Josef Gredler

Für das Kind im Mutterschoß scheint die Sonne

 

   Sonne und Licht, Nacht und Dunkelheit sind Bilder für ganz gegensätzliche Lebenserfahrungen, für ganz konträre Augenblicksgefühle. Mit Licht und Sonne beschreiben wir Erlebnisse voller Freude und Glück, mit Nacht und Dunkelheit meinen wir Erfahrungen der Not, der Verzweiflung, der Ausweglosigkeit. Das Bild der Sonne, des Lichtes scheint uns als Metapher für all das, was unser Inwendiges in einen seligen, erhebenden Zustand versetzt. Das Bild der Nacht und Dunkelheit steht für alles, was unsere Seele schwermacht und niederdrückt, der Bedrohung und Angst aussetzt. Die Sonne geht auf, wenn uns ein geliebter Mensch begegnet. Wenn er uns verlässt, vielleicht für immer, könnte das sein wie die Sonne, die untergeht und in die Nacht versinkt.

     So erleben wir Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, Dämmerungen in den Tag oder die Nacht hinein. Licht der Sonne und Finsternis der Nacht sind archetypische Bilder für zwei ganz gegensätzliche Lebenswirklichkeiten. Die Mystiker bedienen sich dieser Bilder für ihre ganz diametralen spirituellen Erfahrungen. Aber auch wir, die wir uns nicht zu den Mystikern zählen, kennen sonnige und dunkle Momente. Und wenn wir – uns erinnernd – rückwärts schauen, dann könnten wir eine lange Liste mit Sonnenerlebnissen und Nachterfahrungen anlegen.

   Dann fällt uns möglicherweise auf, dass manchmal die Nacht zum Tag wird und umgekehrt. Wir kennen doch auch die Sonne, in deren Glut wir schmachten, in deren versengender Hitze Blumen verwelken und Gräser verdorren, in deren Licht auch offenbar wird, was wir lieber in der Dunkelheit versteckt hielten. Man kann der Sonne ganz schutzlos ausgesetzt sein. Die Sonne kann unsere Haut verbrennen, das Leben bedrohen. Entzündete Augen vertragen kein Sonnenlicht, brauchen es dunkel. Die Nacht kann unheimlich sein, uns in Unruhe und Angst versetzen, sodass wir den Morgen herbeisehnen. Da gibt es aber auch die Dunkelheit, die uns wohlig umfängt, uns sanft einhüllt, uns schützend birgt.

     Der Regenwurm, den die aufgehende Sonne noch beim Überqueren des Asphalts antrifft, wird den rettenden Schatten der anderen Straßenseite nicht erreichen. Die Fledermaus bleibt in ihrem dunklen Versteck, für sie beginnt erst in der Nacht der „Tag“. Viele Tiere können erst in der Nacht auf lebensnotwendige Nahrungssuche gehen. Wenn die Sonne hoch und heiß am Himmel steht, sehnt man die abkühlende Nacht herbei. Es gibt die rettende Dunkelheit und das bedrohliche Sonnenlicht. Für das Kind scheint im Mutterleib die Sonne. Und wenn es diese geschützte Dunkelheit verlassen muss – keinesfalls freiwillig –, dann wird das Tageslicht dieser Welt zum Schock. Ohne die Nacht und ihre Dunkelheit kämen wir nicht zur Ruhe.

    Wenn ich meditierend die Augen schließe, um das Licht von außen fernzuhalten, dann kann meine Seele loslassen in der Dunkelheit, die mich einhüllt, und frei werden für transzendierende Erfahrungen. Es ist, als ob die Seel Flügel bekäme. In dieser äußeren Dunkelheit kann uns ein inneres Licht aufgehen. Die Ruhe, das Schweigen der Nacht regeneriert uns für den kommenden Tag. Das gleißende Licht tut unseren Augen weh, sie können sich daran entzünden und bedürfen der heilenden Dunkelheit. Wenn uns Dunkelheit umfängt, können wir auch die ganz leisen Regungen des Lebens hören. Unser Hören bekommt eine große Reichweite. Wir wünschen jemandem eine gute Nacht ebenso wie einen guten Tag.

    Abraham wurden die unzähligen Sterne am nächtlichen Himmel zur großen Verheißung. Die großen Visionen des Göttlichen haben Mystiker aller Religionen vor allem in der Nacht erlebt. Samuel hörte den Anruf Gottes in der Nacht. Die Nacht wurde zum Fenster des Ewigen, durch das Gott sich offenbart. Eine durchwachte Nacht kann sehr leidvoll sein, aber auch Stunde des Heils. Es war Nacht, als die Engel den Hirten die Geburt eines göttlichen Kindes verkündeten. Es war Nacht – oder war es schon Morgen? – als dieses „Kind“, das sich als „Licht der Welt“ offenbarte, zu neuem Leben erweckt wurde. In vielen Liedern besingen wir das Licht des Tages und das Dunkel der Nacht. Wer Blumen gießt, weiß, wie sich diese der Sonne zuwenden. Ohne Licht gibt es kein Leben? Aber das Leben würde ohne die Nacht an Ruhelosigkeit zerbrechen.

   Ewiger Tag oder ewige Nacht würden uns töten. Wir können nicht leben ohne diese Abfolge von Licht und Dunkelheit. In beiden können wir, Ewiges erahnend, Gott begegnen.

 

© Josef Gredler