Josef Gredler

Corona-Krise als Chance

 

     Als hätte jemand das Rad der Zeit angehalten, als wäre die große Uhr stehen geblieben, so ist das Leben auf den Straßen zum Stillstand gekommen. Die Menschen haben sich in ihre Häuser zurückgezogen und wo vor Tagen noch das Leben pulsieren konnte, hat sich eine unheimliche Leere ausgebreitet. Für diese traumatische Veränderung des öffentlichen Lebens, verursacht durch einen Virus, das Wort Chance zu verwenden, erscheint aufs erste fast zynisch. Die folgenden Gedanken sind kein ignorantes Verschließen vor der katastrophalen Dimension dieser Krise, sondern der Versuch, Zusammenhänge aufzuzeigen, damit wir aus dieser Krise weiser herauskommen, als wir in sie hineingeraten sind.

     Ich „komme“ gerade von der Messe, wie man bei uns sagt, aber heute ganz anders als bisher: Ich komme nämlich nicht aus einer Kirche, sondern schalte einfach den Laptop aus, der es meiner Frau und mir ermöglicht hat, mit Kardinal Schönborn die Morgenmesse mitzufeiern. Er unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Georgskapelle in Wien, wir in unserem Wohnzimmer in Rum. Vor zwei Wochen noch hätten wir nicht für möglich gehalten, dass unser Laptop bzw. ein Tablet einmal als einzige Möglichkeit bleiben, „in die Messe zu gehen“.

     Das Coronavirus hat innerhalb weniger Tage das Leben nicht nur bei uns in Rum, in Tirol, in Österreich, sondern in allen europäischen Ländern, auf dem ganzen Globus dramatisch verändert. Ein Virus hat die globalisierte Welt im Würgegriff. Die Welt ist im Ausnahmezustand. Das sind leider keine Fake-News, sondern eine dramatische Tatsache, die uns nachdenklich, sehr nachdenklich stimmen muss – in der festen Entschlossenheit, aus dieser jüngsten Geschichte zu lernen. Die Geschichte wäre ja eine gute Lehrerin, aber sind wir Schülerinnen und Schüler aufmerksam genug?

     Auf einmal hat die Feier der Messe, die meiner Frau und mir zwar immer schon viel bedeutet hat, für uns eine zusätzliche Wertsteigerung erfahren. Wäre diese Eucharistiefeier eine Aktie, dann könnte man ihr mit Garantie ein deutliches Aufsteigen auf der Indexleiter der Börsen prognostizieren. Heute waren mehr Menschen in der „Kirche“ als sonst. Mit erhöhter Aufmerksamkeit haben wir hingehört auf die Worte der Schrift und des Priesters. Es war ein suchendes Hinhören, mehr als sonst und bisher und getragen von der Dankbarkeit, diese virtuelle Möglichkeit noch zu haben. Vielen anderen „Kirchgängern“ wird es wohl ebenso ergehen.

     Dass eine Krise immer auch eine Chance ist, das ist altes lebensweisheitliches, philosophisches, spirituelles Wissen. Corona ist mehr als eine globale Krise, dieses Corona-Virus ist zu einer globalen Katastrophe mutiert. Und ist diese katastrophale Krise wirklich auch eine Chance? Davon bin ich überzeugt, aber... Ob wir sie nützen? Das können wir nur, wenn wir uns zuerst dem stellen, was durch die Krise vernichtet, zerbrochen zerstört, verloren ist. Man darf nicht wegschauen oder die Augen verschließen vor der Tatsache, dass dieses Virus vielen Menschen den Tod bringt, dass Leid und Trauer sich über viele hermachen, dass Menschen ihre Arbeit verlieren, dass Betriebe in Konkurs gehen, dass Familien in existentielle Not geraten, dass viele in Einsamkeit und Hilflosigkeit versinken, dass gespenstische Angst sich ausbreitet... Und wir wissen nicht, wann und wie wir aus dem Tunnel dieser Krise herauskommen. Wir sehen das Ende noch nicht. Was wird nachher sein? Der bedrückenden Ernsthaftigkeit dieser Frage müssen wir uns stellen. Dass nachher alles wieder so ist wie vorher, das wird nicht sein. Dass nachher alles wieder so weitergeht, dass wir nachher wieder so weitermachen wie vorher, das darf nicht sein. Dann hätten wir diese notwendige Lektion nicht verstanden und nichts von der Geschichte dieser weltweiten Krise bzw. Katastrophe gelernt.    Sie ist keine Strafe von „oben“, wie uns leider gnadenlose Glaubenswächter mit ihrem verdunkelten Gottesbild jetzt wieder glauben machen wollen. Sie ist eine Folge des Lebensstiles und der Weltgestaltung von uns Menschen hier „unten“. Die Welt hat jetzt wie ein Organismus reagiert, ein Virus hat einfach „stopp“ gesagt, wir dürfen die Welt nicht mit zügellosem Fortschritt, ungehemmter Produktion und skrupelloser Ausbeutung an die Wand fahren.

     Wenn man vom Weltraum via Satelliten bereits beobachten kann, dass unter Smog und Feinstaub verdeckte Ballungszentren jetzt wieder gut sichtbar sind, weil die Luft darüber wieder sauber und durchsichtig ist, dann hat sich die Atmosphäre offensichtlich erholt. Die großen Städte und Verkehrsrouten atmen befreit auf, weil sich die Schadstoffemissionen gezwungenermaßen mehr als halbiert haben. Daraus positive Schlüsse für die Zukunft, für die Zeit nach der Krise zu ziehen, wäre eine große, vielleicht die letzte Chance. Was die Staatengemeinschaft in den Weltklimakonferenzen nicht zustande gebracht hat, schafft jetzt ein kleines Virus im Alleingang.

