Josef Gredler

Was ist Wahrheit?

 

Was ist Wahrheit? So fragt Pilatus Jesus, als dieser sich verteidigt, er sei gekommen, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Zwei Personen stehen einander gegenüber, das Wort „Wahrheit“ im Mund, das sie jedoch völlig verschieden, ja gegensätzlich verstehen. Für Pilatus, einem hohen römischen Beamten, ist Wahrheit nicht mehr als die Summe der recherchierten Fakten, aufgrund derer er Angeklagte freispricht oder verurteilt, im schlimmsten Fall zum Tod am Kreuz. Jesus hingegen meint mit Wahrheit etwas viel Umfassenderes, Höheres, Tieferes, die Grenzen des Irdischen Überschreitendes. Wahrheit ist für Jesus das für den Menschen Endgültige, Allesentscheidende seines Lebens, des ganzen Seins. Seine Wahrheit lässt sich nicht mit Raum und Zeit begrenzen, nicht in rationale Ketten legen, auf bloße Faktenlage verkürzen. In dieser Szene aus dem Prozess Jesu vor der römischen Staatsgewalt spiegelt sich auch unser heutiges, modernes, sehr polarisiertes Wahrheitsverständnis. Der ganz naturwissenschaftlich geprägte Wahrheitsbegriff der säkularen westlichen Kultur lässt außerhalb des Rationalen, Beweisbaren keine Wahrheit zu.

Was ist Wahrheit? Die Wahrheit Jesu, die Wahrheit von ihm und über ihn überschreitet diese Grenzen einer wissenschaftlich materialistischen Weltsicht. Und deshalb wird sie in eine spirituelle, fiktionale Welt verschoben. Wissenschaft und Spiritualität sind Gegensätze, zumindest aus der Sicht der Wissenschaft. Die Wissenschaft kennt kein absichtsvolles Universum und kann daher auch keinen Schöpfergott annehmen. Dass dann dieser Gott in einem Menschen in die Welt gekommen ist, um eine Wahrheit zu verkünden, die von außerhalb der Grenzen der Wissenschaft kommt, ist wissenschaftlich nicht fassbar und daher nicht möglich. Jesus spricht von einer Welt, von einer Dimension, für die wissenschaftlich kein Platz gefunden werden kann. Wenn die Kirche dann behauptet und fromme Christen glauben, dass dieser Jesus gestorben und dann auferstanden ist, ist das für wissenschaftlich fixierte Menschen eben nur fromme Phantasie. Eine Religion, die die Grenzen der Physik nicht anerkennt, in eine Metaphysik abdriftet, die reale Welt in eine Transzendenz überhöhen will, dem Menschen eine Seele gibt, ihm Unsterblichkeit, ewiges Leben verspricht, hat mit wissenschaftlicher Wahrheit nichts zu tun. Dann noch zu glauben, mit diesem Gott reden zu können, von ihm Hilfe und Erlösung zu erwarten, ist spirituelles Wunschdenken. Die Wissenschaft (an)erkennt keine andere Art des Wissens. Die Welt, der Mensch, das Universum kann nur wissenschaftlich gesehen werden.

Alles „in Wahrheit“ Existierende ist letztlich etwas Physisches bzw. ein Produkt davon. Der Gott der Glaubenden wird von der Neurophysiologie als ein Produkt, eine Projektion einer der beiden Gehirnhälften erklärt. Gott ist quasi ein Nebenprodukt körperliche Prozesse im Gehirn, so die begrenzte, linearlogische neurochirurgische Sichtweise. Das Bewusstsein, das Selbst des Menschen wird vom Gehirn produziert. Dieses Bewusstsein, dieses spirituelle Selbst ersehnt einen Gott und erfindet ihn. Bewusstsein, Persönlichkeit, Seele sind nur insofern real und wahr, als sie physiologische Funktionen sind, so die neurowissenschaftliche Bewusstseinsforschung. Der Mensch ist nur sein physischer Körper, in dem Prozesse ablaufen wie Bewusstsein, Wissen, Glauben, Hoffen, Lieben… In einer sehr einfachen wissenschaftlich eingeschränkten Sicht der Welt gibt es nichts Transirdisches, Metaphysisches, Göttliches, Ewiges. Letztlich glaubt also die Neurophysiologie, dass alles Reale, Wahre aus dem Menschen, aus seinem Gehirn kommt. Es gibt für sie keine außermenschliche Realität bzw. Wahrheit, kein Mysterium, keine höhere Ebene, keine außerweltliche und überweltliche Realität, keine Tür zu einer völlig neuen Welt. So setzt Neurowissenschaft sich bzw. den Menschen absolut, Irrtum ausgeschlossen.

Der große dänische Theologe und Wegbereiter der Existenzphilosophie, Sören Kierkegaard, hat warnend auf zwei große mögliche Irrtümer hingewiesen: entweder zu glauben, was nicht wahr ist, oder das, was (wahr) ist, nicht zu glauben. Begeht die Wissenschaft nicht beide Fehler? Sie glaubt, dass der Mensch alles erfassen kann, was real und wahr ist. Und sie glaubt nicht, dass es Reales und Wahres außerhalb der wissenschaftlichen Wahrnehmung geben kann. Der Neurochirurg und Haward-Dozent Dr. Eben Alexander beschreibt in seinem Buch “Blick in die Ewigkeit“, warum er sich von seinen diesseitsfixierten gehirnphysiologischen Dogmen distanziert. Er ist nach sieben Tagen Koma entgegen jeder medizinischen Sicht und Erklärbarkeit völlig genesen wieder erwacht. Seine Erlebnisse und Erfahrungen im Koma haben ihn veranlasst, seine neurowissenschaftlichen Dogmen zu revidieren und den wissenschaftlichen Reduktionismus aufzugeben, der das menschliche und göttliche Mysterium ausschließt. In seinem wissenschaftlich agnostischen Skeptizismus war er erblindet für die umfassende, die Grenzen des Irdischen überschreitende Dimension allen Seins. Er erkannte, so seine eigenen Worte, wie unser Leben und alles Sein in einen göttlichen Plan eingebunden ist. Der Mensch und die Menschheit sind sozusagen im Begriff, dem Göttlichen entgegenzuwachsen.

 

© Josef Gredler