Josef Gredler

Kann man Gott um etwas bitten?

 

     Gott bitten, dass er in unser Leben helfend eingreift, ist zutiefst biblisch und es ist zweitausendjährige kirchliche Tradition, dass wir dem Gott und Vater Jesu, der auch unser Vater ist, bittend gegenübertreten und glauben dürfen, dass er unsere Bitten hört und – unter bestimmten Bedingungen und Einschränkungen – mitunter auch erhört. Jesus lehrte seine Jünger das Vaterunser, das aus sieben großen Bitten besteht. Immer wieder ermunterte, ja forderte er sogar seine Jünger auf, Gott zu bitten. Und diese Aufforderung dürfen wir auch auf uns beziehen. Natürlich sollen unsere Bitten nicht aus einer Billigkeit und Beliebigkeit kommen und dürfen dem heilbringenden Willen Gottes nicht entgegenstehen, der weiß, was gut für uns und die Welt ist. Aber für Jesus stand außer Frage, dass man Gott bitten kann und soll und dass diese Bitten unter bestimmten Bedingungen und mit bestimmten Einschränkungen von Gott erhört werden (können). Natürlich gab es für Jesus eine notwendige Rangordnung unserer Bitten, sie müssen schon in der Strömung seines Heils sein, das er den Menschen mit göttlicher Sendung bringen wollte. Aber es müssen nicht nur die ganz großen Nöte, es dürfen auch die kleineren und kleinen Anliegen sein. Beten kommt von bitten, das althochdeutsche „Beta“ heißt Bitte. Bitten ist die Urform des Betens, auch wenn unser Beten sich nicht nur im Bitten erschöpfen soll, aber in unserer menschlichen Begrenzung haben wir allen Grund und tun gut daran, Gott immer wieder zu bitten. Ich sehe im Bittgebet sogar eine menschliche Lebensnotwendigkeit.

     Und so halten es Christen seit zweitausend Jahren. Sie bringen ihre Anliegen, Sorgen und Nöte vor Gott in der Gewissheit, dass sie sich so Gott anvertrauen dürfen und dass er ihre Bitten hört, aber auch in der Hoffnung, dass er sie möglicherweise auch erhört. Sie glauben fest daran, dass zwischen ihrer Bitte und der Erhörung durch Gott ein direkter kausaler Zusammenhang besteht. Dass Menschen Gott bitten dürfen und sollen, ist auch Lehre der Kirche, auch wenn diese die hier gestellte Frage nicht so ganz klar beantwortet. Natürlich haben wir gelernt und auch erfahren, dass Gott unsere menschlichen Bitten nicht immer so erhört, wie wir es gerne hätten, und dass er unsere Bitten immer wieder auch „umlenkt“ und auf eine andere Weise erhört, wie es zu unserem Besten ist. Wir bekommen nicht immer das, was wir wollen, sondern das, was wir brauchen. Aber dass Bittgebete an Gott möglich und sinnvoll sind, weil deren Erhörung durch Gott möglich ist, das ist gute und lange kirchliche Tradition. Wenn in Wallfahrtsorten an der Wand unzähligen Votivtäfelchen hängen, auf denen dankend steht, dass Gott geholfen hat, zeugen diese wirklich nur von der frommen Naivität ihrer Gottesvorstellung bzw. ihrer theologischen Unwissenheit?

     Denn bei vielen Theologen kursiert ein „Wissen“, dass die Bitte eines Menschen an Gott nicht und niemals Ursache dafür sein kann, dass Gott diese Bitte im Sinn einer Erhörung zum Handeln veranlasst. Sie liefern auch die theologische Begründung dafür: Gott könne in seiner Vollkommenheit nicht durch die unsere menschliche Bitte bewegt werden, das von Menschen vorgebrachte Anliegen zu erhören, also etwas zu tun, was er ohne unser Bitten nicht getan hätte. Das stünde im Widerspruch zu seiner Vollkommenheit. Um etwas zu bitten und Bitten zu erfüllen, das mag zwischen Menschen üblich und möglich sein, die in ihrer Natur unvollkommen sind und daher umgestimmt werden können, aber Gott dürfe man sich in seiner Absolutheit nicht so menschlich vorstellen. Dass Gott durch menschliches Bitten umgestimmt werden kann, das sei eine unzulässige anthropomorphe Vorstellung von Gott. Manche Theologen formulieren es ganz unmissverständlich grundsätzlich: „Gott greift nicht in diese Welt ein.“ Das hieße dann: Man kann Gott schon um etwas bitten, aber es nützt halt nichts. Eine Gebetserhörung im kausalen Sinn gebe es nicht. Man räumt natürlich ein, dass es für den betenden Menschen subjektiv gut sei, seine Anliegen vor Gott zu bringen, sich Gott anzuvertrauen, Gott dabei zu begegnen, dadurch selber bewegt, verändert, gestärkt, ermutigt… zu werden. Aber objektiv gesehen, sei eine göttliche Gebetserhörung im Sinne einer Wechselwirkung auszuschließen, so die gängige aufgeklärte theologische Meinung, aus der Absolutheit und Vollkommenheit Gottes schlussfolgernd abgeleitet.

