Josef Gredler

Was ist Mystik?

 

     23. November 1623, der einunddreißigjährige Blaise Pascal, der große Denker und Naturwissenschaftler, sitzt in seinem Arbeitszimmer in Clermont, es ist schon spät am Abend. Da geschieht mit ihm etwas Unglaubliches, gegen halb elf Uhr überfällt, überwältigt ihn eine unbeschreibliche, unmittelbare Erfahrung Gottes, die etwa zwei Stunden andauert und sein bis dahin weltlich immer mehr verflachendes Leben für immer verwandelt. Er versucht diese unmittelbare Gotteserfahrung auf einem Blatt Pergament zu beschreiben, das er sich dann zusammengefaltet in sein Rockfutter einnähen lässt und als „Memorial“ acht Jahre bis zu seinem Tod bei sich trägt. Zwischen den sorgfältig mit Hand geschriebenen Zeilen, in denen er in Worte zu fassen versucht, was ihm so unfassbar widerfahren ist, steht in der Mitte „Feuer“, so hat sich diese nächtliche Gotteserfahrung für ihn angefühlt.

     Der große Naturwissenschaftler, der seine Erkenntnisse seinem genialen Intellekt verdankt, zweifelt in der Folge nie an der Realität dessen, was ihm in dieser Nacht widerfahren ist, auch wenn es sein rationales Begreifen völlig übersteigt. Sein berühmtes „Memorial“ ist ein Zeugnis dafür, dass es neben dem intellektuellen, rationalen Erkennen und Begreifen noch einen anderen Zugang zu Wirklichkeiten, zu metaphysischen, transzendenten Wirklichkeiten gibt, die für die betreffende Person absolut real sind. Dieser Zugang unterscheidet sich von theologischer Gelehrsamkeit, die aus dem Intellekt kommt. Was Blaise Pascal in jener Nacht erlebt hat, haben in ähnlicher Weise Menschen zu allen Zeiten und auch in anderen Religionen und Kulturen erlebt. Weil das innerlich Erfahrene aus einer Diesseitsperspektive so geheimnisvoll, mystisch ist, werden solche Menschen als Mystiker bezeichnet, vom Griechischen „mystikós“, geheimnisvoll, abgeleitet, vielleicht auch von „myein“, was hier so viel wie Augen schließen bedeutet. Mystiker sind keine genau abgrenzbare besondere menschliche Spezies, aber in einer so tiefen und ausgeprägten Form ist mystisches Erfahren der übersinnlichen Wirklichkeit, der Welt des Göttlichen doch nicht alltäglich. Die tiefen spirituellen Erfahrungen und Erlebnisse großer christlicher Mystiker, von ihnen selber beschrieben oder über sie geschrieben, ermöglichen uns, davon Kenntnis zu bekommen und uns von ihrem mystischen Erleben anziehen, spirituell bewegen zu lassen. Teresa von Avila und Johannes von Kreuz sind zwei der herausragendsten Gestalten christlicher Mystik.

     Mystische Erfahrungen oder Begegnungen sind kein intellektueller Vorgang, sie werden auch nicht durch einen vorsätzlichen Akt des Willens „ausgelöst“ oder herbeigeführt. Sie entstehen auch nicht aus der Wahrnehmung durch unsere natürlichen Sinne. Ein inneres Geöffnet-Sein ermöglicht ein geheimnisvolles Angezogen-, ein Ergriffen-, ein Berührt-, ein Verwandelt-Werden von einem Absoluten und Letzten, das Mystiker monotheistischer Religionen Gott nennen. Christliche Mystiker erleben oft eine Christusbegegnung. In dieser mystischen Versenkung möchte die Seele in eine Vereinigung mit Gott, mit Christus eingehen. möchte mit ihm eins werden. Solche mystischen Erlebnisse können auch zu Schauungen bzw. Visionen führen und Stimmen hören lassen. Aber nicht die Augen schauen, nicht die Ohren hören, sondern das Inwendigste des Menschen schaut. Die irdische Raum- und Zeiterfahrung wird dabei gleichsam ausgeschaltet bzw. aufgehoben. Es ist, als wäre die mystisch berührte, versenkte Person in einer anderen Welt. In der menschlichen Sprache fehlen für solche mystischen Erfahrungen die entsprechenden Worte. Deshalb müssen sich Mystiker oft in Bildern der Sinnenwelt ausdrücken, was sie in ihrem Inwendigsten geheimnisvoll begegnend, verwandelnd, erlebt haben. Aber das Geschriebene reicht doch nie an das wirklich Erfahrene heran. Wer die Diesseitsperspektive für die einzig reale und gültige hält und die Grenzen der Physik für die Grenzen des Letztmöglichen, wird mystische Erlebnisse für phantasievolle Erfindungen, abnorme Einbildungen oder akrobatischen Seiltanz der Psyche halten. Nur wer an eine Welt des Göttlichen glaubt, wird solchen mystischen Erlebnissen trauen können.

