Josef Gredler

Wer war dieser Jesus von Nazaret?

 

   Vielleicht ist er der bekannteste Mensch aller Zeiten. Aber schon bei dieser Frage oder Behauptung scheiden sich die Geister – nicht wegen des Bekanntheitsgrades, es geht um viel Elementareres. Wer war dieser Mensch? War er ein Mensch? Nur ein Mensch? Oder doch mehr? Wer war dieser, den sie Jesus von Nazaret nennen, der vor rund zweitausend Jahren als Wanderprediger den Anbruch einer neuen Zeit, der Gottesherrschaft, verkündet hat? Schließlich haben ihn die Machthaber gekreuzigt. Aber anstatt dass mit seinem Tod am Kreuz alles vorbei gewesen wäre, hat alles erst richtig begonnen. Und heute weisen wir allen Ereignissen der Weltgeschichte ihren Platz zu, indem wir dazuschreiben, ob und wie viele Jahre vor oder nach Christus sie geschehen sind. Er ist der Bezugspunkt für alles Geschehen aller Zeit, er ist die Zeitenwende. Christus, so haben sie ihn genannt, und alle, die an ihn glauben, nennen sich oder nennt man nach ihm Christen.

   Wer war er, dieser Jesus von Nazaret, dieser Christus? An dieser Frage haben sich schon damals die Geister geschieden. Für die einen war er einer, der von Gott als Mensch in diese Welt gekommen ist. Für andere war er ein Betrüger, Verführer, Volksverhetzer, auf jeden Fall gefährlich und deshalb musste er sterben. Und heute, nach zweitausend Jahren sind sich die Menschen immer noch nicht einig, wer dieser Jesus von Nazaret war oder ist, der millionenfach in Bildern und Skulpturen dargestellt ist, in allen Größen, Farben und Formen, als großes Kunstwerk oder als billiger Kitsch. Sein unverwechselbares Zeichen ist das Kreuz, an dem er auf schreckliche und schändliche Weise zu Tode kam. Das Kreuz, ein Schandpfahl für Geächtete, hat durch ihn seinen „Siegeszug“ um die Welt angetreten, millionenfach tragen es Menschen als Segenszeichen oder Schmuck um den Hals, viele Tausende stehen auf den Gipfeln unserer Berge, millionenfach hängt es in den Wohnungen. Über niemandem sonst wurden so viele Bücher geschrieben, so viele Kunstwerke geschaffen. Das bekannteste Buch, den Christen eine heilige Schrift, in fast alle Sprachen dieser Welt übersetzt, in zigmillionenfacher Auflage, nennt sich schlicht und einfach Buch, Bibel. Aber in der Frage, wer er war oder ist, gibt es keine Einigkeit, diese Frage spaltet und trennt immer noch.

   War er ein Prophet? Aber war er „auch“ ein Prophet oder „nur“ ein Prophet? War er ein Religionsstifter, ein Friedensstifter? Die Christen jedenfalls berufen sich auf ihn. Dass er den Frieden wollte, ist heute die am wenigsten umstrittene Behauptung. Es war jedenfalls ein „sehr guter, bewundernswerter, vorbildlicher, großer Mensch“, eine die Welt und Geschichte prägende Persönlichkeit. Aber war er das auch oder nur oder war er mehr? Die sich nach ihm Christen nennen, kennen eine Vielzahl von Titeln, mit denen er seit jeher bezeichnet wird: Herr, Heiliger, Höchster, Messias, Christus, Retter, Erlöser, Heiland, Sohn Gottes…

   Aber letztendlich geht es nur um die eine Frage: War mit dem Tod am Kreuz alles aus und vorbei, tot und begraben? Oder ist dieser Jesus von Nazaret tatsächlich der, der nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden ist, wie die Christen glauben und bekennen. Das jedenfalls haben seine Jünger behauptet, nicht nur behauptet, sondern nach anfänglichen Zweifeln und Unglauben waren sie sich dessen so gewiss, dass sie fortan ganz dafür gelebt haben und dafür gestorben sind, das heißt, sie waren bereit, für den Glauben und die Gewissheit, dass Jesus lebt, mit ihrem Leben einzustehen. Es geht letztlich darum: War er nur – und hier kann man alle erdenklichen Ehrentitel einsetzen – ein sterblicher Mensch oder ist er wirklich auferstanden? Und von dieser Frage bzw. Antwort dürfen wir weiterfragen: Gilt das auch für uns? Ist der Tod das absolute Aus, ein für alle Mal, oder dürfen wir glauben, dass da noch etwas kommt, nicht irgendetwas, sondern das, was dieser Jesus verheißen hat, der selber durch den Tod gegangen ist und auferstanden ist, wie wir Christen glauben.

 

© Josef Gredler