Josef Gredler

Die Kirche muss mehr hinausgehen an die Ränder der Gesellschaft, um…

 

Papst Franziskus fordert die Kirche auf, mehr an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Er ist offensichtlich der Meinung, dass sie es bisher zu wenig getan hat. Dabei versteht sich diese Kirche doch seit zweitausend Jahren missionarisch. Seit der auferstandene Jesus den Elf erschienen ist, als sie bei Tisch waren, und sie aufgefordert hat: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15) Und es war zweitausend Jahre lang ganz klar, wie Jesus das gemeint hat, so glaubte man zumindest. So hat sich die Kirche zweitausend Jahre lang in jene Länder und Regionen der Erde begeben, wo man vom Evangelium Jesu nichts wusste. Uns allen ist dieses Bemühen der Kirche als Mission bekannt. Die Älteren unter uns erinnern sich noch, wie Missionare aus der Mission zurückkamen und bei uns in Lichtbildervorträgen von ihrer Tätigkeit in der Mission berichteten. Wir kennen diese Bilder von meist schwarzafrikanischen Kindern, Frauen und Männern, wie sie dasitzen und dem weißen Missionar zuhören. Wir wissen auch, dass dieses „verkündet das Evangelium“ in der langen Geschichte der Kirche oft mit fragwürdigen und auch gewaltsamen Methoden verwirklicht wurde, wie Jesus es ganz sicher nicht gemeint hatte. Das Wort Mission ist ohne Zweifel auch sehr belastet und die missionarische Praxis der Kirche muss sehr differenziert und auch kritisch beurteilt werden.

Zwei tausend Jahre später sagt Papst Franziskus, dass die Kirche mehr an die Ränder der Gesellschaft gehen muss. Damit korrigiert er nicht den Auftrag Jesu, aber die Kirche muss diesen Auftrag zweitausend Jahre später in einer ganz anderen Welt neu verstehen und erfüllen. Die Kirche darf sich nicht in sich selbst zurückziehen, sondern muss selber ihre Türen nach außen öffnen, um sich nicht selber einzusperren, sondern aus sich herauszugehen, ihre angestammten Zonen und Regionen zu verlassen und sich an die „Ränder“ zu wagen. Diese Ränder gibt es im eigenen Land, in unseren Städten und Dörfern, überall. Kirche darf nicht nur ihre eigenen Angelegenheiten regeln, sondern muss sich die Menschen an den Rändern angelegen sein lassen, zum Anliegen machen. Die von Mutter Teresa gegründeten Missionarinnen der Nächstenliebe haben dieses „geht hinaus und…“ schon vor fünfzig Jahren im Sinn von Papst Franziskus verstanden, wenn sie nach der morgendlichen Sammlung vor Gott hinausgehen auf die Straßen der Stadt, an die Ränder der Stadt und die Menschen auflesen, die das Leben dort wie Müll angeschwemmt hat. Mutter Teresa hatte ein erstaunlich modernes Missionsverständnis, mit dem sie ihrer Zeit weit voraus war: „Der Hindu soll ein besserer Hindu, der Moslem ein besserer Moslem und der Christ ein besserer Christ werden.“ Ihre Missionarinnen verkünden mit ihren helfend ergreifenden Händen. Das Evangelium spiegelt sich in ihren Händen. Wie der Barmherzige Samariter gehen sie von Jerusalem hinunter nach Jericho, jeden Tag. Diesen Weg muss auch die Kirche gehen und damit jeder und jede, der und die sich zur Kirche zählt.

Eine Kirche, die nicht an die Ränder geht, sondern in sich bleibt, läuft Gefahr, ihre ganze Energie dafür zu verbrauchen, im eigenen Saft zu schmoren und ständig Vorschriften zu machen, was ihre Schäfchen glauben müssen und wie sie leben müssen, also über Wahrheit und Moral zu wachen, auch wenn die Wahrheit dabei verbogen und die Moral beschädigt wird. In diesem Fokus auf Wahrheit und Moral wird sie blind für diese Ränder und findet nicht den Weg dorthin. Den kirchlichen Glaubenswächtern fehlt unter anderem gerade dieser Weitblick, der auch den Blickwinkel weitet.  Eine Kirche, die diese Ränder aufsucht, oder Christen, die sich dorthin begeben, können nicht gleichzeitig wie ein Wachhund vor ihrer Tür liegen und aufpassen, dass keine Unwahrheit in ihr Haus dringt. Christen dürfen sich nicht selbst genügen, dürfen es sich nicht bequem einrichten, um dann in ihrer Behaglichkeit fröhliches Christsein zelebrieren, sondern müssen sich dorthin begeben, wo es Menschen an Lebens-Not-Wendendem fehlt. Diese Not muss natürlich auch oder vielleicht sogar zuerst materiell verstanden werden. Überall dort, wo es Menschen an dem fehlt, um physisch zu überleben, müssen sich Christen und muss sich Kirche besonders herausgefordert wissen. Vor allem dann, wenn sie zu denen gehören, deren materielle Speicher voll sind. Aber diese Not darf nicht nur materiell gedeutet werden. Menschen leiden auch Not, wenn es ihnen an Würde, an Sicherheit, an Sinn und Hoffnung, an Vertrauen und Zuversicht, an Gerechtigkeit, an Zuwendung und Liebe, an Zeit, an Orientierung, an Bildung… fehlt. Diese Not ist neben uns, vor uns, hinter uns… immer wieder auch in uns. Wir werden selbst einander immer wieder zu diesen Rändern und müssen aufeinander zugehen und uns füreinander öffnen.

Eine Kirche, die hinausgeht an die Ränder, wird und ist eine menschliche, barmherzige Kirche und kommt dadurch der innersten Wahrheit Jesu und seines Evangeliums näher. Die Kirche muss hinausgehen an die Ränder, um sich Jesus und seinem Evangelium zu nähern.

 

© Josef Gredler