     Das hieße aber nicht mehr oder weniger, als dass die Bittgebete der vielen gott- oder christgläubigen Menschen, die sich damit seit zweitausend Jahren in ihren großen und kleinen Sorgen und Nöten an den Gott und Vater Jesu wenden, damit er sie erhöre, vergebliche Mühe waren und sind. Wenn dann doch das eintritt, worum sie gebeten haben, dann habe das andere, natürliche Gründe und Ursachen, aber der „liebe Gott“ sei es nicht, der da die Bitte erfüllt habe, weil der absolute Gott nicht bewegt, nicht umgestimmt werden kann. Das hört sich philosophisch-theologisch durchaus schlüssig, logisch an. Aber es ist eben nur menschliche Logik. Das Gesetz von Ursache und Wirkung stammt ursprünglich aus der Physik und kann nicht einfach auf die Metaphysik angewendet werden.

     Gleichzeitig behaupten jedoch Theologen zu Recht, dass menschliche Logik, Gott nicht erfassen und begreifen, nicht in die Transzendenz eindringen kann. Gott entzieht sich der menschlichen Logik. Wenn das wirklich so ist, dann dürften sie aber auch ihre menschlich-logische Meinung nicht auf Gott anwenden und behaupten, dass eine Gebetserhörung im Sinne von Ursache (Bitte) und Wirkung (Erhörung) nicht möglich sei.  Dass in der Flut menschlicher Bittgebete auch Missbrauch und Pervertierung vorkommen und diese oft auch zu magischer Himmelstürmerei mutieren, steht außer Frage. Man denke nur, wie Gott in Kriegsereignissen instrumentalisiert worden ist, für die Niederlage und Vernichtung der anderen herhalten sollte. Er soll bei dieser Fußballeuropameisterschaft 2021 sogar Fußballspiele lenken, wenn Spieler und Fans beider Mannschaften von Gott den Sieg erbitten, was natürlich die Niederlage der jeweils anderen Mannschaft bedeutet. Echtes Bittgebet hofft und vertraut auf Gott, magisches Bittgebet jedoch glaubt an das Gebet wie an eine Zauberformel. Das Bittgebet zum Beispiel durch Fasten ergänzen kann die Ernsthaftigkeit der Gott vorgebrachten Bitte existentiell unterstreichen. Dieses Fasten hat jedoch keine magische Kraft, die Gott zur Gebetserhörung quasi nötigen könnte. Die Nichterhörung einer Gott vorgebrachten Bitte darf nicht negativ als Abweisung durch Gott verstanden werden, sondern soll einem „nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ überlassen bzw. anvertraut werden.

     Auch wenn viele Theologen „wissen“, dass es keine Gebetserhörungen durch Gott geben kann, gibt es doch unzählige gottgläubige Menschen, die sich gewiss sind, dass ihr Bittgebet nicht vergeblich war, dass sie erhört worden sind. Die vorgenannten Theologen würden zwar für deren „Gebetserhörung“ andere, ganz natürliche Ursachen finden, aber die Erhörten würden sich dennoch nicht davon abbringen lassen, dass sie von Gott erhört worden sind. Aber es gibt tatsächlich Gebetserhörungen, die nicht natürlich erklärbar sind. Die Erhörung eines Bittgebetes kann aber auch ganz natürliche Ursachen haben und trotzdem von Gott bewirkt sein. Vielleicht irren sich jene Theologen doch, wenn sie meinen, menschliches Bitten und Flehen könne auf den vollkommenen Gott keine kausale Wirkung haben, weil Gott der Absolute und Vollkommene, der Transzendente und Ewige ist. Vielleicht stimmt ihr logisches menschliches Denkmodell, demzufolge Gott ein Gebet gar nicht erhören kann, doch nicht. Könnte es sein, dass Gott sich der philosophischen Logik dieser Theologen entzieht bzw. über deren menschlicher Logik steht? Vielleicht ist Gott doch ganz anders, als es die scharfsinnigsten theologischen Überlegungen für möglich halten.

     Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann war es immer auch von diesem bittenden Gebet getragen und von der Erfahrung erfüllt, dass ich zumindest manchmal oder immer wieder auch erhört worden bin. Manchmal konnte ich das nur vermuten, für möglich halten. Manchmal war ich mir dessen aber ganz gewiss. Da war auch jene ganz entscheidende Stunde, in der mein Leben eine ganz andere Ausrichtung bekommen hätte, wenn nicht auf unerklärliche Weise Dinge geschehen wären, die wunderbar alles ganz anders gefügt haben. Heute weiß ich, dass damals in genau dieser Stunde meine inzwischen längst verstorbene fromme Mutter ganz im Gebet versunken war und genau um das gebetet hat, was mir andernorts auf wundersame Weise widerfahren ist. Heute noch ist mir auch bei kritischer Betrachtung nicht natürlich erklärbar, was damals geschehen ist.

 

© Josef Gredler