Josef Gredler

Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach… (Lk 9,23)

 

   Dieses Wort Jesu nach dem Evangelium des Lukas ist ein geläufiges Zitat, um die Kriterien zu nennen, worauf es bei der „Jesusnachfolge“ ankommt, worin „Jesusnachfolge“ denn besteht. Dabei kommt es nicht darauf an, ob Jesus selber das wirklich so oder so ähnlich gesagt hat. Es ist auf jeden Fall ein Jesuswort, das ganz im Kontext der Botschaft Jesu steht, es drückt authentisch das aus, was Jesus gewollt und gelebt hat. Auch wenn der Verfasser des Lukasevangeliums hier redaktionell formuliert haben sollte, dann trifft er damit dennoch genau die Botschaft Jesu. Ein bisschen ungeläufig ist das „hinter mir hergehen“, das in der Einheitsübersetzung bisher als „wer mein Jünger sein will“ wiedergegeben wurde. Wenn die überarbeitete Einheitsübersetzung das stattdessen mit „hinter mir hergehen“ übersetzt, ist das zweifelsohne die genauere und richtigere Übersetzung, die übrigens Fridolin Stier in seiner Übersetzung des Neuen Testamentes immer schon gewählt hat. Schade nur, dass man dann im nächsten Teilsatz sich nicht auch Fridolin Stier angeschlossen hat, wenn er das „dann verleugne er sich selbst“ treffender und verständlicher mit „dann sage er sich los von sich“ übersetzt. Wer also sein Leben nach Jesus ausrichten will, seinen Spuren folgen will, nach und von seiner Botschaft leben will, der soll (auch) sein Kreuz aufnehmen, annehmen, tragen und sich von den Fesseln seines Egos befreien.

   Diese Aufforderung zur „Kreuzesnachfolge“ klingt einigermaßen beängstigend und wird meist nur in frommer Gewohnheit gelesen und verstanden, ohne sie wirklich ernst bzw. wörtlich zu nehmen. Jesu Kreuzweg nach Golgota – da ist uns die Latte zu hoch gelegt. Die existentielle Dimension dieses Wortes von der Nachfolge Jesu, seine tatsächliche „Übersetzung“ ins reale Leben scheint einfach nicht möglich für „normal Sterbliche“. Es wäre dann also eines jener Jesusworte, die so überhöht und überfordernd sind, dass man von deren Erfüllung sich dispensiert sieht wie zum Beispiel von „Wer Vater oder Mutter… Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“.

   Wenn man also bei diesem Jesuswort aussteigt, sobald es um seine ernstgemeinte Umsetzung geht, dann hat das seinen Grund auch in der traditionellen Kreuzestheologie bzw. Kreuzesfrömmigkeit. Nach dieser war der Tod Jesu am Kreuz war ein von Gott geplanter Weg der Erlösung. Gott hat nach einem solchen Opfer verlangt, um sich wieder versöhnen zu lassen. Gott wollte also, dass sein Sohn am Kreuz für uns bzw. für die Sünden der Welt stirbt. So oder so ähnlich wurde und wird es doch in einschlägigen frommen Schriften, Vorträgen und Predigten formuliert. Das Kreuz, der Tod Jesu am Kreuz war demnach der Plan Gottes. Dass ein solcher Gott vielen als grausam erscheint, darf nicht verwundern und ist mit dem Bild, das Jesus von Gott zeichnet, nicht vereinbar. Und Jesus wollte – so diese traditionelle kreuzfixierte Frömmigkeit weiter – selber das Kreuz, es war quasi sein Ziel, auf das er sich wissentlich und willentlich zubewegte.

   Diese irrige Kreuzesfrömmigkeit muss von ihren Verstrickungen in ein falsches Verständnis von Kreuz, Opfer und Sühne befreit werden. Nein, Jesus hat das Kreuz nicht angestrebt, aber er hat es letztlich angenommen, er ist ihm nicht ausgewichen. Jesus wollte nicht am Kreuz sterben, aber er war bereit dazu. Das ist etwas völlig anderes, als die traditionelle Kreuzesfrömmigkeit behauptet und lehrt. Gott hat den Tod seines Sohnes Jesus am Kreuz auch nicht geplant. Nur wenn man sich dessen bewusst ist, kann man die Aufforderung oder Einladung Jesus, dass wir täglich unser Kreuz auf uns nehmen sollen, um in seiner Spur zu bleiben, seinen eingeschlagenen Weg nicht zu verlassen, richtig verstehen.

   Man muss Lk 9,23 von seiner angstmachenden und bedrohlich klingenden Fehlinterpretation befreien. Wer sich zur Nachfolge Jesu anschickt, dem wird damit nicht gleichzeitig prophezeit, dass sein Leben nur noch Kreuz ist. Aber unser Leben hat eben auch seine Mühe und Plage, seine Sorgen und Nöte. In diesem Sinn hat jeder und jede von uns sein/ihr Kreuz mit dem Leben. Friedrich Schiller hat literarisch profan formuliert: „Des Lebens ungemischte Freude, ward keinem Irdischen je zuteil.“ Unser Leben ist keine sorglose Spielwiese, kein Tummelplatz ungeteilter Freuden. Kleine und manchmal auch größere Kreuze sind darin aufgerichtet. Und diese Kreuze als Teil des Lebens gilt es aufzunehmen und mitzutragen, sehr wohl auch im Vertrauen, dass wir diesen Weg nicht alleine gehen müssen und dass uns, wenn es zu schwer wird, ein Simon von Zyrene begegnet oder geschickt wird, damit er uns helfe, das Kreuz zu tragen. Aber das Leben der Christen führt nicht zwangsläufig auf Golgota und auf Christen warten nicht mehr Kreuze als auf Nichtchristen. Christen wissen allerdings, dass sie ihr „Kreuz“ in den Ostermorgen tragen und dass sie es nicht allein tragen müssen. Dass es Menschen gegeben hat und gibt, die tatsächlich wie Jesus selber bereit und imstande sind, den Weg nach Golgota zu gehen und den „Tod am Kreuz“ anzunehmen, offenbart uns, zu welcher gnadenhaften Sprengkraft glaubende Hingabe über sich hinauswachsen kann.

   Wir müssen das Wort Jesus von der Nachfolge aus der moralisierenden Isolierung durch eine falsche Kreuzesfrömmigkeit herausholen und es in den Kontext der Verheißung Jesu stellen.

 

© Josef Gredler