Josef Gredler

Wir bleiben nicht in der Nacht

 

   Mit Tag und Nacht, Licht und Dunkel werden seit Menschengedenken die Erfahrungen des persönlichen Lebens und der großen Welt beschrieben. Als seien diese gegensätzlichen Begriffe wie archetypische Bilder im Menschen ganz zuinnerst angelegt. Die ersten Worte der Bibel, der heiligen Schrift der Christen, beschreibt den Anbeginn des Seins und Werdens. „Es werde Licht“ heißt es vom Anfang, der das dunkle Chaos in das göttliche Werden holt. Es wurde Licht, es wurde Tag, als Gott „Hand anlegte“, um Leben hervorzubringen aus den Kräften des Seins, die schließlich – nach Jahrmilliarden – den Menschen geformt hatten, auch dich und mich.

   Und wir beide erfahren Tag und Nacht, Licht und Dunkel. Von außen nähern sie sich uns im großen Weltgeschehen, von Menschen oder den Kräften der Natur verursacht, und in den Beziehungen zueinander. Von innen kommen sie als Reflexion dessen, was in der Welt und um uns geschieht. Aber die menschliche Seele vermag Tag und Nacht auch als bloß subjektive Deutung und Erfahrung des Lebens hervorzubringen. Sie kann an der Nacht der Depression leiden und versterben.

   Und in diesem Wechselspiel von Licht und Dunkel stellt sich von selbst die Frage, was wird am Ende sein, ganz zum Schluss. Wie geht dieses Wechselspiel aus? Wer siegt am Ende über wen? Versinkt diese Welt und mit ihr auch wir am Ende in die endgültige Dunkelheit, in das sinnlose, zynische Nichts? Oder steuern diese Welt und wir auf ein Finale zu, in der das Licht zur Ewigkeit gerinnt. Wir Christen nennen es die ewige Vollendung, das ewige Licht. Was wird am Ende sein, Erlöschen im Chaos oder ewiges Licht? Bekommen die großen Botschafter des Nihilismus recht oder die Propheten des göttlich Ewigen? Vor diesen beiden Fragen, auch wenn sie mit je anderen Worten formuliert sind, steht jeder Mensch. Er ist die einzige Spezies des Werdens, die fragen kann, nach Antworten sucht, zurück- und vorausschauen kann, nach Sinn verlangt, Gut und Böse erkennt, Licht und Dunkel bewusst unterscheidet.

   Es werde Licht. Mit diesen Worten holt Gott die Welt aus der „Urflut der Finsternis“ in das Licht seines Schöpfungshandelns. Und es wurde Licht. Das Licht ist gut und ist seither der Inbegriff des Guten. Und wenn man um alle Dunkelheiten weiß, vom Kind, das entsetzt in die Augen seines Peinigers schaut und vor Angst und Qual vergeht, von den Gräueltaten, die alles Vorstellbare übersteigen, von den frenetischen Schmerzensschreien, die ungehört in der Atmosphäre verhallen, von Vernichtungslagern, Massakern, Folterungen, von Katastrophen durch die Gewalt der Natur, die entfesselt Leben niedermäht oder unter sich begräbt, tobsüchtig wie eine Furie.

   Wenn man das alles sich vorzustellen wagt, dann könnte man fast selbst vergehen und zu zweifeln beginnen, und in rasendem Wahn Gott suchen, nach ihm schreien, der doch alles ins Dasein gerufen hat. Es werde Licht, heißt es da am Anfang. Aber wird am Ende nicht auch dieses Licht im Dunkel verlöschen zur ewigen Nacht? Die Gottesfrage wird zur glühenden Lava. Und aus der Glut dieser Frage steigt die Hoffnung auf und hebt sich empor, bis der Horizont sich göttlich weitet und über all diese Finsternis hinaus die Verheißung aufleuchtet: Wir bleiben nicht in der Nacht.

 

© Josef Gredler