Josef Gredler

Gedanken zum Karfreitag im Coronajahr 2020

 

     Wie feiern wir heuer den Karfreitag? Bis jetzt hat sich diese Frage nie gestellt, es war ja klar wie immer, wir gehen in die Kirche zur Kreuzverehrung, zur Feier vom Leiden und Sterben Jesu – und, nicht vergessen, wir nehmen dazu eine Blume mit, die wir vor das Kreuz legen, wenn wir bei der Verehrung des Kreuzes nach vor gehen und andächtig innehaltend unser Knie davor beugen. Aber weil ein winzig kleines Virus über weite Teile der Welt eine Ausgangssperre verhängt hat, müssen wir uns heuer zum ersten Mal und ganz ungewohnt fragen, wie das heuer sein wird. Natürlich nützen wir dankbar die Möglichkeiten, die im Fernsehen, im Internet angeboten werden, aber da fehlt mir, uns noch etwas.

     In unserem Wohnzimmer hängt ein Kreuz, das mein verstorbener Bruder Ewald, über zwanzig Jahre Pfarrer in Ötz, mit seinen künstlerischen Händen und seiner schöpferischen Phantasie geformt hat. Wenn ihn etwas inwendig bewegt hat und er das ausdrücken wollte, dann hat er oft zu einem Klumpen Ton gegriffen, den er immer daheim hatte, und dann daraus erstaunliche Dinge, Figuren, Kunstwerke geformt. Ich muss zu Schreibzeug und einem leeren Blatt Papier greifen, um meine Gedanken auszudrücken, festzuhalten. Und so sitze ich jetzt da vor diesem Kreuz und möchte die Gedanken in Worte fassen, die Gedanken, die dieses Kreuz verströmt:

 

Es ist vollbracht

dieses Werk gottmenschlicher Hingabe,

Karfreitag auf Golgota.

Alle Bekleidung ließ er sich nehmen,

ganz der schutzlosen Nacktheit ausgesetzt,

ganz der todbringenden Gewalt ausgeliefert,

den letzten Schrei der Ohnmacht ausgestoßen,

das Haupt sterbend gesenkt.

Nichts hat er zurückgehalten,

nicht einen Atemzug,

keinen Tropfen Lebendigkeit,

alles hat er hingegeben.

Alles, was er ist,

will er für uns sein.

Die Lanze des Soldaten überbietend

hat er sich selbst ganz geöffnet

von oben bis unten,

wie der Vorhang im Tempel,

um seine Liebe zu verströmen

über uns und unsere Kinder.

Die Kraft seiner Hingabe

lässt die Erde erzittern

und sich in Finsternis hüllen.

Auch die Gräber können sich

ihr nicht verschließen

und ihre Toten nicht mehr festhalten.

Wie die Blüte sich schließt

in der versinkenden Sonne,

so beginnt sein geöffneter Leib

sich wieder zu schließen

in der hereinbrechenden Nacht seines Grabes,

um zur Hülle zu werden

für das neue auferweckte Leben

des Auferstandenen.

 

     Wir tun wir denn heuer? Vielleicht stellen oder setzen wir uns vor das Kreuz daheim und verweilen dort still und öffnen uns den Gedanken, die dieses Kreuz verströmt. Und wie wir das in der Kirche getan hätten, legen wir eine Blume vor das Kreuz, beugen unsere Knie und spüren, dass dieses Sterben Jesu am Kreuz ein Sterben für uns war, uns in die Perspektive des Heiles, der Erlösung stellt.

 

© Josef Gredler