesus, der als Kind in die Welt gekommen ist und dessen Mensch werdende Ankunft wir am Ende dieser adventlichen Wochen feiern und in unzähligen Krippen darstellen. Wir dürfen dieses Kind in der Krippe nicht loslösen von der Botschaft, für die es später sogar bereit ist, das Kreuz auf sich zu nehmen und es selber nach Golgotha hinauszutragen, um daran zu sterben. Wenn man den Petersdom betritt, dann steht gleich zur Rechten in verklärter Schönheit die berühmte Pietà des jungen Michelangelo, die uns Maria zeigt, wie sie ihren Sohn nach der Abnahme vom Kreuz ein letztes Mal in ihrem Schoß hält. Wohl eine der innigsten Darstellungen Marias mit ihrem Sohn in der gesamten Kunstgeschichte. Wenn wir auf das Kind in der Krippe schauen, dann dürfen wir nicht bei einer kindlichen Jesusschau stehenbleiben, sondern sollen in ihm den ganzen Jesus erkennen – bis hin zum Ostermorgen. In diesem Sinne wünsche ich den Leserinnen und Lesern dieser Zeilen frohe Weihnachten und möchte dem Engel des Herrn das Wort übergeben: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ (Lk 2,11)

 

© Josef Gredler