Josef Gredler

„Ans Kreuz mit ihm!“

 

In diesen Tagen der Karwoche wird in unseren Kirchen beim Gottesdienst wieder die Leidensgeschichte vorgelesen, am Palmsonntag nach Markus und am Karfreitag nach Johannes. Und wieder werden wir den furchtbaren und inhaltsschweren Ruf hören: „Kreuzige ihn!“ So schreit das Volk bzw. die Volksmenge bei Markus und Lukas. Bei Matthäus und Johannes schreien die Menge, die Hohen Priester und ihre Diener „Ans Kreuz mit ihm!“. Und dann nennt Johannes diese Menge einfach „die Juden“. Bei allen vier Evangelisten wiederholen sie ihr grausames Verlangen, fordern unerbittlich und kompromisslos zweimal das Kreuz, die furchtbarste, grausamste Hinrichtung, die Menschen je ersonnen hatten. Bei Matthäus soll das „ganze jüdische Volk“ vor Pilatus, alle Verantwortung für Jesu Kreuzigung übernehmend, sogar gerufen haben: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Christen und Kirche haben darin eine Selbstverfluchung des jüdischen Volkes gesehen. Und wenn „die Juden“ unter Gottes Gericht und Fluch stehen, dann müssen sich Christen und Kirche diesem Fluch anschließen, so glaubte und dachte man fast zweitausend Jahr lang. Johannes lässt Pilatus sagen „dein eigenes Volk und… haben dich an mich ausgeliefert“. Dass an anderer Stelle im Gegensatz dazu geschrieben ist, dass „sie“ – gemeint sind die Hohenpriester – in ihrem Plan, Jesus gefangen zu nehmen und zu töten, das Volk fürchteten, konnte die Überzeugung  der Kirche, dass das jüdische Volk die primäre Verantwortung für Jesu Tod, für den Tod des Sohnes Gottes trägt, nicht mehr entkräften.

Aus diesen Versen der vier Evangelien haben Christen und hat die Kirche die kollektive Schuld der „Juden“ am Kreuzestod Jesu abgeleitet. Wegen dieser Verse wurden „die Juden“ als Gottesmörder in der Geschichte verfolgt und wurde die verfolgte Kirche auch eine verfolgende Kirche. Zwischen dem Holokaust und diesen Versen besteht ein, wenn auch nicht direkter und ausdrücklicher, aber kausal unzweifelhaft realer Zusammenhang. In den Kreuzwegandachten hat man in unseren Kirchen vor dem Konzil ohne Bedenken noch gebetet „Herr, die Klagen sind erdichtet, dennoch wirst du hingerichtet auf der Juden Mordgeschrei…“ Kirche und Christen waren „Gefangene“ eines tiefen Antijudaismus. Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat dann nach zweitausend Jahren offiziell diesen unheilvollen Schuldspruch über das jüdische Volk zurückgenommen.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Erst eine kritische, historisch-kritische Exegese war imstande zu erkennen, dass die vier Evangelisten bei der Abfassung ihrer Evangelien eine deutliche antijüdische Position eingenommen hatten. Diese antijüdische Grundhaltung war schon in der jungen Kirche festzustellen. Dass diese junge Kirche, um sich vor Übergriffen und Verfolgung durch die Römer zu schützen, die Rolle des Pilatus als Vertreter der Römer im Prozess gegen die Jesus beschönigt und die Schuld auf „die Juden“ schiebt, erklärt die antijüdische Stimmung und Darstellung der Evangelien nur zum Teil. Dass heute aus dem Mund von Bischöfen und Theologen Entschuldigungen gegenüber dem jüdischen Volk zu hören sind, wird von unseren jüdischen Brüdern und Schwestern sehr positiv aufgenommen, aber insgesamt ist dieser Prozess der Gewissenserforschung, der Schuldeinsicht, des Schuldbekenntnisses noch lange nicht abgeschlossen. Was da in der Kirche „oben“ begonnen hat, ist „unten“ nur teilweise angekommen.

Im Verständnis und in der Interpretation der Leidensgeschichte gibt es noch viel aufzuarbeiten und ins rechte Licht, ins Licht der Wahrheit zu rücken. Wie dazu in unseren Kirchen so landläufig immer noch gepredigt wird, bedarf schon exegetischer Korrekturen: Es ist immer noch üblich, die Hosannarufe vom Palmsonntag und die Cruzifige-Rufe vom Karfreitag in einem falschen Zusammenhang zu sehen, als ob die, die beim Einzug Jesu in Jerusalem noch voll Begeisterung Hosanna rufen, dieselben wären, die am Karfreitag schreien „ans Kreuz mit ihm“. Das ist eine naive Annahme, eine schlichtweg falsche Darstellung. Beim Einzug Jesu in Jerusalem war nicht ganz Jerusalem, waren nicht „die Juden“ auf den Beinen. Das war sicher eine ganz überschaubare Anzahl von Menschen, von natürlich jüdischen Anhängern Jesu. Am Karfreitag waren nicht „die Juden“, die Bewohner Jerusalems vor Pilatus anwesend, sondern auch nur eine sicher überschaubare Anzahl von natürlich jüdischen Landsleuten. Dass die, die am Palmsonntag Hosanna rufen, dieselben sind, die am Karfreitag nach dem Kreuz für Jesus schreien, ist eine billige, völlig ungeprüfte, durch nichts zu belegende Phantasie. Bischof Reinhold Stecher, der sich Zeit seines Lebens für ein Ende solcher falschen Beschuldigungen der Juden durch die Kirche eingesetzt hat, hat mit Nachdruck immer wieder darauf hingewiesen, dass das nur „ein paar Claquere“ waren, die damals vor Pilatus geschrien haben. Die Kirche hat diese Claquere zum „jüdischen Volk“ gemacht und dadurch unvorstellbares Leid über das jüdische Volk gebracht und große Schuld auf sich geladen.

Wenn wir in diesen Tagen wieder die Leidensgeschichte hören, dann sollte uns auch zusätzlich bewusst sein, wie viel Leid über das jüdische Volk gekommen ist, weil man ihm in der Leidensgeschichte etwas unterstellt (hat), was niemals so gewesen ist. Jeder Christ, jede Christin muss sich persönlich in der Verantwortung begreifen, sich von diesem ungeheuer verhängnisvollen Irrtum zu befreien. Unser betrachtender Weg nach Golgotha darf nicht von solcher Schuld belastet sein, weil wir sonst das Kreuz, das Jesus selber dorthin trägt, in seiner erlösenden Dimension nicht begreifen. Wie sollen wir durch das Kreuz erlöste Menschen sein, wenn wir in „den Juden“ die falschen Schuldigen gefunden glauben?

 

© Josef Gredler