Josef Gredler

Wohin soll ich mich wenden?

 

Mit diesen Worten beginnt das berühmte Eröffnungslied der sogenannten „Schubertmesse“, die vor allem den an Lebensjahren schon etwas reiferen „Kirchgängern“ unter uns sehr vertraut ist. Der berühmte Franz Schubert (1797 – 1828) hat vor rund zweihundert Jahren die Noten geschrieben, den Text dazu sein Zeitgenosse Josef Philipp Neumann. Es ist weniger der Text, der so tief in uns eingedrungen ist, sondern die Melodie, die sich so tief eingegraben hat und heute noch vielen so ans Herz gewachsen ist, dass dieses Eröffnungslied immer noch in unseren Kirchen zur Eröffnung einer Gemeindemesse gesungen wird und auch im neuen Gotteslob unter Nummer 145 bzw. 711/1 zu finden ist. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in meiner postpubertären Lebensphase heftig aufbegehrte gegen dieses Lied, weil ich seine Sprache für völlig zeit-, welt- und lebensfremd hielt. Weder Neumanns Worte noch Schuberts Melodie werden junge Menschen erreichen. Wenn man aber versucht, Neumanns Worte in die heutige Sprache zu übertragen, ist man erstaunt von deren elementarer, existentieller Tiefe und Kraft.

Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?

Wem künd‘ ich mein Entzücken, wenn freudig pocht mein Herz?

Zu dir, zu dir, o Vater, komm ich in Freud und Leiden,

du sendest ja die Freuden, du heilest jeden Schmerz.

 

Das ist doch die immer wiederkehrende Grundbefindlichkeit auch des modernen Menschen, dass er fragt und schaut, wohin und an wen er sich wenden soll, wenn etwas drückt oder schwer auf ihm lastet. Da spüren wir dann, dass wir nicht in uns bleiben können, sondern unser enges Ich verlassen müssen, um uns an jemanden, an ein Du zu wenden. Wir nennen heute zwar das, was uns drückt, nicht mehr Gram und Schmerz, aber wir reden von Kummer und Sorgen, von Angst und Not… Aber auch im umgekehrten Fall suchen wir das Du, wollen und können wir nicht allein bleiben, nicht um dem anderen unser Entzücken zu künden und unser freudig pochendes Herz mitzuteilen, sondern unsere Freude, unsere Erleichterung, unser Glück. Manchmal ist es, als könnten wir die ganze Welt umarmen. Der Verfasser der Zeilen weist uns in Freuden und Leiden über die Begrenzung alles Irdischen hinaus an den lebendigen Gott, den er – vor zweihundert Jahren – nur „Vater“ nennt, von dem wir aber wissen, dass wir ihn Vater und Mutter nennen dürfen. Von dort, nicht von uns und aus uns kommen die wirklichen Freuden und nur von dort kommt Heilung für die Wunden, die das Leben zufügt. Glück und Heil, vor allem in ihrer Endgültigkeit, sind nicht innerweltlich festzumachen, sondern haben ihren Anker außerhalb des Irdischen in der Transzendenz, in Gott.

 

Ach, wenn ich dich nicht hätte, was wär mir Erd und Himmel?

Ein Bannort jede Stätte, ich selbst in Zufalls Hand.

Du bist’s, der meinen Wegen ein sichres Ziel verleihet

und Erd und Himmel weihet zu süßem Heimatland.

 

Wenn es keinen Gott gäbe, wie Jesus ihn verkündet hat und an den wir glauben, wäre alles und wir auch nichts als ein Produkt des Zufalls und diesem ausgeliefert. Die sichtbare und unsichtbare Welt würde in diesem versinken. Jeder Ort diese Welt wäre wie eine Verbannung, hoffnungslos. Aber in der dritten Zeile erfahren wir, dass es nicht so ist. Meine und aller Menschen Wege haben ein sicheres Ziel und dieses Ziel bist Du, der schon die Erde – so die für uns heute in ihrem Pathos nicht mehr verständliche vierte Zeile – hier unten in Heimat verwandelt und den Himmel zur ewigen Heimat, Vollendung bestimmt (hat). 

 

Doch darf ich dir mich nahen, mit mancher Schuld beladen?

Wer auf der Erde Pfaden ist deinem Auge rein?

Mit kindlichem Vertrauen eil ich in Vaters Arme,

fleh unerfüllt: Erbarme, erbarm, o Herr, dich mein!

 

Die Erfahrung von Schuld ist so alt wie die Menschen. Schuld kann Menschen in die Versuchung treiben, sich zu verstecken. Schon das Buch Genesis weiß von der Schuld der ersten Menschen und wie sie sich verstecken wollten vor Gott, weil sie nicht an seine vergebende Liebe glaubten. Mangelnder Glaube lässt uns Verstecke suchen in unserer Schuld. Auch die Verdrängung von Schuld ist so ein Versteck. Tief in uns steckt dieses archetypische Zerrbild Gottes, der mit Argusaugen von oben auf uns nieder schaut, ob wir wohl rein (genug) sind. In der dritten Zeile kommt dann die rettende Lösung, die heilende Erlösung: mit kindlichem Vertrauen in die Arme des Vaters (der Mutter) zu eilen, Vergebung und Erbarmen zu erbitten und zu finden. Die dritte und die vierte Zeile fassen zusammen, was Jesus im Gleichnis vom Barmherzigen Vater als zentrale Botschaft des Reiches Gottes verkündet hat.

 

Süß ist dein Wort erschollen: Zu mir ihr Kummervollen!

Zu mir! Ich will euch laben, euch nehmen Angst und Not.

Heil mir! Ich bin erquicket! Heil mir! Ich darf entzücket

mit Dank und Preis und Jubel mich freun in meinem Gott.

 

Die vierte und letzte Strophe ist uns sprachlich am meisten verschlüsselt. Wir haben in Jesus Gottes befreiendes, „süßes“ Wort gehört, das in der Welt angekommen ist. Wir alle, die wir schwer beladen sind mit der Last, dem Kummer, dem Leid und der Not dieser Welt, sollen zu Ihm kommen. Er will uns laben, stärken, aufrichten… und alle Angst von uns nehmen und alle Not verwandeln. Das Heil ist zu mir gekommen, mir ist Heil widerfahren, ich stehe in der Strömung des Heils. In dieser Gewissheit darf ich in Jubel und Dank ausbrechen und mich in meinem Gott freuen. In der letzten Zeile der letzten Strophe mündet das alte Lied in der Freude an Gott – ein erstaunliches Finale für ein zweihundert Jahre altes Kirchenlied.

 

Neumann konnte zwar nur mit den Worten seiner Zeit sich ausdrücken, aber seine Worte sind prophetisch und voll spiritueller Vision. Wenn wir seine Worte verwenden, singend, betend, aber ihre Übersetzung in unsere Sprache quasi wie Untertitel „mitlaufen“ lassen, können sie auch in uns ihre prophetische Kraft entfalten.

 

© Josef Gredler