Josef Gredler

Gedanken zum Herz-Jesu-Sonntag

 

   Wenn wir jemand in unser Herz geschlossen haben, dann steht dieser ganz in unserer Liebe, wir umhüllen ihn mit allen liebenden Regungen, deren unser Herz fähig ist. Um unsere Liebe auszudrücken, bedienen wir uns gern des „Herzens“. Niemand denkt dabei an das Organ, das in uns lebensspendend schlägt, das erkranken kann, dann verschiedener Heilmittel bedarf, vielleicht sogar eines schweren chirurgischen Eingriffs – und das den Tod bedeutet, wenn es aufgehört hat zu schlagen. Niemand muss uns erklären, was gemeint ist, wenn jemand uns wissen lässt, dass er uns in sein Herz geschlossen hat.

   Wenn wir eine Liebe erfahren, die ganz dem Herzen entspringt, dann fühlt sich das himmlisch an. Und tatsächlich hat die Liebe etwas mit dem Himmel zu tun, denn Gott ist die Liebe. Wir können Liebe annehmen und mit unserer Liebe antworten. Wir können Liebe auch zurückweisen. Aus tiefstem Herzen lieben und geliebt werden ist eine mystische Erfahrung. Jesus sagt in Joh 15,13 von sich, dass er in seiner Liebe bereit ist, sein Leben hinzugeben für die Seinen, für uns. Erst nachösterlich ist uns aufgegangen, wie er das gemeint hat und wie ernst ihm dabei war.

   Mehr Erklärung bedarf die Verehrung des Herzens Jesu nicht. Mag sein, dass uns viele Herz-Jesu-Bilder da in die Irre geführt haben, eine falsche Spur gelegt haben…, wenn das Herz Jesu von einer Dornenkrone umrankt in einen Lichtstrahl getaucht ist, wenn aus dem Herzen ein Feuer emporflackert und in diesem Feuer noch ein Kreuz schwebt... Ein solcher Überschwang von Symbolen, nicht selten in Kitsch getaucht, verstellt uns den Zugang, dass wir glauben können,  „eine größere Liebe hat niemand als, der sein Leben hingibt für die Seinen“. Und darum geht es, nur darum.

   Und wenn wir die alten Herz-Jesu-Lieder singen, dann sollten wir sie nicht sprachlich zerpflücken, sondern als Ausdruck tiefer menschlicher Sehnsucht begreifen und so stehen lassen. Heute über hundert Jahre später würden wir dafür ganz andere Worte finden. So haben wir heute am Herz-Jesu-Sonntag bei der Festmesse in der Kirche zur Ewigen Anbetung in Innsbruck aus dem Gotteslob die Nummer 849 gesungen. Statt das Lied einer kritischen Textanalyse zu unterziehen, ist mir warm ums Herz geworden und nicht nur mir. Die Melodie ist ganz eindringlich, inbrünstig, rührt ans Herz… Ich habe das Lied so gehört, so gesungen:

 

Jesu Herz, dich preist mein Glaube,

dich, mein einzig höchstes Gut.

Edler Weinstock, süße Traube, strömend ew‘ge Lebensglut.

Edler Weinstock, süße Traube, strömend ew’ge Lebensglut.

 

   Zuerst mögen diese Zeilen uns zu süß erscheinen, fast ein bisschen klebrig. Aber man kann auch folgendes damit meinen: Ich möchte in Jubel ausbrechen über das Herz Jesu, in dessen Liebesglut ich stehe und in dem sich meine ganze Sehnsucht, mein ganzes Hoffen wie in einem Brennpunkt sammelt und entzündet. So wird mein Glaube in seiner ganzen Zerbrechlichkeit ein einziger Aufschrei der Freude, des Jubels, ein großer Lobpreis. Nichts Größeres vermag ich mir vorzustellen, nichts scheint mir kostbarer. Die Liebe Jesu von Nazaret ist vielen zur großen mystischen Erfahrung geworden, in der sie ihr Lebensziel erreicht haben. In dieser Erfahrung möchte ich ankommen und bleiben, so wie sich viele vor mir in dieser erfahrenen Gewissheit festgemacht haben.

   Wenn ich vor der Weinlese im Herbst durch die Rebzeilen auf den Hügeln der Toskana streife, jeder Weinstock ganz mit süßen, reifen Trauben behangen, dann koste ich eine und lasse ihren süßen Saft langsam in meinem Mund zergehen und mir ist, als würde ich dieses Wort Jesu richtiggehend verkosten und das Leben in seiner unendlichen Liebe erahnen.

 

Wer der Liebe je begegnet,

die aus deinem Herzen quillt,

wird verwandelt und gesegnet.

Präge uns nach deinem Bild!

 

   Hinter diesen Worten spüre ich: Wer Jesus einmal wahrhaft begegnet, begegnet der Liebe, von der sein Herz übervoll ist. Und diese Liebe geht nicht spurlos vorüber, sie wird und will verwandeln und zum Segen werden. Diese Liebe möge uns so verwandeln, dass wir ein neuer Mensch werden, ganz von der Liebe Jesu erfasst und geformt. Und wieder kommen mir die großen Mystikerinnen und Mystiker ein, die sich ganz in diese Liebe haben fallen lassen und nichts anderes wollten, als von dieser Liebe erfasst, erfüllt und geprägt zu werden.

 

© Josef Gredler