Josef Gredler

Ostersonntag im Coronajahr 2020

 

     Dieser Morgen ließe sich in seiner Schönheit nicht übertreffen. Die warme Frühlingssonne scheint verschwenderisch auf uns herab. Nur ein paar Wolken umranden zart das himmlische Blickfeld. Die noch schneebedeckten Berggipfel säumen wie eine weiße Krone den Horizont. Ein Ostersonntag wie aus dem Bilderbuch. Stiller Friede breitet sich über das Land, wundersame Stille in den Straßen, kein Flugzeug quert den Himmel.

     Aus dieser rätselhaften Stille steigt die Frage auf: Was ist den los? Wo sind die Menschen? Sie haben sich versteckt in ihren Häusern, aus Angst vor einem Virus, zum Schutz vor dem Unsichtbaren, der sich über die ganze Welt hergemacht und das Leben zum Stillstand gebracht hat, wie sich das niemand je vorzustellen vermochte. So verbindet sich mit der strahlenden Schönheit dieses Tages auch etwas Unheimliches, gespenstisch fast. Noch nie gab es in der langen Geschichte des Christentums einen solchen Ostersonntag. Die Glocken läuten, um uns zu erinnern, aber wir dürfen ihrem Ruf nicht folgen. Die Kirchen bleiben leer am Ostersonntag des Jahres 2020, das als Coronajahr in die Geschichte eingehen wird.

     Und so kann dieser sonnendurchflutete Ostermorgen seine frohe Botschaft heute nur hineinflüstern in diesen globalen Stillstand, still im ganz umfassenden Sinn. Man muss seine ganze Aufmerksamkeit aufbieten, um sie zu hören. Man muss die Flügel der Seele ganz öffnen und ausspannen, um von dieser österlichen Luftströmung erfasst zu werden und zu glauben, dass wir erlöste Menschen sind.

 

© Josef Gredler