Josef Gredler

Als ob der Himmel die Erde berührt

 

   Es sind herrliche Frühlingstage. Die Berge sind nach einem langen Winter noch mit Schnee bedeckt. Aber in den Tälern ist schon das Leben zurückgekehrt. Die Wiesen bedecken sich mit kräftigem Grün und an den Wegrändern, die sich der Sonne zukehren, recken die ersten Blumen ihre bunten Blüten aus der zu neuem Leben erwachten Erde. Dieses erwachende Leben erfasst auch die Menschen, die schon zu langen Spaziergängen aufbrechen, sich auf sonnenbeschienen Bänken niederlassen und den Frühling genießen. Drinnen, hinter einem großen Fenster liegt eine hochbetagte Mama, Oma, Uroma und Ururoma, die nach 97 langen Jahren nicht mehr in einen neuen Frühling aufbricht. Ihr Lebensbogen senkt sich immer mehr zu Boden und es ist nur noch eine Frage von Stunden, bis er diesen berührt. Die schneebedeckten Berge schauen zum Fenster herein und die wärmende Frühlingssonne dringt durch den Spalt, zu dem die Tür geöffnet ist, um frische Frühlingsluft einzulassen.

   Die Oma, wie wir alle sagen, hat vor einer Woche aufgehört zu essen, seit drei Tagen trinkt sie auch nichts mehr und ihre Augen sind geschlossen. Man kann schon mit ihr reden, aber sie kann nicht mehr antworten. Aber wenn man ihre Hand nimmt und sie liebevoll drückt, scheint es, als spüre sie, dass jemand da ist, jemand von ihren Lieben. Und wenn man ihr dann zärtlich über das Gesicht streichelt, dann kann es sein, dass ihre Gesichtszüge sich entspannen, als wollte sie lächeln. Anna hat sich schon längst aufgemacht auf die Reise, die jenseits dieser Welt in der Ewigkeit Gottes ihr Ziel hat. Sie ist noch nicht dort, aber sie ist schon unterwegs. Sie braucht uns noch und wir brauchen sie. Es ist eine ganz besondere, kostbare, überaus zerbrechliche Nähe, die nur noch von der Liebe lebt. Oma atmet langsam und ruhig, nur noch so viel, dass sie noch bei uns bleiben kann, vielleicht noch eine Stunde. Nach und nach versammeln wir uns alle um ihr Bett, aber wir sind noch nicht vollzählig und unsere Oma lässt sich noch Zeit, bis wir wirklich alle da sind. Woher sie das weiß? Wir wissen es nicht. Aber als wir alle da sind, um ihr Bett versammelt, und ihre Hände liebevoll gehalten und gedrückt werden und ihr Gesicht gestreichelt wird, da ist es für sie so weit, den großen Übergang zu wagen.   Die geistliche Sprache der Kirche nennt dieses Hinübergehen auch Transitus. Ihre Hände färben sich auf einmal dunkelblau, der Atem wird noch langsamer, noch schwächer. Da öffnet sie noch einmal die Augen und schaut nach oben, als würde sie dort etwas sehen, was man nicht sehen kann, solange man noch ganz in dieser Welt ist. Wir wissen nicht, was sie gesehen hat, sie kann es uns nicht mehr sagen. Aber es ist kein Blick ins Leere. Dann schließt sie die Augen wieder und setzt zu den allerletzten Schritten an, die noch getan werden müssen, hinaus aus dieser Welt, aus diesem Zimmer. Jetzt wird ihr Atmen ganz schwach, stockt immer wieder und ihr Gesicht sagt uns, es können nur noch Augenblicke sein.

   Es ist, als würde der Himmel die Erde berühren an diesem 4. April 2019 um 16:10 Uhr. Die Zeit bleibt stehen. Dann ist die Oma durch diese Tür, die wir nicht sehen können. hinausgegangen, dorthin wo es kein Leid, keine Tränen mehr gibt, jene Tränen, die viele von uns nicht mehr zurückhalten können. Unsere Oma ist tot – nein nicht tot, sondern hineingestorben in die Liebe Gottes, an den sie ihr Leben lang geglaubt hat. Sie wollte diesen letzten Schritt mit uns tun. Das hat sie sicher so gewollt, eine liebevolle Lektion zum Schluss. Typisch Oma! Ihre Hände halten den Rosenkranz fest umklammert. An diesem Rosenkranz hat sie ihr Leben festgemacht. Viele zigtausend Mal hat sie in ihrem Leben gebetet „gegrüßet seist du Maria…“  In dieses Gebet stimmen auch wir jetzt ein, immer wieder unterbrochen von der innigen Bitte, dass dieser Gott ihr ewige Freude schenken möge. Eine Kerze brennt, Zeichen des Auferstanden. In ihrem Arm liegt ein kleiner Teddybär. Eine Urenkelin hat ihn ihr geschenkt, damit sie ihn mitnimmt auf die Reise. Auch wenn wir Tränen in den Augen haben. Es ist nicht zum Weinen. Trotz aller Traurigkeit ist auch Freude und Dankbarkeit in uns. Diese letzten Augenblicke prägen sich tief ein in unser Inwendiges, wir nehmen sie mit auf den Weg, der noch vor uns liegt.

© Josef Gredler