     Den mystischen Erfahrungen fast aller Religionen und Zeiten ist gemeinsam, dass die letzte und absolute Wirklichkeit Liebe ist. Im Christentum, im Judentum und im Islam ist dieses Absolute und Letzte ein persönlicher Gott. In der christlichen Mystik wird dieser Gott dreifaltig gedacht und ist in Jesus Mensch geworden. Mystische Erfahrungen im Christentum sind häufig eine Begegnung, eine Vereinigung mit Jesus, dem Christus. Der Chassidismus ist eine mystische Strömung des Judentums, die Kabbala eine mystische Tradition im Judentum bzw. eine Sammlung mystischer jüdischer Schriften. Sufismus ist der Sammelbegriff für mystische Strömungen im Islam. Yoga und Zen sind östliche Wege der Mystik, die sich aus dem Hinduismus bzw. Buddhismus entwickelt haben. Ihr Letztes ist nicht ein persönlicher Gott, ein Du, sondern ein letztes großes Ganzes, eine Alleinheit, ein großer Ozean, ein Zustand völliger Ruhe und Frieden. Eine ganz auf die Natur bezogene mystische Strömung, wie sie schon die Kelten kannten oder die indigenen Völker Amerikas, findet in der Moderne wieder viele Anhänger. In ihr ist die Natur schlechthin heilig, göttlich. Jeder Mensch wird nach ihr in die Alleinheit der Natur zurückkehren.

     Die Mystik aller Religionen weist aber noch weitere Ähnlichkeiten bzw. Gemeinsamkeiten auf. Die mystischen Versenkung nach innen als Weg zum Ziel ist allen mystischen Formen religionsübergreifend gemeinsam.  Dieser Weg wird nicht vom Intellekt bestimmt, sondern von der inneren Erfahrung. Die christliche Mystik hat sich hat sich als Gegenbewegung zur theologischen Gelehrsamkeit entwickelt. Es hat allerdings große theologische Gestalten gegeben, die auch Mystiker waren, und viele Mystiker waren auch theologisch hochgebildet. In allen mystischen Traditionen wird das Materielle dem Spirituellen untergeordnet. Alle mystischen Strömungen kennen in der Welt auch das das Böse und Bedrohliche, auch als Unreines bezeichnet. Für alle mystischen Traditionen ist das Loslassen unverzichtbar für ihren mystischen Weg. Wer nicht loslassen kann, findet nicht zum Ziel.

     Mystiker sind in ihren Erfahrungen von ihrer Glaubensgemeinschaft oft miss- oder gar nicht verstanden worden und von der Obrigkeit ihrer Glaubensgemeinschaft zur Rechenschaft gezogen worden,  mitunter auch angefeindet worden. Was sie innerlich erlebt hatten, aber nicht wirklich beschreiben oder erklären konnten, hat immer wieder in der eigenen Glaubens- bzw. Religionsgemeinschaft zu falschen Interpretationen geführt bzw. wurde als Verstoß gegen Rechtgläubigkeit und Wahrheit angesehen. So soll es nicht wundern, wenn die Schriften christlicher Mystiker früher oder später bei der Inquisition gelandet sind, ihre Verfasser der Häresie beschuldigt wurden. Vieler dieser Schriften haben später Eingang in die christliche Spiritualität gefunden und viele ihrer Verfasser sind sogar heiliggesprochen worden. Sie haben mit ihren mystischen Erfahrungen den Erfahrungshorizont der offiziellen Glaubensinstitution überschritten. Meister Ekkhart starb noch vor dem gegen ihn eingeleiteten Inquisitionsprozess. Ignatius von Loyola wurde siebenmal von der Inquisition inhaftiert und später heiliggesprochen. Auch die Schriften Teresas von Avila wurden von der Inquisition geprüft, sie wurde später ebenfalls zur Ehre der Altäre erhoben und vom Papst sogar zur Kirchenlehrerin ernannt.  

     Man kann einen Johannes von Kreuz, den wohl größten christlichen Mystiker, und viele andere Mystiker nicht verstehen, wenn man nicht begreift, dass sie von einem ganz leidenschaftlichen und unbeschreiblichen Lieben und Geliebt-Werden, von einer Sehnsucht nach Gott erfasst worden sind, dem sie sich nicht entziehen konnten und in das sie ganz eingetaucht sind. Ihre Wortwahl ist ganz geprägt von dieser Liebe, die sie wie eine Glut durchdringt. Die Gedichte des Johannes von Kreuz sind eine einzige Liebeslyrik. Als er den Tod nahen spürte, ließ er sich vom Hohen Lied der Liebe aus dem Alten Testament vorlesen.

 

© Josef Gredler