    Dieses Virus zwingt „uns“, den Fuß vom „Gaspedal“ zu nehmen, was „wir“ sonst nie getan hätten. Plötzlich ist die Eile verschwunden. Auf einmal ist wieder Zeit da, wo vorher keine war. Vieles ist zum Stillstand gekommen, von dem wir geglaubt haben, das wird und muss immer so weiter gehen. Es ist eine eigenartige Stille, eine fast unheimliche Ruhe eingekehrt – auf den Straßen, an den Hotspots des öffentlichen Lebens, an den Drehkreuzen der modernen Zivilisation – eine Entschleunigung und Beruhigung ganz seltsamer Art, aufgezwungen von einem winzig keinen Virus.

    Wir kapieren auf einmal, dass wir Teil eines großen Ganzen sind, für das wir jeder einzeln und alle gemeinsam verantwortlich sind. Es liegt an uns, daraus heilsame und schöpfungsbewahrende Schlüsse für die Zeit nach der Krise zu ziehen. Das Goldene Kalb der götzenhaften Ideologie des „immer weiter, immer höher, immer schneller und immer mehr“ hat unter den Folgen eines kleinen, unsichtbaren Virus zu schmelzen begonnen. Wenn wir bisher der Meinung waren, dass ganz selbstverständlich immer alles da, immer alles vorhanden sein muss, was wir zu unserem saturierten Leben brauchen oder gern hätten, dann wird uns jetzt bewusst, dass die Ressourcen dieser Welt beschränkt sind, nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Wir können die Vorräte der Natur nicht unersättlich aufbrauchen. Selbst Kaufhausregale können leer und Medikamente knapp werden und Schutzmasken ausgehen. Die Spezies Mensch sollte daraus Schlüsse und Konsequenzen ziehen für die Zeit „danach“, für uns und die, die nach uns kommen. Das ist unsere Chance und unsere Verantwortung.

     Das Virus könnte unser Bewusstsein dafür schärfen, was wirklich wichtig ist im Leben und was weniger. Wie in einem Spiegel erkennen wir auf einmal deutlicher, worauf es im Leben wirklich ankommt. Auf einmal geht es wie von selber, dass das Auto in der Garage bleibt, Restaurants, Cafés und Geschäfte geschlossen bleiben, Events nicht stattfinden können, unser Radius begrenzt wird. Da hätten wir doch vor zwei Wochen noch entrüstet aufgeheult und mit einem absoluten „No-Go“ aufbegehrt. Ohne driftigen Grund den Wohnort nicht verlassen dürfen, wo wir doch gewohnt sind, ganz selbstverständlich ins Auto zu steigen und zu fahren, wohin wir möchten, oder ins Flugzeug zu steigen, um zum Shoppen nach London zu fliegen oder am anderen Ende der Welt am Strand in der Sonne zu liegen, weil bei uns Winter ist. Derlei sollte unser Gewissen in Zukunft auf eine harte Probe stellen. Jetzt bleiben viele Autos in der Garage und die meisten Flugzeuge am Boden und die großen Kreuzfahrtmonster im Hafen, „rien ne va plus“.

     Wenn wir diese Lektion verstehen, dann geht es der Zukunft = uns und unseren Kindern   einmal besser. Ein Virus bringt unfreiwillige Klärung darüber, was wir wirklich brauchen und was nicht. Unser gewohnt unersättlicher Lebensstil und unser hektischer Zeitraster oder Stundenplan sind vorerst ausgesetzt. Dieses Zuhause-Bleiben-Müssen stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Wir werden erfinderisch. Ich habe noch nie so viele phantasievolle, virtuelle Botschaften erhalten. Auf einmal werden Ideen geboren, die vorher nie das Licht der Welt erblickt hätten. Not macht erfinderisch. Man kann neue Lieder hören, neue Spiele werden erfunden, neue Botschaften rufen zur Umkehr auf. Wenn wir aus Zeitmangel oft aneinander vorbeigelebt haben, jeder mehr mit sich und für sich, so haben wir auf einmal wieder mehr gemeinsame Zeit. Noch nie haben Familien so oft gemeinsam gegessen, miteinander geredet und auch gespielt, Zeit miteinander verbracht.

     Für uns Christen ist jetzt Fastenzeit. Die Fähigkeit und Bereitschaft, verzichten zu können, um Besseres, Wertvolleres, Wichtigeres, Größeres, Neues zu ermöglichen, ist der Sinn des Fastens. Wir waren doch gerade noch dabei, unsere Fastenvorsätze zu fassen. Da stellt sich uns auf einmal ein klitzekleiner Virus in den Weg und zwingt uns ein Fasten auf, wie wir das bisher nicht für möglich gehalten hätten. Für mich hat dieser „Stopp“ durch das Coronavirus auch etwas Prophetisches an sich. Wir sind aufgefordert, in uns zu gehen, unsere Maßlosigkeit in Behutsamkeit umzuformen. Das ist die Chance dieser globalen Krise, deren Preis und Folgen uns als Buße auferlegt werden.“ Corona“ kann das „Angesicht“ der Erde verändern, wenn…

 

© Josef Gredler