Josef Gredler

Nur ein Wimpernschlag

 

   ist unser Leben in der weiten Zeitspanne des Seins. Einen Wimpernschlag lang dauert unsere Zeit zwischen geboren werden und versterben. Ein Wimpernschlag nur, dass wir glücklich sind oder traurig, guten Mutes oder verzweifelt. Unser Lachen und Weinen, unser Rufen und Schweigen, ein Wimpernschlag nur. Lieben und Sorgen, ein Wimpernschlag in der Fülle von Werden und Vergehen. Das Lied, das wir singen, der Klang, der unser Ohr erreicht, nicht mehr als ein Wimpernschlag. Der Augenblick erfasst ihn und hebt ihn empor und lässt ihn gerinnen zum Jetzt, in dem wir ganz wir sind, ganz ich, ganz du. Ein Wimpernschlag nur, Bruder und Schwester der Ewigkeit. Lebe den Wimpernschlag, aber halte ihn nicht fest, schick ihn auch nicht fort! Denn in diesem Wimpernschlag bist du, bin ich, sind wir aufgefangen von der Ewigkeit, der wir gehören.

   Aufsteigen in die Höhe der Sphären oder Fall in bodenlose Tiefe, nur ein Wimpernschlag. Wenn Mauern einstürzen oder Träume dich mitnehmen, nur ein Wimpernschlag. Der liebevolle Blick zweier Augen, die zärtliche Berührung, umschlungenen Hände, ein inniger Kuss, ein Wimpernschlag. Wenn deine Füße dich fortragen oder zurückbringen, ein Wimpernschlag, zu viel oder zu wenig, zu lang oder zu kurz. Aufregende Abenteuer und sanfte Mußestunden, Wartezeiten und Enttäuschungen, Kommen und Gehen, Sähen und Pflanzen, Reifen und Ernten, alles nur ein Wimpernschlag in der Spannweite des Ewigen. Ein Wimpernschlag unser Klagelied, auch die sanfte Melodie oder das Fortissimo des Glücks. Auch der Aufschrei aus der Not, der Schmerz verzweifelter Stunden, nur ein Wimpernschlag der Ewigkeit.

   Und da ist einer, der alle diese Wimpernschläge einsammelt, um sie einzuweben in die Ewigkeit, in die wir eingehen und die ganz erfüllt ist von ihm. Er ist diese Ewigkeit. Jeder von uns ein Wimpernschlag für Gottes Ewigkeit.

 

© Josef Gredler