Josef Gredler

„Du meine Hoffnung und mein Licht“

 

… singen wir zum Gottesdienst, wenn wir im Gotteslob, dem katholischen Gebet- und Gesangsbuch für die österreichischen Diözesen, die Nummer 423 aufschlagen. Die schon fast ein halbes Jahrtausend alte Melodie ist uns mehr vertraut als der Text, der sich an den Psalm 91 anlehnt. Das ist vielen älteren Liedern aus dem Gotteslob eigen und der Text mehr die Aufgabe (bekommen) hat, die Melodie zu tragen. Wenn wir einmal dem Wortlaut die vertraute Melodie entziehen, damit seine Gedanken ganz auf sich allein gestellt sich den Weg bahnen müssen, dann können wir im Text solcher Lieder die tiefsten Sehnsüchte des Menschen aufspüren, die meist auch unsere sind. Die Patina vieler Jahre verdeckt das in der damaligen Sprache zum Ausdruck Gebrachte, sodass uns eben das in dieser Sprache Ausgedrückte nicht mehr erreicht. Wenn wir aber versuchen, das seinerzeit Gemeinte mit unserer heutigen Sprache freizulegen, dann sind wir erstaunt, wie sehr uns diese Zeilen aus der Seele sprechen. So heißt es in der 1. Strophe:

 

Wer unterm Schutz des Höchsten steht,

im Schatten des Allmächtigen geht,

wer auf die Hand es Vaters schaut,

sich seiner Obhut anvertraut,

der spricht zum Herrn voll Zuversicht:

„Du meine Hoffnung und mein Licht,

mein Hort, mein lieber Herr und Gott,

dem ich will trauen in der Not.“

 

Gott den Höchsten zu nennen ist heute nicht mehr ganz das Unsere, uns jedenfalls nicht mehr geläufig. Höchster fühlt sich für uns kalt an und scheint uns befremdend, aber uns unter dem Schutz Gottes zu wissen, das wünschen wir uns von ganzem Herzen, vor allem angesichts der vielen Bedrohungen, die uns umgeben. Im „Schatten“ jemandes zu sein klingt heute durchwegs abwertend. Wir möchten vielmehr aus dem Schatten anderer heraustreten – sofern wir unter jemandes Schatten stehen. Aber hier ist der kühlende, schützende Schatten gemeint, der in der sengenden Hitze einer unbarmherzigen Sonne wohltuend ist und schützt. Wir haben als Kinder sicher die Hand unserer Eltern Schutz und Hilfe suchend ergriffen, wenn wir uns bedroht gefühlt haben. Wenn wir in der dritten Zeile Vater mit Mutter ergänzen und in der sterilen Obhut den bewahrenden Schutz, die liebende Fürsorge erkennen, dann möchten wir uns einer solchen doch allzu gerne anvertrauen können. Wir würden dann zwar nicht zum „Herrn voll Zuversicht“ sprechen, aber uns diesem Gott, einer Mutter und einem Vater gleich, gerne voll Vertrauen zuwenden. Ein solcher Gott wäre meine Hoffnung und Licht. Wie gern würde ich ihm in den Nöten meines Lebens vertrauen können. Bruder, Vater, Mutter berührt unser Herz mehr als „Herr“, zudem wir keine Nähe verspüren. In der zweiten Strophe singen bzw. lesen wir dann weiter:

 

Er weiß, dass Gottes Hand ihn hält,

wo immer ihn Gefahr umstellt;

kein Unheil, das im Finstern schleicht,

kein nächtlich Grauen ihn erreicht.

Denn seinen Engeln Gott befahl,

zu hüten seine Wege all,

dass nicht sein Fuß an einen Stein,

anstoße und verletzt mög sein.

 

Gottes Hand möge uns schützend halten, weil unser Leben doch von Gefahren umstellt, das heißt von allen Seiten bedroht ist, von menschlichen und unmenschlichen, vor ganz persönlichen, natürlichen, globalen Gefahren bedroht ist. Dieses Szenario hat etwas sehr Bedrohliches, das wir mit dem Dunkel der Nacht, mit nächtlichem Grauen vergleichen können, das uns nicht erreichen, nicht umschließen soll. Das Bild des schützenden Engels ist vielleicht mehr das Unsere, aber Gott möge seine Engel, seine Boten und Mächte anhalten, uns schützend zu begleiten auf all unseren Wegen, dass wir nicht an Steinen, die uns im Wege liegen, anstoßen und dabei verletzen,.

 

Denn dies hat Gott zu uns gesagt:

„Wer an mich glaubt, sei unverzagt,

weil jeder meinen Schutz erfährt;

und wer mich anruft, wird erhört.

Ich will mich zeigen als sein Gott,

ich bin ihm nah in jeder Not;

des Lebens Fülle ist sein Teil,

und schauen wird er einst mein Heil.“

 

Die ganze dritte und letzte Strophe ist eine einzige und unglaubliche Verheißung Gottes. Unverzagt, nicht mutlos, sollen wir sein, weil wir mit Gottes Schutz rechnen dürfen. Wir werden ihn in der Not nicht vergeblich zu Hilfe rufen. Er wird sich nicht verstecken, sondern sich zeigen, er wird uns nah sein, wenn wir in Not geraten. Ein erfülltes Leben werden wir haben, hier und jetzt, und „einst“ werden wir sein Heil „schauen“, das heißt erfahren, dass unser Leben bei ihm ewige Vollendung findet. Das alles spricht uns doch aus der Seele, wenngleich nicht mit diesen Worten. Eine unglaubliche Zusage Gottes, mehr können wir gar nicht ersehnen.  

 

© Josef Gredler